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StartseiteKommentare und Themen der WocheAfghanistan bleibt19.08.2021

Nach Abzug der BundeswehrAfghanistan bleibt

Auch wenn das letzte Bundeswehrflugzeug Kabul verlassen hat – das historische Rendezvous am Hindukusch war keine vorübergehende Begegnung, kommentiert Stephan Detjen. Es sei Aufgabe der Politik, langfristige Beziehungen zu Ländern und Menschen zu gestalten, über die eigenen Landesgrenzen hinaus.

Ein Kommentar von Stephan Detjen

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Kurz nach der Landung werden die Evakuierten von deutschen Sicherungskräften aus dem Airbus A400M geleitet. Nach der Machtübernahme der Taliban in Afghanistan hat die Bundeswehr unter schwierigsten Bedingungen eine Luftbrücke zur Evakuierung von Deutschen und Afghanen eingerichtet.  (dpa / Bundeswehr / RECROP)
Aus Afghanistan evakuierte Menschen werden von deutschen Soldaten in Sicherheit gebracht (dpa / Bundeswehr / RECROP)
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In der Flüchtlingskrise des Jahres 2015 prägte Wolfgang Schäuble das Schlagwort vom "Rendezvous mit der Globalisierung". Es war eine Erinnerung daran, dass sich Deutschland im 21. Jahrhundert nicht von der Welt abschotten kann, wenn sie rau und gefährlich wird. Schäubles Mahnung war nicht zuletzt an Parteifreunde adressiert, die damals "nationale Lösungen" globaler Probleme propagierten.

2015 dürfe sich nicht wiederholen, hat Armin Laschet jetzt gesagt und damit eine Leerformel benutzt, die mehr Fragen aufwirft als beantwortet. In Sinne Wolfgang Schäubles taugt die Chiffre "2015" nicht als Handlungsanweisung oder Verweis auf ein einmaliges Ereignis, dessen Wiederholung man wie ein Missgeschick vermeiden kann. "2015" muss vielmehr als Beschreibung eines Zustands der Welt verstanden werden, der in jenem Jahr weder begann noch endete.

Langfristige Beziehungen gestalten

Heute heißt das für die deutsche Politik: auch wenn das letzte Bundeswehrflugzeug Kabul verlassen hat, selbst wenn dann tausende Ortskräfte, Menschenrechtsaktivisten, Anwälte, Richterinnen und Familienangehörige in Sicherheit gebracht sind: Afghanistan bleibt. Das historische Rendezvous am Hindukusch war keine vorübergehende Begegnung. Die Aufgabe der Politik ist es deshalb auf allen Ebenen, eine Beziehung zu gestalten, die andauern wird. Zu einem Land, einer Region und ihren Menschen. Zusammenarbeit muss es mit den Ländern geben, die als erste und meisten von den absehbaren Flucht- und Migrationsbewegungen aus Afghanistan betroffen sind, aber auch mit Indien, China und den arabischen Staaten.

Deutsche Soldaten stehen am Flughafen in Gao und sichern ein Transportflugzeug. (picture alliance / dpa / Arne Immanuel Bänsch) (picture alliance / dpa / Arne Immanuel Bänsch)Mögliche Lehren aus dem Afghanistan-Einsatz
Afghanistan ist kurz nach dem Abzug internationaler Truppen wieder in Taliban-Hand. Demokratische Errungenschaften aus 20 Jahren sind in Gefahr. Sind militärische Nation-Building-Einsätze überhaupt sinnvoll, und wenn ja, unter welchen Bedingungen?

Die Aufgabe, Beziehungen zu gestalten, stellt sich zugleich für die Innenpolitik. Diejenigen, die es auf den Fluchtrouten bis nach Mitteleuropa schaffen, werden mit ihrer körperlichen Gegenwart daran erinnern. Sie steht für Fragen, Nöte und Herausforderungen die sich niemand vom Leibe halten kann, indem Grenzen mit Zäunen und bewaffneten Polizeikräften verbarrikadiert werden. Der Umgang mit Menschen in Deutschland und Europa ist der Gradmesser für ein Verhältnis zur Welt. Das hat sich in den vergangenen Wochen gezeigt, als die Bundesregierung ihre Energien darauf verschwendete, eine Handvoll Männer nach Afghanistan abzuschieben und dabei übersah, welche wirklichen Probleme von dort auf die Welt zurollten.

Verantwortung für andere – mehr als ein humanitäres Gebot

Jetzt wird nicht mehr über Abschiebeflüge diskutiert. Deutsche Soldaten setzen in diesen Stunden ihr Leben aufs Spiel, um Menschen aus Afghanistan nach Deutschland auszufliegen. Weder die laufende Rettungsmission noch humanitäre Aufnahmekontingente werden auch annähernd genügen, um die Probleme Afghanistans und der Afghanen zu lösen. Auch diese Erkenntnis ist eine Binse. Verantwortung für die Schicksale von Menschen aber ist in dieser Zeit nicht nur ein humanitäres Gebot. Es ist die Voraussetzung dafür, ein Verhältnis zur Welt zu gestalten, das nie an den Grenzen des eigenen Landes endet.

Stephan Detjen  (Deutschlandradio / Bettina Straub)Stephan Detjen (Deutschlandradio / Bettina Straub)Stephan Detjen, Chefkorrespondent von Deutschlandradio. Studierte Geschichtswissenschaft und Jura an den Universitäten München, Aix-en-Provence sowie an der Hochschule für Verwaltungswissenschaften in Speyer. Rechtsreferendariat in Bayern und Redakteur beim Bayerischen Rundfunk. Seit 1997 beim Deutschlandradio, zunächst als rechtspolitischer Korrespondent in Karlsruhe. Ab 1999 zunächst politischer Korrespondent in Berlin, dann Abteilungsleiter bei Deutschlandradio Kultur. 2008 bis 2012 Chefredakteur des Deutschlandfunk in Köln. Seitdem Leiter des Hauptstadtstudios Berlin sowie des Studios Brüssel.

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