Samstag, 26.09.2020
 
Seit 13:10 Uhr Themen der Woche

Nach Brand in Flüchtlingslager Moria Die Zeit drängt

Auch wenn es das griechische Flüchtlingscamp Moria nicht mehr gibt - der Schandfleck sei geblieben, meint Gerd Höhler. Es sei trotzdem nicht sehr wahrscheinlich, dass die EU jetzt ihre Migrations- und Asylpolitik reformiere. Das sei aber dringend nötig. In den anderen griechischen Lagern werde es auch bereits unruhig.

Von Gerd Höhler

Hören Sie unsere Beiträge in der Dlf Audiothek
Flüchtlings-Proteste in der Nähe der Hauptstadt von Lesbos Mytilene am 12.09.2020(Photo by ANGELOS TZORTZINIS / AFP) (Photo by ANGELOS TZORTZINIS / AFP)
Flüchtlinge protestierten in der Hauptstadt von Lesbos (Photo by ANGELOS TZORTZINIS / AFP)
Mehr zum Thema

Brand im Flüchtlingscamp Moria Dem Feuer sei Dank

Daniel Caspary (CDU) zu Moria "Wir brauchen eine grundsätzliche Lösung"

Entwicklungsminister Müller (CSU) zu Moria "Nirgendwo herrschen solche unterirdischen Zustände"

Flüchtlingsaufnahme nach Brand in Moria "Ganz ernsthaft: 400 Kinder, zehn Länder!?"

Göring Eckardt (Grüne) zu Flüchtlingsaufnahme "Eine europäische Lösung kommt mir wie eine große Ausrede vor"

Moria und Europa Es gibt Anlass zu verhaltenem Optimismus

EU-Abgeordneter zum Brand im Flüchtlingscamp Moria "Ich frage mich, warum man Menschen über Jahre entwürdigt"

Europas Schande" – so nannten viele das Flüchtlingslager Moria auf Lesbos. Die Bewohner selbst sprachen von der "Hölle" wegen der unmenschlichen Bedingungen, unter denen sie dort leben mussten. Bis zu 20.000 Menschen eingepfercht in ein Camp, das für 2757 Personen konzipiert war. Moria gibt es nicht mehr, aber der Schandfleck ist geblieben. Denn nun sind auf Lesbos fast 13.000 Menschen obdachlos – Männer, Frauen, Kinder.

Alle wussten um die skandalösen Zustände – und um die drohende Gefahr. "Ein Funke genügt", warnte Stratis Kytelis, der Bürgermeister der Inselmetropole Mytilini. Aber keiner hat auf ihn gehört. Europa hat weggesehen. Hauptsache, die Migranten kommen nicht zu uns, war die Devise in den anderen Ländern. Je schlimmer die Zustände in den griechischen Lagern, desto größer der Abschreckungseffekt – das war das zynische Kalkül.

Dann explodierte das Pulverfass Moria. Das Trümmerfeld aus abgebrannten Wohncontainern, die kleinen Aschehäufchen, die von den Zelten geblieben sind – sie symbolisieren das Scheitern der europäischen Migrationspolitik.

Im bereits ausgebrannten Flüchtlingslager Moria stehen Zelte in Flammen. (picture alliance/dpa/Socrates Baltagiannis)Nahezu nichts ist übriggeblieben vom Lager in Moria (picture alliance/dpa/Socrates Baltagiannis)Brand im Flüchtlingscamp Moria - Dem Feuer sei Dank
Moria ist jetzt Vergangenheit und das ist gut so, kommentiert Rodothea Seralidou. Die Menschen, die in dem Flüchtlingscamp gelebt haben, dürften jetzt endlich auf menschliche Bedingungen hoffen. Das Lager sei immer eine Zumutung gewesen, sowohl für die Flüchtlinge als auch für die Inselbewohner.

Viele Rufe nach einer europäischen Lösung

Während die griechischen Behörden versuchen, die Obdachlosen in eilig aufgebauten Zeltstädten unterzubringen, streitet Europa darüber, wie den Menschen geholfen werden kann. Viele rufen nach einer europäischen Lösung. Vor allem die Griechen. Sie fordern seit langem eine gerechte Verteilung der Schutzsuchenden und der Asylverfahren auf alle EU-Staaten. Aber eine solche Lösung lässt nun schon seit fünf Jahren auf sich warten. Sie scheiterte bisher an nationalen Egoismen und rassistischen Reflexen, nicht nur in einigen osteuropäischen Ländern. Rafft sich die EU jetzt auf, unter dem Schock der Tragödie von Moria? Gibt es eine Reform der Migrations- und Asylpolitik? Sehr wahrscheinlich ist das nicht.

Wegen der Versäumnisse der Vergangenheit stecken Griechenland und seine europäischen Partner in einem Dilemma: Wenn sie die Migranten von Moria in andere EU-Länder weiterreisen lassen, riskieren sie, dass immer mehr Schutzsuchende aus der Türkei über die Ägäis kommen. Dann droht eine Wiederholung des Krisensommers 2015. Damals kamen binnen weniger Monate 857.000 Migranten zu den griechischen Inseln.

Migranten fliehen vor neu ausgebrochenen Feuern mit ihren Habseligkeiten aus dem Flüchtlingslager Moria. (dpa) (dpa)Migrationsexperte zu Moria - "Statisten in einem Abschreckungsdrama"Dass die griechische Regierung nach dem Brand im Flüchtlingscamp Moria keine Hilfe von außen angefordert habe, zeige, dass die schlechten Bedingungen gewollt seien, sagte der Migrationsexperte Gerald Knaus im Dlf. "Das ist eine Politik der Abschreckung." Am Geld und der Anzahl der Menschen könne es nicht liegen.

Bildung einer Koalition der Willigen

Die Sorge vor einer neuen Flüchtlingskrise ist berechtigt, zumal angesichts der aktuellen Spannungen zwischen den verfeindeten Nato-Partnern Griechenland und Türkei. Schon im März zeigte der türkische Staatschef Erdogan, dass er keine Hemmungen hat, Migranten als Waffe einzusetzen. Wochenlang belagerten Zehntausende Flüchtlinge die griechische Grenze.

Umso dringender wird die Reform der europäischen Migrationspolitik. Offensichtlich nicht schutzbedürftige Migranten müssen zeitnah in ihre Herkunftsländer abgeschoben werden. Jene, die erkennbar Anspruch auf Asyl haben, sollten zur zügigen Bearbeitung ihrer Anträge nach einem festen Schlüssel auf andere EU-Staaten verteilt werden. Um die Blockade von Aufnahmeverweigerern im Osten zu brechen, könnten die übrigen Länder eine Koalition der Willigen bilden.

Es muss jetzt schnell gehen. Die Zeit drängt. In den anderen griechischen Insellagern wird es bereits unruhig. Moria war vielleicht nur der Anfang.

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk