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StartseiteInterviewLukaschenko "sieht Sportler fast schon wie seine Sklaven"03.08.2021

Mutmaßlich versuchte Entführung von Kristina TimanowskajaLukaschenko "sieht Sportler fast schon wie seine Sklaven"

Anton Nadzielka vom Verein Razam hält den Vorwurf, dass die belarussische Sprinterin Kristina Timanowskaja aus Japan entführt werden sollte, für glaubwürdig. Er geht davon aus, dass der Befehl dazu von Alexander Lukaschenko aus Minsk kam, sagte er im Dlf. Sportler müssten machen, was der Präsident sage.

Anton Nadzielka im Gespräch mit Thielko Grieß

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Belarus' Krystsina Tsimanouskaya competes during a women's 200 meter heat race at the European Athletics Championships in Berlin, Germany, Friday, Aug. 10, 2018. (AP Photo/Michael Sohn) (AP Photo/Michael Sohn)
Die belarussische Sprinterin Kristina Timanowskaja hat in Polens Botschaft in Tokio ein humanitäres Visum erhalten (AP Photo/Michael Sohn)
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Eigentlich hätte die Läuferin Kristina Timanowskaja im 200-Meter-Sprint der Damen für ihr Heimatland Belarus bei den Olympischen Sommerspielen in Tokio antreten sollen. Doch dann, vor ein paar Tagen, kritisiert sie in einem Instagram-Post die Funktionäre des belarussischen Nationalen Olympischen Komitees. Diese hätten sie ohne ihr Wissen einfach auch für die vier Mal 400 Meter Staffel aufgestellt und eingeteilt. Das Olympische Komitee der Republik Belarus zog daraufhin Timanowskajas Start von den Wettkämpfen "aufgrund des emotionalen und psychologischen Zustands der Athletin" zurück, angeblich auf Anraten der Ärzte. Das sei falsch, konterte Timanowskaja auf Instagram.

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Daraufhin sollte sie nach Einschätzung der Opposition von den autoritären Behörden ihres Landes aus Japan entführt und nach Belarus gebracht werden. Polen und Tschechien boten ihr inzwischen ein humanitäres Visum an - sie ist derweil auch noch in Tokio (Stand: 03.08.2021). Das Internationale Olympische Komitee hat in dem Fall nun eine förmliche Untersuchung eingeleitet.

Der Vorsitzende der Belarussischen Gemeinschaft "Razam e.V.", Anton Nadzielka, geht davon aus, dass Kristina Timanowskaja entführt werden sollte. Razam versucht aus dem europäischen Ausland, die Opposition in Belarus zu unterstützen. Nadzielka stammt aus Minsk und lebt seit zehn Jahren in Deutschland.

Der belarussische Präsident Lukaschenko erwarte von den Sportlern, dass sie alles machten, was er sage und keine öffentliche Meinung äußern, sagte Nadzielka im Dlf. "Sport ist für ihn wie sein Lieblingshobby und er sieht alle Sportler, ich würde schon fast sagen, wie seine Sklaven. Das sind Menschen, die keinen Willen haben, die nur das machen sollen, was er sagt, weil sie ja von ihm Geld kriegen", so Nadzielka über den belarussischen Präsident Lukaschenko im Dlf.

Players - Podcast zu Olympia (Deutschlandradio) (Deutschlandradio)

Das Interview im Wortlaut:

Thielko Grieß: Es wurde ja in dieser Sache Timanowskaja sehr schnell von dem Versuch von Kidnapping gesprochen. Teilen Sie diese Einschätzung?

Anton Nadzielka: Ja, ich teile diese Einschätzung. Ich sehe das auch genauso. Ich habe auch mit der Solidaritätsstiftung gesprochen, die Kristina Timanowskaja geholfen hat in der Station, und sie haben mir erzählt, wie genau das passiert ist. Kristina Timanowskaja saß in ihrem Hotelzimmer und dann kamen auf einmal drei Menschen aus dem olympischen Team von Belarus und sie hatte keine Wahl. Sie konnte nicht Nein sagen, weil da waren in diesem Zimmer keine andere Menschen. Deswegen fand sie es für ihre beste Chance, nicht entführt zu werden, bis zum Flughafen mit denen mitzufahren und dann zur Polizei zu gehen, und das hat am Ende funktioniert. Auf dem Weg hatte sie keine Polizei gesehen.

Ich muss aber dazu sagen: Ich kann gut verstehen, dass diese Staatsbeamten das nicht verstanden haben, was sie gemacht hat, weil sie haben sie nicht wie eine Person mit eigenem Willen gesehen, weil sie eine Sportlerin ist, und Sportler müssen alles machen, was der Staat sagt.

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Eigentlich hätte Kristina Timanowskaja am Montag in Tokio über die 200 Meter sprinten sollen – stattdessen weiß sie nicht, ob sie sicher in ihr Heimatland Belarus zurückkehren kann. Denn nachdem sie belarussische Sportfunktionäre kritisiert hatte, sollte sie offenbar gewaltsam nach Hause gebracht werden. 

Grieß: Sie meinen die belarussischen Funktionäre oder die belarussischen Beamten, die sie da begleitet oder vielleicht gezwungen haben, zum Flughafen zu kommen.

Nadzielka: Ja.

"Aber es kann gut passieren, dass ihre Verwandten bedroht werden"

Grieß: Glauben Sie, dass die Entscheidung, das so zu handhaben, in Tokio im belarussischen Team oder in der Führung des belarussischen Teams gefallen ist, oder kam der Befehl dazu aus Minsk?

Nadzielka: Ich bin ziemlich zuversichtlich, dass der Befehl aus Minsk kam. In dem Gespräch, was jetzt schon veröffentlicht wurde, in der Audioaufnahme hört man ziemlich eindeutig, wo der Cheftrainer der russischen Mannschaft sagt, dass die Entscheidung von jemandem, der höher ist als das Ministerium, getroffen wurde, und das ist nur Lukaschenko. Es gibt niemanden, der höher in diesem Ministerium ist, außer ihm.

Grieß: Das ist ein Gesprächsmitschnitt, den Sie ansprechen, von etwa 20 Minuten, steht auf YouTube, auf Russisch, das Gespräch irgendwie mitgeschnitten zwischen Timanowskaja und dem Cheftrainer. Schauen wir auf Timanowskajas Familie. Sie ist ja nicht alleine. Sie ist verheiratet. Ihr Mann ist aus Belarus ausgereist in die sichere Ukraine. Er befindet sich jetzt in Kiew. Aber es gibt ja weitere Angehörige der Sportlerin, die weiter in Belarus leben. Was blüht, was droht denen nun?

Nadzielka: Das ist eine ziemlich gute Frage. Ganz genau wissen wir nicht, was mit denen passieren wird. Wir wissen nur, dass die Staatspolizei auch zu denen gefahren ist und sie wurden befragt. Weitere Stationen wissen wir noch nicht. Vielleicht erfahren wir heute mehr. Aber es kann gut passieren, dass ihre Verwandten bedroht werden, um sie zu zwingen zurückzufahren. Das ist schon einmal passiert mit einer Journalistin von Belsat. Die ist selber nach Polen geflohen. Aber dann ist die Polizei zu Verwandten gekommen und hat versucht, dass sie zurückfährt. Das ist auch sogar noch mal passiert mit einem Richter, der aus Minsk geflohen ist, aber danach ist die Polizei zu seinen Verwandten gekommen und sie waren dann in Untersuchungshaft.

"Alles weitere wird sich in Polen klären"

Grieß: Sie sind ja gut vernetzt in diesem Netzwerk von Oppositionellen, auch Exilanten, die in Belarus nicht mehr sicher leben können und deshalb im europäischen Ausland leben, im Baltikum, in Polen, zum Teil auch in Deutschland. Sie haben auch gestern Telefonate geführt. Wie ist das mit dem polnischen Hilfsangebot gelaufen? Es gibt jetzt womöglich auch Asyl, zumindest eine Aufenthaltsgenehmigung für Timanowskaja in Polen. Sie soll heute sogar schon nach Warschau fliegen. Wie ist das vermittelt worden?

Nadzielka: Es sieht so aus, als ob sie ein humanitäres Visum momentan kriegt, und mit diesem Visum fliegt sie dann nach Polen und mit diesem Visum darf sie auch ziemlich lange in Polen bleiben. Es wurden vor mehreren Monaten Ausnahmen eingeführt, so dass man mit diesem Visum auch arbeiten kann und eigentlich ziemlich viele Rechte hat. Ich denke, sie wird dann alles weitere in Polen klären, so dass sie so schnell wie möglich weiter Sport ausüben kann und vielleicht sich zum polnischen Team schließt. Aber weiter wissen wir leider noch nichts.

"Nach den Spielen braucht der Staat die Sportler nicht mehr"

Grieß: Kristina Timanowskaja ist ja nicht als Oppositionelle bislang aufgefallen. Aber es gibt sechs oder sieben, jedenfalls einige Sportlerinnen der belarussischen Mannschaft, die im vergangenen Jahr in einem offenen Brief die Wahlfälschung im vergangenen Jahr kritisiert haben, die Gewalt der Polizeieinheiten, die Folterungen. Sie haben auch gefordert eine Freilassung der politischen Gefangenen. Was droht denen, und die nehmen ja weiterhin teil an den Wettkämpfen in Belarus? Was droht denen, meinen Sie, nach Ende dieser Wettkämpfe?

Nadzielka: Ich kann mir vorstellen, wenn sie zurückkommen nach Belarus, dass sie alle verhaftet werden. Sie haben schon solche Drohungen von Staatsbeamten bekommen. Denen wurde gesagt, vor den Olympischen Spielen bräuchte der Staat sie, weil sie wollten auch nicht mehr bei den Olympischen Spielen sein, beim Olympischen Komitee von Belarus. Aber nach den Spielen braucht der Staat die nicht mehr und deswegen kann es gut passieren, dass sie dann im Gefängnis sind. Ich weiß nicht, welche Entscheidung sie treffen, ob sie zurückfliegen oder doch auch versuchen wie Kristina Timanowskaja, in ein anderes Land zu fliegen. Ich muss aber dazu sagen: Ich habe gestern noch auf Instagram nach Kristina Timanowskaja geschaut geschaut und habe herausgefunden, obwohl sie keinen Brief unterschrieben hat, dass sie in ihrem Instagram öffentlich Fotos gepostet hat mit dem Text, dass sie auch gegen Gewalt für das Volk ist, und sie möchte, dass diese ganze Gewaltwelle gestoppt wird. Sie hat sich öffentlich geäußert.

Grieß: Abweichend von der herrschenden Staatsmeinung und leise Kritik hat sie geübt an Alexander Lukaschenko, dem amtierenden Präsidenten – derjenige, der meint, er habe die Wahl im vergangenen Jahr gewonnen. – Das was wir hier besprechen, was sagt das aus über Lukaschenkos Bild vom Sport und Bild von belarussischen Sportlerinnen und Sportlern?

Nadzielka: Das ist schon lange bekannt. Sport ist für ihn wie sein Lieblingshobby und er sieht alle Sportler, ich würde schon fast sagen, wie seine Sklaven. Das sind Menschen, die keinen Willen haben, die nur das machen sollen, was er sagt, weil sie ja von ihm Geld kriegen. Er versteht nicht, dass das Geld, was er hat, nicht sein Geld ist. Das ist Geld von den Menschen in Belarus. So sieht er das nicht. Deswegen erwartet er von ihnen, dass sie alles machen was er sagt und überhaupt keine öffentliche Meinung äußern.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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