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StartseiteForschung aktuellMutterkorn an der Küste28.05.2013

Mutterkorn an der Küste

Pilz befällt Schlickgras an der Nordsee

In den Salzwiesen der Nordsee gedeiht seit einigen Jahren das sogenannte Schlickgras. Diese invasive Art gelangte aus Amerika dorthin und hat auch gleich ihren ärgsten Feind mitgebracht: das Mutterkorn - ein Pilz, der nun auch für Mensch und Tier gefährlich werden könnte.

Von Michael Engel

Mutterkorn (Claviceps purpurea) (picture alliance / Arco Images GmbH - Diez, O.)
Mutterkorn (Claviceps purpurea) (picture alliance / Arco Images GmbH - Diez, O.)
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Fast überall in den Rispen des Schlickgrases – Spartina anglica - fanden Wissenschaftler der Uni Hannover purpur-schwarz schillernde Gebilde. Genau dort, wo normalerweise die Samen wachsen. Für Professor Jutta Papenbrock vom Institut für Botanik war der Fall sofort klar: Mutterkorn!

"Ja, ganz spannende Geschichte. Also es gibt nicht nur "den Pilz", sondern es gibt drei Stämme. Also bisher sind drei Stämme bekannt. Man kann auch von Arten eventuell ausgehen. Und eine Art geht tatsächlich nur auf Getreide – also eine Pilzart. Eine andere Art geht auf verschiedene Grasarten, und diese dritte geht auf Schlickgras – auf Spartina. Ursprünglich hat man diese Pilzart nur in den USA gefunden."

Vermutlich – so die Botanikerin – ist der Pilz mit der Meeresströmung nach Europa gekommen. Denkbar ist auch eine Reise im Ballastwasser von Schiffen. Wie dem auch sei: In diesem Fall sind gleich zwei invasive Arten, sogenannte Neophyten, die schon in ihrer amerikanischen Heimat auf das Engste miteinander verwoben waren, auf Tour gegangen. Wahrscheinlich sogar im Huckepack. Nun haben der Mutterkornpilz und Schlickgras an der Nordseeküste eine neue Ökonische gefunden.

"Wenn die Blüten des Schlickgrases geöffnet sind und quasi auf eine Bestäubung der Pollen warten, können sie dann auch von den Sporen des Pilzes befallen werden. Und dann wächst an der Stelle, wo sich normalerweise die Frucht entwickeln würde, dieses Mutterkorn. Das heißt, es ist ein echter Parasit. Er wird versorgt von der Pflanze und wächst dann dort, wo normalerweise die Frucht wachsen würde."

Mutterkorn auf dem Getreide ist in Europa seit jeher bekannt für die Giftigkeit. Wenn die schwarzen Körner zum Beispiel zu Brot verarbeitet werden, können sie das sogenannte "Antoniusfeuer" auslösen. Der Pilz enthält giftige Alkaloide, die Darmkrämpfe, Halluzinationen, Atemlähmungen und sogar Herzstillstand auslösen können. Mutterkorn auf dem Salz-Schlickgras ist noch gefährlicher, weil die Konzentration der Mutterkornalkaloide höher ist als beim Getreide, so die Botanikerin.

"Deichschafe könnten das fressen. Wir haben Fraßspuren gefunden von Tieren, ob nun Schafe oder Rinder ist nicht ganz klar. Es ist sicherlich nicht das bevorzugte Futter. Oftmals werden die Deichschafe dann ja auch im Winter reingeholt. Aber prinzipiell können sie das essen. Und im Herbst – also Oktober/November – ist das sicherlich eine Möglichkeit."

In diesem Jahr sind besonders viele Gräser betroffen. Neben intakten Samen, aus denen sich in der nächsten Vegetationsperiode neue Pflanzen entwickeln, befindet sich auch noch das markante Mutterkorn auf den Rispen. Botaniker sprechen von "Sklerotien". Es sind zwei Zentimeter lange und nur zwei Millimeter dünne Gebilde, aus denen sich kein Schlickgras mehr entwickeln kann. Im Herbst fallen die gefährlichen Sklerotien vom Halm und werden mit der Flut an den Küstensaum gespült.

"An den Stränden spielen mit Sicherheit kleine Kinder, Kleinstkinder. Und man findet dort viele Dinge und unter anderem im Moment viele Sklerotien, viele Mutterkörner in großer Menge. Und Kleinkinder stecken wirklich viel in den Mund, und insofern kann es durchaus dazu kommen, dass sie auch mehrere von diesen Mutterkörnern essen."

Etwa 100 Sklerotien könnten einen Erwachsenen töten. Die Wissenschaftlerin möchte keine Panik machen, wohl aber vor allem die Eltern kleiner Kinder darauf hinweisen, dass sie die kleinen schwarzen Körner in der Uferzone der Nordseeküste im Blick behalten sollten. Anfassen der Sklerotien oder schwimmen im Wasser sei dagegen ungefährlich.

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