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Nach dem Afghanistaneinsatz der BundeswehrAuch in Zukunft kann es Krisen geben, in denen interveniert werden muss

Die politischen Auswirkungen des Afghanistan-Desasters seien noch gar nicht abzusehen, aber auch in Zukunft werde von einem reichen Land wie Deutschland Einsatzbereitschaft erwartet, kommentiert Klaus Remme. Mittel und Ziele von Auslandseinsätzen sollten aber sorgfältiger und ehrlicher geprüft werden.

Ein Kommentar von Klaus Remme

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Ein Handout-Foto der Bundeswehr zeigt Verteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer (CDU), die am Ende der Evakuierungsmission in Kabul von Soldaten der Bundeswehr auf dem Flughafen von Taschkent in Usbekistan begrüßt wird. Laut Kramp-Karrenbauer wurden seit dem 16. August 5.347 Menschen ausgeflogen (AFP / BUNDESWEHR / Marc Tessensohn )
Verteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer (CDU) wird am Ende der Evakuierungsmission in Kabul von Soldaten der Bundeswehr auf dem Flughafen von Taschkent in Usbekistan begrüßt (AFP / BUNDESWEHR / Marc Tessensohn )
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Fast auf den Tag genau vor zwei Monaten landeten schon einmal "die letzten" deutschen Soldaten aus Afghanistan im niedersächsischen Wunstorf. Der militärische Abzug war beendet und mit ihm auch der 20-jährige Bundeswehreinsatz, so dachte man. Aus und vorbei, so die Vorstellung, jetzt kommt die Zeit für Analysen und eine abschließende Bilanz. Ein neuer Einsatz binnen weniger Wochen, ein neues Mandat im Parlament? Den dramatischen, tödlichen und politisch verheerenden Schlusspunkt der letzten Tage hatte niemand für möglich gehalten!

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Angemessene Wertschätzung für die Soldaten

Über die Umstände der sogenannten "stillen Rückkehr" der Soldaten Ende Juni ist viel gestritten worden. Weder die Bundeskanzlerin noch die verantwortlichen Bundesminister hatten es für zwingend notwendig gehalten, die Soldaten in der Heimat zu empfangen.

Annegret Kramp-Karrenbauer, die Verteidigungsministerin, hat daraus gelernt. Ihr nächtlicher Flug nach Taschkent, um den Soldaten entgegenzukommen, das mag teilweise PR-Arbeit in eigener Sache und schwierigen Zeiten sein. Gleichzeitig vermittelt die Verteidigungsministerin so aber die angemessene öffentliche Wertschätzung für die Soldaten. So wie Kramp-Karrenbauer insgesamt stärker als andere verantwortliche Politiker, öffentlich Zweifel, Selbstkritik und die Möglichkeit persönlicher Konsequenzen erkennen lässt. Stärker als der Außenminister, sicherlich stärker als die Bundeskanzlerin.

Das Handout-Foto der Bundeswehr zeigt den Generalinspekteur der Bundeswehr, Eberhard Zorn, auf dem Flughafen von Taschkent im Gespräch mit deutschen Soldaten. (AFP / BUNDESWEHR / Marc Tessensohn)Der Generalinspekteur der Bundeswehr, Eberhard Zorn, auf dem Flughafen von Taschkent im Gespräch mit deutschen Soldaten (AFP / BUNDESWEHR / Marc Tessensohn)

AKK weiß: Dass alle Soldaten heute körperlich unversehrt zurückkommen, ist nicht nur Ausweis eigener militärischer Fähigkeiten, sondern auch und vor allem dem Einsatz der Amerikaner geschuldet. Und gleichzeitig kam eine gehörige Portion Glück dazu.

Die Bilder des gestrigen Tages zeigen: Es hätte ganz, ganz anders kommen können. Und welche unsichtbaren Narben bei den Soldaten zurückbleiben, werden erst die nächsten Tage, Wochen und Monate zeigen. Viele haben hautnah Not, Elend, Verzweiflung und Ohnmacht erlebt. Auch wenn Tausende von Menschen in wenigen Tagen ausgeflogen werden konnten. Tausende andere mussten zurückbleiben. Für die Soldaten war es, so gesehen, eine "Mission impossible"!

Auslandseinsätzen sorgfältiger und ehrlicher prüfen

Die politischen Implikationen des Afghanistan-Desasters sind noch gar nicht abzusehen. Auslandseinsätze der Bundeswehr werden in Zukunft von zwei Seiten in die Zange genommen. Von links wirken dogmatische Reflexe der Linkspartei, die vorgestern im Bundestag nicht einmal geschlossen dem Mandat für lebensrettende Evakuierungen zustimmen konnte, und von rechts die "Deutschland-only" Sprüche der AfD.

Sicher ist es notwendig, die Einsatzmittel für und die Ziele von Auslandseinsätzen ab sofort sorgfältiger und ehrlicher zu prüfen. Aber auch in Zukunft kann es Krisen geben, in denen interveniert werden muss. Und dann wird von einem reichen Land wie Deutschland Einsatzbereitschaft erwartet. Dann muss es heißen: "Mission possible!"

Klaus Remme  (Deutschlandradio / Bettina Straub)Klaus Remme (Deutschlandradio / Bettina Straub)Klaus Remme, geboren in Cloppenburg. Studium der Politischen Wissenschaften und Osteuropäische Geschichte in Freiburg und Wien. Berufliche Stationen: Institute for Defense & Disarmament Studies, Boston, BBC World Service, London, Norddeutscher Rundfunk. Seit 1996 beim Deutschlandfunk. Von 2007 bis 2012 Korrespondent von Deutschlandradio in Washington. Seitdem Korrespondent im Hauptstadtstudio mit Schwerpunkt Außen- und Sicherheitspolitik. 

 

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