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StartseiteKommentare und Themen der WocheGreenpeace muss sich neu erfinden19.06.2021

Nach dem Gleitschirm-Unfall in MünchenGreenpeace muss sich neu erfinden

Beim Gleitschirmunfall von München sei auch das Ansehen der internationalen Umweltorganisation Greenpeace abgestürzt, kommentiert Peter Stefan Herbst von der "Saarbrücker Zeitung". Für die Zukunft müsse sich Greenpeace neu aufstellen, denn der Wettbewerb der Umweltinitiativen habe sich verstärkt.

Ein Kommentar von Peter Stefan Herbst, Chefredakteur der "Saarbrücker Zeitung"

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Ein Motorschirmflieger mit der Aufschrift "Kick Out Oil!" muss vor dem Anpfiff in der Münchener Arena notlanden, da seine Gassteuerung ausgefallen ist.  (dpa / picture alliance / Marvin Ibo Güngör)
Missglückte Greenpeace-Aktion gegen Volkswagen. (dpa / picture alliance / Marvin Ibo Güngör)
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Wer hoch fliegt, kann tief fallen. Der risikoreiche und rücksichtslose Greenpeace-Flug vor dem EM-Spiel Deutschland gegen Frankreich in München hat nicht nur den Gleitschirmpiloten zur Notlandung gezwungen, sondern auch das Ansehen der internationalen Umweltorganisation abstürzen lassen. Wurden doch zwei Menschen verletzt und haben sich viele bisherige Unterstützer von dieser Form des Protestes scharf distanziert.

Nicht zum ersten Mal haben die Aktivisten unbeteiligte Dritte gefährdet. So hat 2018 das Aufbringen von 3500 Litern gelber Farbe rund um die Berliner Siegessäule die Sturzgefahr auf rutschiger Fahrbahn für Fahrrad- und Motorradfahrer erhöht. Auch hier hätte weit Schlimmeres passieren können.

Ein Aktivist von Greenpeace landet im Stadion. (dpa / picture alliance / Matthias Balk) (dpa / picture alliance / Matthias Balk)Greenpeace zu Gleitschirm-Unfall in München - "Unsere Aktionen sind friedlich und gewaltfrei"
Nach dem Gleitschirm-Unfall in München hat der Greenpeace-Sprecher die Verletzten um Entschuldigung gebeten. Das Risiko der Aktion habe man nicht absehen können, sagte Benjamin Stephan im Dlf.

Zweifellos waren beide Aktionen auch politische Statements. Doch können ehrenwerte Ziele derart unverantwortliches Handeln rechtfertigen? Die Frage muss erlaubt sein.

Greenpeace kämpft für den Schutz der natürlichen Lebensgrundlagen von Mensch und Natur. Da verbietet es sich, Menschenleben zu gefährden und die Natur zu verschmutzen. Natürlich war die Gefährdung im Stadion nicht beabsichtigt und in Berlin wurde umweltfreundliche Farbe verwendet.

Greenpeace muss sich an Ergebnissen messen lassen

Aber auch Greenpeace muss sich an Ergebnissen messen lassen. Verletzte und ein hoher Wasserverbrauch zur Farbbeseitigung sind das Gegenteil dessen, was die Aktivisten als ihre Ziele ausgeben. In beiden Fällen traten damit leider auch die nachvollziehbaren Anliegen in den Hintergrund.

Aktivisten der Umweltschutz-Organisation Greenpeace tragen rund um den Großen Stern an der Siegessäule ökologisch abbaubare und -waschbare Farbe auf (Luftaufnahme mit einer Drohne). Mit dem Farbprotest unter dem Motto "Sonne statt Kohle" protestieren sie gegen die Sitzung der Kohlekommission. (Greenpeace Germany)Farbiger Greenpeace-Protest "Sonne statt Kohle" gegen die Kohlekommission in Berlin 2018 (Greenpeace Germany)
Das Luftbild der Siegessäule mit gelb gefärbten Straßen haben viele noch im Kopf. Dass es um "Sonnenenergie statt Kohleabbau" ging, wissen nur noch wenige. Auch im aktuellen Fall, ist die Kritik an der Klimapolitik von VW nur noch ein Randaspekt.

Greenpeace hat zuletzt an Bedeutung verloren

Greenpeace hat mit Aktionen gegen das Versenken der Ölplattform Brent Spar, Atomwaffentests oder dem illegalen Walfang viele Sympathien und Förderer gewonnen – zuletzt aber an Bedeutung verloren. Es gibt einen immer stärkeren Wettbewerb mit unzähligen anderen und neuen Umweltinitiativen - von der populären Fridays for Future-Bewegung bis zur Extinction Rebellion mit Fokus auf zivilem Ungehorsam. Auch Greenpeace setzt erkennbar auf immer spektakulärere Aktionen, um wahrgenommen zu werden und Förderer bei der Stange zu halten. Die Radikalisierung für diese vergleichsweise kleine Zielgruppe kostet aber Akzeptanz in der Breite.

Indirekt schadet Greenpeace auch den Grünen 

Die Schnittmenge der Anhänger und Sympathisanten von Greenpeace und Grünen war und ist groß. Indirekt schadet Greenpeace deshalb aktuell nicht nur sich selbst und der Umweltbewegung, sondern auch den Grünen und ihrer Kanzlerkandidatin Annalena Baerbock. Wird doch von vielen schnell alles in einen Topf geworfen.

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Parteitaktisch motiviert wirkt deshalb auch die Forderung von CDU-Politiker Friedrich Merz, Greenpeace die Gemeinnützigkeit abzuerkennen. Zuständig wäre ja gar nicht die Politik, sondern das zuständige Finanzamt und im Zweifelsfall die Justiz.

Tatsächlich werden rund um die Umweltpolitik viele abgehobene Scheingefechte geführt, bei denen es schon gar nicht mehr um Inhalte geht. Dabei lassen sich verantwortungsvolle Klimaproteste nicht mehr diskreditieren. Anders als zur Hochzeit von Greenpeace und der Gründungszeit der Grünen, ist Umweltschutz heute für die große Mehrheit der Bevölkerung ein Top-Thema.

Klimaschutz ist kein Nischenthema mehr

Der Kampf gegen die Klimakrise hat bei fast allen Parteien eine hohe Priorität - von den Grünen bis hin zur CSU. Große Teile der Wirtschaft setzen auf umweltschonende Produktionsmethoden und die Börse honoriert nachhaltige Geschäftsmodelle. Klimaschutz ist kein Nischenthema mehr. Greenpeace muss sich neu aufstellen, neu erfinden: Weniger gefährliche Aktionen, dafür genauer darüber wachen, ob die künftige Bundesregierung wirklich den Fokus auf die Umwelt legt. Denn ihr muss es gelingen, Klima, Wirtschaft und Wachstum miteinander zu versöhnen.

Nur so lässt sich eine Verlagerung von Industrie und Arbeitsplätzen in Länder mit geringeren Standards vermeiden. Nur so kann die Spaltung der Gesellschaft verhindert und ein deutlich besserer Umweltschutz dauerhaft finanziert werden. Nur so bleibt Deutschland oben.

Peter Stefan Herbst. Chefredakteur Saarbrücker Zeitung (Iris Maurer / Saarbrücker Zeitung)Peter Stefan Herbst. Chefredakteur Saarbrücker Zeitung (Iris Maurer / Saarbrücker Zeitung)Peter Stefan Herbst wurde 1965 in Bonn geboren. Als Redakteur, Kolumnist, Korrespondent und Büroleiter arbeitete er für verschiedene Tageszeitungen. Von 1994 bis 1996 moderierte gemeinsam mit Christiane Gerboth und Jan Hofer die Talkshow "Riverboat" im MDR Fernsehen. Herbst war Chefredakteur der "Dresdner Neuesten Nachrichten" (1995-1999) und der "Lausitzer Rundschau" (1999-2004). Seit 2005 ist  er Chefredakteur der "Saarbrücker Zeitung".                                   

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