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StartseiteTag für TagMystiker und Meister der tanzenden Derwische27.06.2013

Mystiker und Meister der tanzenden Derwische

Der persische Dichter Rumi und der Sufismus

Durch das Mausoleum des persischen Mystikers Rumi (1207 - 1273) ist die türkische Stadt Konya zum Wallfahrtsort vor allem für die Anhänger des Sufismus geworden. Nach Rumi, dem bedeutendsten persischen Dichter des Mittelalters, ist der Mevlevi-Derwisch-Orden benannt.

Von Margarete Blümel

Tanzende Derwische gehen auf den Mystiker Rumi zurück. (AP)
Tanzende Derwische gehen auf den Mystiker Rumi zurück. (AP)

"Wenn sie am Tage des Todes
tief in die Erde mich senken,
dass mein Herz dann noch auf Erden weile,
darfst du nicht denken...
Siehst meine Bahre du ziehen,
lass' das Wort Trennung nicht hören,
weil mir dann ewig ersehntes
Treffen und Finden gehören!
Klage nicht "Abschied, ach Abschied!"
wenn man ins Grab mich geleitet:
Ist mir doch selige Ankunft
hinter dem Vorhang bereitet."


Anfang Dezember des Jahres 1273 gab es in Konya im Osten der Türkei mehrere Erdbeben. Weder am Tag noch in der Nacht fanden die Einwohner der anatolischen Stadt Ruhe. Einer von ihnen aber, der auf dem Totenbett lag, war der Dichter und Mystiker Maulana Dschelaleddin Rumi. Trotzdem tröstete er die Bewohner Konyas und sagte über sein eigenes Schicksal:

"Die Erde ist hungrig. Bald wird sie einen fetten Brocken bekommen und Ruhe geben."

Wenige Tage darauf, am 17. Dezember 1273, schied Rumi aus der Welt. Der Mystiker, der ein Leben lang in allem und überall Spuren des göttlichen Wirkens gesehen hatte, wurde aus dem Käfig des irdischen Leibes befreit – um zum Gotteshauch zu werden.

"Ich war 25, als ich während meines Studiums an der Oxford University erstmals mit Rumi in Berührung kam. Zunächst war es die ausgesucht schöne Sprache, die mich für ihn einnahm. Als ich mich dann der Mystik zuwandte, fanden seine Verse einen Widerhall in meinem Herzen. Schließlich wurden sie zum Zentrum meines Lebens."

So Andrew Harvey, der Religionshistoriker der Universität Oxford und Übersetzer Rumis.

Die Verse, Lehrgedichte und Prosaschriften des 1207 geborenen Philosophen Maulana Dschelaleddin Rumi sind bis heute von großer Bedeutung. Rumis Hauptwerk, das mystische Langgedicht Mathnawi, gilt als "Koran in persischer Zunge". Poeten und Denker des Islams haben Rumis Literatur immer wieder aufgegriffen, um ihre Standpunkte zu unterstreichen, um religiöse Differenzen zu beleuchten oder ganz einfach, um mithilfe seiner inspirierenden Verse Themen der Moderne angemessen darzustellen.

Und: Rumis Verse und Anekdoten haben Eingang in die Volksliteratur und in die Musik der Türkei, Indiens und des Irans gefunden. Im Westen ist Rumis Botschaft zum Synonym für mystischen Enthusiasmus und für die sufische Vereinigung mit dem Geliebten, mit Gott, geworden.

"Glaubst du, ich weiß, was ich tue?
Dass ich einen Atemzug lang oder einen halben mir selber angehöre?
Nicht mehr als eine Feder weiß, was sie schreibt
oder der Ball vermuten kann, wohin er fliegt."


"In meinen Augen ist Rumi vor allem deshalb so bedeutsam, weil er den Islam auf eine ureigene Weise präsentiert. Er bezeichnet diesen Glauben als Juwel. Wenn er richtig interpretiert werde, sagt Rumi, dann bahne der Islam den Weg durch den Wahnsinn, den die Fundamentalisten in die Welt gebracht haben. Rumi hat dem Islam ins Herz geschaut!"

Im Jahre 1230 galt das in Zentralanatolien gelegene Konya als Zentrum islamischer Religiosität und Kultur. In dieser Ära übernahm der damals 27-jährige Maulana Dschelaleddin Rumi nach einem Studium der Theologie den Lehrstuhl seines Vaters Baha'uddin Walad an der Universität in Konya. Der Vater war ein angesehener Theologe in der Tradition des großen Gelehrten Ahmad Ghazali.

Ein anderer Schüler seines Vaters machte Rumi dann mit dem Sufismus bekannt. Ebenso, wie für andere Muslime, sind die Offenbarungen des Korans und die damit verbundenen Pflichten und Gesetze auch für Sufis von großer Bedeutung. Die Sufis streben aber eine emotional gelebte Spiritualität an, die gereinigt ist von allem Aberglauben, aber auch Dogmatismus, Fanatismus und Egoismus. Sie suchen das unmittelbare Erleben Gottes, das oft als Vereinigung mit dem Geliebten bezeichnet wird.

"Und denke so inständig Gottes
bis selber du dich ganz vergisst,
dass du im Gerufenen aufgehst
wo Rufer und Ruf nicht mehr ist."


Diese von Rumi beschriebene Selbstvergessenheit, das Einssein mit Gott, kann über verschiedene Wege erreicht werden. Rhythmisches Tanzen und Singen, Andachtsübungen, bei denen Gottesnamen intoniert werden, Leben in völliger Askese und schmerzvolle Bußübungen sind nur ein Teil des Repertoires, das manche Sufis sich zu eigen machen.

Auch Praktiken, die anderen Muslimen als streng verboten ansehen, können dazugehören – etwa das Ausleben von Sinnesfreuden oder Drogengenuss. Einige Jahre nach seiner Einweisung in den Sufismus fügte Rumi dem Ganzen eine weitere Variante hinzu: das mystische Einswerden mit seinem Lehrer Schams-i Tabrisi.

"Als Rumi seinem großen Lehrer Schams zum ersten Mal begegnete, war er Ende 30. Schams war etwa 25 Jahre älter. Schon bald fanden sich die beiden in einer intensiven mystischen Liebesbeziehung wieder. Doch das Ganze währte gerade einmal drei Jahre. Denn Schams verschwand. Möglicherweise ist er ermordet worden."

Die intime Beziehung zwischen Rumi und dem Derwisch Schams-i Tabrisi war in Konya ein offenes Geheimnis. Die letzten Zweifel an der Natur dieses Verhältnisses wurden in den Augen vieler Beobachter durch Rumis Verse ausgeräumt. In einigen Gedichten beschrieb der Mystiker das Zusammensein mit seinem Freund dergestalt, dass der Fantasie nur noch wenig Spielraum blieb.

Doch ob Rumi und Schams einzig in ihrer Liebe zu Gott vereint waren oder ob ihr Miteinander auch erotische Elemente barg, kam nie ans Tageslicht. Und da Rumi ein respektabler, wenn nicht gar hochverehrter Bürger der Stadt war, sorgte das Verhältnis der beiden Gottessucher zwar immer wieder für Gerede, wurde aber hinter vorgehaltener Hand diskutiert.

Nach zwei Jahren des Beisammenseins mit seinem geliebten Schüler hatte Schams-i Tabrisi dann die Stadt verlassen. Es hieß, dass der Neid und die Eifersucht auf seine Freundschaft mit Rumi zu groß geworden seien. Nach einer Weile kehrte der Derwisch noch einmal für kurze Zeit wieder nach Konya zurück. Doch dann verschwand er plötzlich für immer. Jetzt gab es Gerüchte, Schams-i Tabrisi sei ermordet worden. Aber die wahren Begleitumstände seines Verschwindens wurden nie geklärt.

Rumi zog sich aus der Öffentlichkeit zurück. Einer seiner Söhne beschrieb den Freunden des Vaters, wie es damals um den Mystiker stand.

"Nach der Trennung gebärdete er sich wie ein Verrückter. Er ist ein in Liebe versunkener Dichter geworden. Er war ein Frommer, nun ist er ein betrunkener Kneipenwirt. Doch er ist nicht betrunken vom Wein der Trauben. Derjenige, der dem Licht Gottes angehört, der trinkt nichts anderes als vom Wein des göttlichen Lichts."

"Drei Jahre lang war Rumi außer sich vor Schmerz. Eines Tages aber erkannte er dann, dass er durch die überaus innige Verbindung eins mit Schams geworden war. Die Trennung war nun aufgehoben. In diesem Zustand der wundersamen, unbegreiflichen Erkenntnis schrieb er einige seiner größten Werke – die mystischen Meisterstücke, durch die wir ihn heute kennen."

Und vergaß Rumi nicht, was ihn in der dunkelsten Periode seines Lebens getröstet hatte – die Musik. Auf seinem Weg zurück ins Leben hatten ihn der Klang von Laute, Harfe und Flöte mit neuer Zuversicht erfüllt. Denn der Gesang und die leidenschaftlichen Tonfolgen der Instrumente waren es gewesen, die ihm den Geliebten wieder vors innere Auge zurückgerufen hatten.

"Ich sah den Freund;
er schritt ums Haus im Kreise,
auf seiner Laute schlug er eine Weise.
Mit feuergleichem Schlag, ein süßes Lied
spielt' er, vom Wein der Nacht berauscht, durchglüht."


Doch Rumi hatte nicht nur einen Weg gefunden, dem fernen Freund wieder ganz nahe zu sein. Er war auch zurückgekehrt in das Paradies seiner Sehnsucht: zur unmittelbaren Begegnung mit Gott.

Während Rumi sich damals erholte, hatte er den göttlichen Reigentanz ersonnen, den einer seiner Söhne später zur zentralen Aktivität des weltberühmten Mevlevi-Ordens erheben sollte. Während des wirbelnden Tanzes der Mevlevis werfen die Derwische mit ihren schwarzen Mänteln auch ihr dunkles Erdenleben ab, um in der göttlichen Liebe aufzugehen und zu höherem Leben zu erwachen.

"Nachdem einer von Rumis Söhnen damals den Mevlevi-Orden gegründet hatte, verbreitete sich diese Sufi-Bruderschaft, die auf den Lehren Rumis basiert, rasch über die ganze islamische Welt hinaus bis in den Westen. Damit wurde auch seine Dichtung in der westlichen Welt sehr populär. Und heute ist Rumi ein bedeutender Poet in Ost und West."

Die Ideale der Ordensgemeinschaft bestehen unter anderem aus dem Streben nach absolutem Gottvertrauen und aus der Maxime, den Nächsten als Spiegelbild Gottes anzusehen und ihn auch entsprechend zu behandeln, auch über die Grenzen der einzelnen Religionen hinweg.

Trotz seiner Affinität zu Jesus und einer bemerkenswert toleranten Haltung gegenüber anderen Religionen bezog Rumi sein Gottesbild einzig aus dem Koran. Demgemäß war Allah für Rumi der Schöpfer, der Erhalter und der Richter der Welt. Denn er ist für Rumi der Gott aller Menschen und aller Religionen.

Der Koran war der Schlüssel für Rumis Weltanschauung, auch wenn, wie er sagte, diese heilige Schrift des Islam wie eine Braut sei, die sich verstecke, wenn man sie allzu schnell entschleiern wolle.

"Was soll ich tun, o ihr Muslime?
Denn ich kenn' mich selber nicht:
Weder Christ noch bin ich Jude,
und auch Pars' und Muslim nicht:
Nicht von Osten, nicht von Westen,
nicht vom Festland, nicht vom Meer,
Nicht vom Diesseits, nicht vom Jenseits,
nicht von Eden, nicht von der Hölle.
Die Zweiheit habe ich verworfen,
ich sah in beiden Welten eines.
Einen such' ich,
einen ruf' ich,
einen kenn' ich,
einen nenn' ich.
Wenn in meinem Leben nur
ein Hauche ohne Dich vergeht,
Ab diesem Tag und dieser Stunde,
für dieses Leben schäm' ich mich."


"Rumi weist uns die Richtung in das nächste Stadium der menschlichen Evolution. Gleich, welchen Glaubens wir sind – er ermuntert uns dazu, den Pfad der Liebe zu beschreiten, um so schließlich in die nächste Dimension einzutreten."

Die Oden Rumis stellen ein großes Lehrgedicht dar, das in den Augen des Mystikers nur ein Ziel verfolgte: den Menschen das Licht der Erkenntnis und die allumfassende Gottesliebe nahezubringen.

"Wo die Liebe ist, gibt es kein Ich."

Als Maulana Dschelaleddin Rumi am 17. Dezember 1273 starb, weinten Juden, Christen, Anhänger des Sufismus und andere Muslime gemeinsam um ihn. Die Bewohner Konyas begleiteten Rumi zu seinem Grab, das bis heute ein bedeutender Wallfahrtsort geblieben ist. Die Inschrift auf Rumis letzter Ruhestätte birgt seinen universalen Aufruf – eine Einladung an alle, die ihr ganzes Sein auf Gott ausrichten wollen.

"Komm', komm', wer immer du bist,
Wanderer, Götzenanbeter.
Du, der du den Abschied liebst.
Es spielt keine Rolle.
Dies ist keine Karawane der Verzweiflung.
Komm', auch wenn du deinen Schwur tausendfach gebrochen hast.
Komm', komm', noch einmal komm."

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