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StartseiteEuropa heuteZwischen Tradition und Geschichte04.07.2018

Mythos Fremdenlegion (3/5)Zwischen Tradition und Geschichte

"Die Legion ist unser Vaterland" - so lautet der Leitspruch der Fremdenlegion. Die Pflege ihrer militärischen Tradition soll dafür sorgen, dass Legionäre eine neue, gemeinsame Heimat bekommen, egal woher sie stammen. Bestimmte historische Fakten rücken dabei allerdings in den Hintergrund.

Von Gerwald Herter

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Soldaten der Fremdenlegion paradieren während einer Zeremonie zur Erinnerung an die historische Schlacht von Camerone in Mexiko (1863) am 29.04.2015 in Aubagne, Frankreich.  (dpa / Gerd Roth)
Soldaten der Fremdenlegion erinnern alljährlich an die historische Schlacht von Camerone (dpa / Gerd Roth)
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Dass Traditionen in der Fremdenlegion keine lästige Pflicht sind, kann man in der Unteroffiziersmesse in Aubagne erfahren. Neben dem Eingang über der Bar hängt hier, im tiefen französischen Süden das Porträt eines Deutschen, den in seiner alten Heimat wohl kaum noch jemand kennt: Hubert Kahlen, geboren 1892 in Köln, 1913 in die Legion eingetreten, hochdekoriert, 1976 verstorben - ein, so steht es im Text unter Glas, "Unteroffizier von hohem Prestige, bewundernswert und in allem ein Vorbild."

Dass man besonders verdiente Fremdenlegionäre ehrt, ist bei Weitem nicht die einzige Tradition. So gehört es zum guten Ton, allen anwesenden Unteroffizieren zur Begrüßung die Hand zu geben, bevor es ans Essen geht. Selbst wenn man 20 oder vielleicht 30 Hände schütteln muss - und das noch so viel Zeit kostet.

Das Museum der Fremdenlegion liegt nur wenige Schritte entfernt. Wie Touristen kommen hier jede Woche auch Schulklassen vorbei, um Sonderschauen oder die Dauerausstellung zur Geschichte der Legion zu betrachten. Der Eintritt ist frei, die Kinder werden, wie auch andere Besucher freundlich begrüßt.

"Ich bin Kommandant Yann Domenech de Cellès, Konservator des Museums seit dem letzten Sommer und glücklich, es ihnen präsentieren zu dürfen."

Werte und Traditionen konservieren

Der Kommandant gehört zu den Spezialisten, die über die französische Armee in die Legion gekommen sind. Im Museum arbeiten sogar Restauratoren, die die Fremdenlegion angestellt hat. Es gilt, viele Trophäen und Erinnerungsstücke, wie Pistolen oder Wurfspeere, Uniformen oder Plakate aufzuarbeiten. Seit der Gründung der Einheit 1831 hat sich viel angesammelt. Nur einiges kann ausgestellt werden. Innerhalb der Legion soll das einem ganz bestimmten Zweck dienen.

Ausstellung zum Indochina-Krieg (Deutschlandradio / Gerwald Herter)Erinnerung an Kolonialkriege: Viele deutsche Legionäre kämpften in Indochina in Einheiten der Fremdenlegion (Deutschlandradio / Gerwald Herter)

"Wegen der Vielzahl der Nationalitäten, aus denen die Fremdenlegion besteht, brauchen wir eine gemeinsame Basis der Werte, der Tradition, der Geschichte, der Regeln, die es jedem erlaubt seinen Platz zu finden."

So wird der Außenstehenden wohl meist unbekannten "Schlacht von Camerone" besonders viel Platz eingeräumt. Die Legion erlitt dabei, am 30. April 1863 in Mexiko eine bittere Niederlage. 2000 Mexikaner standen etwa 60 Fremdenlegionären gegenüber, 40 davon starben, 17 wurden verletzt. Die letzten Überlebenden ergaben sich erst, als sie keine Munition mehr hatten - unter der Bedingung, ihre Verwundeten versorgen und ihre Waffen behalten zu dürfen.

Uniformen in Vitrinen, Waffen, Fahnen, Schautafeln

Jedes Jahr gedenkt die Fremdenlegion dieser Schlacht, der 30. April ist ihr höchster Feiertag. Die hölzerne Hand-Prothese des dabei gefallenen, Capitaine Jean Danjou wird im Ehrensaal der Legion aufbewahrt. Zur großen Feier am 30. April wird sie, einer Reliquie ähnlich, hervorgeholt und präsentiert.

Das Museum ist vor einigen Jahren neu gestaltet worden. Man setzt kaum auf Multimediales: stattdessen Uniformen in Vitrinen, Waffen, Fahnen, Schautafeln, auf denen Ereignisse und Entwicklungen erläutert, aber nicht immer vertieft werden.

Der Krieg in Algerien zum Beispiel. Zwischen 1954 und 1962 kämpften Aufständische dort für die Unabhängigkeit der Kolonie von Frankreich, reguläre französische Truppen und Regimenter der Fremdenlegion standen ihnen gegenüber: 

"Also, natürlich wird Algerien hier dargestellt. Wir haben Uniformen der Legion in Algerien, die hier ausgestellt sind".

Aber nicht viel mehr. Dabei setzte die aufständische FLN auch auf terroristische Methoden und auf der anderen Seite schreckten französische Einheiten nicht vor Folter zurück. Yann Domenech de Cellés gibt sich davon überzeugt, dass derlei in diesem Museum nicht dargestellt werden müsse.

"Da fanden militärische Operationen statt. Es gab Fälle von Selektionen, dann kam es zu Hinrichtungen. Das ist hinreichend bekannt. Die Frage müssen sie mir nicht stellen, das kann man im Radio hören! Ich würde sagen, dass das auf beiden Seiten stattfand und auch in allen Armeen in bestimmten Regimentern. Nichts, was für die Legion spezifisch wäre."

Fremdenlegionäre während der letzten Parade am 14. Juli 1962, dem französischen Nationalfeiertag, auf dem Stützpunkt in Sidi-Bel-Abbes in Algerien.  (dpa / UPI)Fremdenlegionäre während der letzten Parade am 14. Juli 1962 auf dem Stützpunkt in Sidi-Bel-Abbes in Algerien.  (dpa / UPI)

Als General de Gaulle Algerien 1962 in die Unabhängigkeit entließ, war das das Ende des französischen Kolonialreichs. Die Fremdenlegion war ursprünglich jedoch eine Kolonialarmee, ihr wichtigster Stützpunkt lag in Nordafrika, in Sidi bel Abbés. Und so beteiligten sich auch Offiziere der Fremdenlegion 1961 am sogenannten "Putsch der Generale", dem Versuch sich De Gaulle gewaltsam zu widersetzten:

"Das war nicht allein die Fremdenlegion, das waren auch Regimenter der regulären französischen Armee. Einige wollten sich den politischen Entscheidungen nicht anschließen. Da war das Gefühl, fast acht Jahre lang unter schwierigsten Bedingungen gekämpft zu haben, Kameraden verloren zu haben. Das Gefühl verraten worden zu sein."

Die Wunde Algerienkrieg

Eine tiefe Zäsur in der Geschichte der Fremdenlegion. Ihr 1. Fallschirmjägerregiment wurde aufgelöst. Einige Jahre lang durfte die Fremdenlegion nicht mehr an der Truppenparade zum 14. Juli auf den Pariser Champs-Elysées teilnehmen.

Commandant Domech de Cellés sagt, die Geschichte der Fremdenlegion sei eben Teil der französischen Geschichte. Und der Algerien-Krieg sei auch deshalb so umstritten, weil es noch sehr viele Zeitzeugen gebe. Und in der Tat: Viele Wunden sind in Frankreich bis heute nicht verheilt.

Den Namen Jean-Marie Le Pen, dem Gründer des Front National, nennt er nicht. Auch Le Pen hatte zum aufgelösten ersten Fallschirmjägerregiment der Fremdenlegion gehört.

Immer wieder drängt der Konservator nun zur Eile, es folge ein wichtiger Termin, auf den er sich noch vorbereiten müsse.

Waren unter den deutschen Legionären auch Kriegsverbrecher?

Nur noch einige kurze Fragen, denn die Geschichte der Legion ist doch auch eng mit der deutschen Geschichte verbunden: Nach dem Zweiten Weltkrieg traten viele Kriegsgefangene in die Fremdenlegion ein. Frankreich brauchte Soldaten für den Krieg in Indochina. Waren unter den deutschen Legionären auch Kriegsverbrecher?

"Ich weiß nicht. Man müsste ihre Akten studieren. Ich glaube, dass das schon geschehen ist. Sollte es in der Legion welche gegeben haben, hätte man sie entdeckt."

Andere Historiker sind sich da nicht so sicher. Unstrittig ist, dass die Legion Franzosen aufnahm, die zuvor in der SS-Division "Charlemagne" noch bis zum bitteren Ende an den Kämpfen in Berlin teilgenommen hatten, französische Kollaborateure.

Standen auch deutsche SS-Mitglieder in den Reihen der Fremdenlegion in Indochina?  Der Konservator weicht aus:

"Auch das weiß ich nicht, ob es Mitglieder der Waffen-SS gab."

Dabei genügt es, sich bei früheren Legionären zu erkundigen. Sie sind sich ganz sicher.

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