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StartseiteAndruck - Das Magazin für Politische LiteraturUmberto Eco entlarvt fiktive Komplotte30.08.2021

Muster von VerschwörungenUmberto Eco entlarvt fiktive Komplotte

Verschwörungstheorien haben in Krisenzeiten Hochkonjunktur. Der italienische Schriftsteller und Semiotiker Umberto Eco analysierte schon lange vor der Pandemie die Muster und Strukturen erfundener Komplotte.

Von Ralph Gerstenberg

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Umberto Eco: "Verschwörungen" (Foto: IMAGO / ZUMA Wire, Buchcover: Hanser Verlag)
Bestes Beispiel für Verschwörungsmythen: Die Anschläge vom 11. September 2001 riefen verschiedenste Erfinder von Komplotten auf den Plan. (Foto: IMAGO / ZUMA Wire, Buchcover: Hanser Verlag)
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Umberto Eco war fasziniert von Verschwörungen, Komplotten, Konspirationen. Wie ein roter Faden durchziehen sie sein literarisches und wissenschaftliches Werk. Dabei, das macht er gleich zu Beginn des ersten der drei hier versammelten Essays deutlich, interessieren ihn weniger reale Verschwörungen, wie das Komplott zur Ermordung Julius Cäsars oder der gescheiterte Mordanschlag auf Napoleon III. Tatsächlich stattgefundene Konspirationen, so Eco, würden früher oder später aufgedeckt.

"Interessant ist dagegen das Phänomen des Verschwörungssyndroms und des Erdichtens bisweilen sogar weltumspannender Konspirationen, von denen es im Internet geradezu wimmelt und die mysteriös und unerforschlich bleiben, weil für sie dasselbe gilt wie für das Geheimnis, über das der Soziologe Georg Simmel geschrieben hat, dass es umso mächtiger und verlockender wird, je leerer es ist. Ein leeres Geheimnis erhebt sich drohend und kann weder aufgedeckt noch widerlegt werden, und genau deshalb wird es zu einem Machtinstrument."

Nach welchen Mustern dieses Machtinstrument funktioniert, wie ein "leeres Geheimnis" entsteht und zu einem scheinbar unwiderlegbaren Mysterium wird, das untersucht Umberto Eco dezidiert in den hier versammelten Texten.

9/11 ist Anlass für viele Verschwörungsmythen

Da wäre zum Beispiel der "König aller Komplotte", wie es bei Eco heißt, der Anschlag auf die New Yorker Twin-Towers am 11. September 2001. Die mannigfaltigen, von rechtsradikalen oder arabischen Medien verbreiteten Theorien, in denen wahlweise US-Präsident George W. Bush oder "die Juden" für das Attentat verantwortlich gemacht werden, entkräftet Eco mit einem ebenso klaren wie einfachen Beweis, dem "Beweis des Schweigens".

"Wenn es ein Geheimnis gibt, und sei es auch nur einer einzigen Person bekannt, so wird diese Person es früher oder später offenbaren [...] Um nun einen vorgetäuschten Anschlag auf die Twin Towers zu organisieren [...], wäre die Mitwirkung wenn nicht Tausender, so doch zumindest Hunderter von Personen nötig gewesen. […] Und es ist ganz undenkbar, dass nicht wenigstens eine von ihnen für eine entsprechende Summe geredet hätte."

Dass trotzdem so viele Menschen an krude Theorien glauben und diese weiterverbreiten, liegt laut Eco an der Tatsache, dass uns die Erklärungen für viele Dinge nicht befriedigen. Den Philosophen Karl Popper zitierend, sieht er das Verschwörungssyndrom als eine moderne Form des Theismus. Während man zu Homers Zeiten die Launen der Götter für Katastrophen, Pandemien und Unglücke aller Art verantwortlich machen konnte, traten nach deren Abschaffung finstere Mächte und Interessengruppen an diese Stelle. Das Verschwörungssyndrom ist also eine Form der Realitätsflucht, die man nicht einfach ignorieren könne:

"Wenn man sich vorstellt, Bush habe für den Einsturz der Twin Towers gesorgt, um den Irakkrieg zu rechtfertigen, bewegt man sich zwischen verschiedenen Halluzinationen und verzichtet darauf, die Techniken und wirklichen Gründe für Bushs Intervention im Irak zu analysieren."

Hier geht es zum Literatursommer von Deutschlandfunk (imago / fStopImages / Malte Müller) (imago / fStopImages / Malte Müller)

Appell an den gesunden Menschenverstand

In einer Vorlesung, die er 1993 an der Harvard Universität gehalten hat, beschäftigt sich Umberto Eco mit jenen "fiktiven Protokollen", die unter Antisemiten aller Himmelsrichtungen bis heute für echt gehalten werden, die "Protokolle der Weisen von Zion". Die Entstehung und Verbreitung der 80-seitigen Hetzschrift, die den Nazis unter anderem als Rechtfertigung für den Holocaust diente, war auch Gegenstand von Ecos Roman "Der Friedhof in Prag" von 2010. Damals sagte er in einem Interview, er habe die fiktive Romanform gewählt, um die wahre Geschichte des gefälschten Pamphletes zu erzählen. In dem im Buch enthaltenen Text rekonstruiert er minutiös, wie es durch literarische Entwicklungen und entstehungsgeschichtliche Verwicklungen dazu kam, dass die Fiktion einer jüdischen Weltverschwörung tatsächlich für real gehalten wurde. Seine "Streifzüge durch die Welt der Fiktionen" sei zwar kein "Heilmittel gegen die großen Tragödien unserer Zeit", bemerkt Eco zum Schluss. Doch immerhin:

"Das Nachdenken über die komplexen Beziehungen zwischen Leser und Geschichte, Fiktion und Realität kann eine Form der Therapie sein gegen den Schlaf der Vernunft, der Ungeheuer gebiert."

Den dritten und letzten Text über "imaginäre Astronomien" kann man nur mit viel gutem Willen dem Themenkomplex "Verschwörungen" zuordnen. Dennoch ist die Idee des Hanser Verlages, angesichts der Inflation an kursierenden Verschwörungstheorien einen Band von Umberto Eco dazu herauszubringen, nur zu begrüßen. Alles, was der 2016 verstorbene italienische Schriftsteller und Semiotiker dazu zu sagen hatte, ist geistreich, durch ein geradezu enzyklopädisches Wissen fundiert und in der Analyse erhellend. Und es macht einfach Spaß, diese Texte zu lesen.

Umberto Eco "Verschwörungen. Eine Suche nach Mustern",
aus dem Italienischen von Martina Kempter und Burkhart Kroeber,
Hanser Verlag, 128 Seiten, 12 Euro.

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