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StartseiteKommentare und Themen der WocheDen Managern fehlt eine Kategorie völlig: die der Demut30.05.2020

Nach dem BGH-Urteil im VW-DieselskandalDen Managern fehlt eine Kategorie völlig: die der Demut

Volkswagen wirke wie ein Riese, der vor lauter Größe die Bedürfnisse der kleinen Menschlein nicht mehr wahrnehmen könne, kommentiert Peter Pauls, der ehemalige Chefautor des "Kölner Stadt-Anzeigers". Das habe sich auch mit dem Urteil des Bundesgerichtshofs im Dieselskandal nicht geändert.

Von Peter Pauls

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Ein VW-Logo, Paragrafen- und Dieselzeichen liegen auf der Straße.  (imago)
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Wegen der drohenden Rezession in der Corona-Pandemie dränge Volkswagen-Chef Herbert Diess auf ein staatliches Konjunkturprogramm, hieß es jüngst. Angesichts kaum ausgelasteter Produktionskapazitäten sei ein Anschub nötig, um der Wirtschaft auf die Beine zu helfen. Kein Wunder - Deutschlands größter Automobilbauer rechnet im zweiten Quartal dieses Jahres mit roten Zahlen.

In der Tat wird der Koalitionsausschuss in Berlin am 2. Juni über ein Corona-Konjunkturprogramm beraten. Die Milliarden sitzen zurzeit locker bei den Handlungsträgern und die Autoindustrie ist zentraler Pfeiler der deutschen wie der französischen Volkswirtschaft. Letzterer sagte der französische Präsident Emmanuel Macron eben acht Milliarden Euro an Hilfe zu.

Da hätte das Urteil des Bundesgerichtshofs in Karlsruhe zum VW-Abgas-Skandal nicht ungünstiger kommen können. Die obersten Richter belegten den Konzern mit Ausdrücken, wie sie sonst auf Wirtschaftskriminelle angewendet werden. Von "arglistiger Täuschung" und einer "gezielten Täuschungsstrategie", die den "grundlegenden Werten der Rechts- und Sittenordnung" entgegenstünden, sprachen sie und verdonnerten VW, manipulierte Autos zurückzunehmen. Gefahrene Kilometer des Kunden werden angerechnet.

Es ist ein Urteil, mit dem der Konzern in dieser Schärfe nicht gerechnet hatte. Offenbar verfing seine Abwiegelungsstrategie bei ihm selbst besser als bei den geschädigten Kunden. Die betroffenen Autos seien verkehrstüchtig, sicher und uneingeschränkt nutzbar, hieß es. Ein Software-Update mache die Manipulation der Motorsteuerung rückgängig. Wo ist das Problem?

Tendenz, mit öffentlichen Äußerungen daneben zu liegen

Eben diese speziell programmierte Software ist Kern der Manipulation. Sie erkannte, ob die betroffenen Motoren auf Prüfständen ihren Dienst verrichteten oder im Alltagsverkehr rollten. Nur auf dem Prüfstand wurden die Abgasnormen eingehalten. Ansonsten wurde ein Großteil der Abgasreinigung abgeschaltet. Bis zu sieben Mal mehr schädliche Stickoxide stießen solche Dieselmotoren dann aus als in den Tests der Zulassungsbehörden. Betroffen waren damals weltweit elf Millionen Fahrzeuge, allein in Deutschland knapp 2,5 Millionen auch der VW-Marken Audi, Skoda, Seat und Porsche.

VW-Chef Diess hat eine Tendenz, mit öffentlichen Äußerungen daneben zu liegen. "Ebit", also Gewinn, "macht frei", formulierte er kürzlich. Weil über dem Tor zum Vernichtungslager Auschwitz die höhnische Parole "Arbeit macht frei" stand, brach ein internationaler Entrüstungssturm los. Auch jetzt hätte der Manager zu Corona-Hilfen öffentlich besser geschwiegen. Aber das passt nicht zum Selbstbild, das im hermetischen Klima der Chefetage des Konzerns entstand. Demnach gilt der Karlsruher Richterspruch eigentlich dem Konzern des Jahres 2015, geführt von Martin Winterkorn.

Eine Kategorie fehlt völlig: die der Demut

Als habe man heute mit einer völlig neuen Firma zu tun, fehlt in den Handlungen und Einlassungen der VW-Manager eine Kategorie völlig: die der Demut. Daran ändert nichts, dass am Ende aller Verhandlungen mehr als 300.000 getäuschte deutsche Kunden Schadenersatz bekommen haben werden - denn erst Karlsruhe machte es jetzt möglich, die noch anhängigen Verfahren zügig beilegen zu können.

Warum die Empörung über Volkswagen so groß ist? Weil der Konzern bisher mehr als ein Konzern war. VW war eine Ikone. VW stand für die Motorisierung der Bundesrepublik, der Käfer wurde zum Symbol zuverlässiger deutscher Technik. Fast jeder aus der alten Bundesrepublik hat seine eigene VW-Käfer-, Golf-, Polo- oder Passat-Geschichte. Mit dem Land Niedersachsen als Anteilseigner gelang es Volkswagen, gleichzeitig privatwirtschaftlich wie dem Gemeinwohl verpflichtet zu arbeiten.

Mitbestimmung wurde gelebt, neue Arbeitszeitmodelle ausprobiert, um Beschäftigung zu garantieren. Die gegenüber der Konkurrenz höheren Preise machten Qualität und Preisstabilität wett. Selten ist Ansehen so gründlich zerstört worden wie in den vergangenen Jahren. Und selten hat ungeheuer viel Geld so wenig gebracht - rund 30 Milliarden Euro kostete Volkswagen der Skandal bisher an Strafen und Schadenersatz.

VW wirkt wie ein Riese, der vor lauter Größe die Bedürfnisse der kleinen Menschlein nicht mehr wahrnehmen kann. Offenbar kommt in der von Kennziffern gesteuerten Welt der Chefetage eine Größe wie "Kunden-Vertrauen" nicht mehr vor. Besonders hoch wäre der Wert zurzeit ohnehin nicht.

Peter Pauls (Stefan Worring)Peter Pauls (Stefan Worring)Peter Pauls, Jahrgang 1953, studierte Germanistik und Sozialwissenschaften an der Universität in Köln. Er war seit 1977 beim "Kölner Stadt-Anzeiger" tätig. Im Jahr 1980 absolvierte er ein Volontariat in der Mantelredaktion und arbeitete anschließend in der Lokal- und der Bezirksredaktion. 1989 wechselte er in die Politikredaktion und von 1995 bis 1998 war er Afrika-Korrespondent mit Sitz in Johannesburg, bevor er bis 2002 Stellvertretender Chefredakteur des "Kölner Stadt-Anzeiger" wurde. In den Jahren 2002 bis April 2009 war Peter Pauls Beauftragter des Herausgebers Alfred Neven DuMont und von 2009 bis 2016 Chefredakteur. Von 2017 bis zu seiner Pensionierung Ende 2019 war Pauls Chefautor des "Kölner Stadt-Anzeiger".

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