Dienstag, 21.09.2021
 
Seit 05:05 Uhr Informationen am Morgen
StartseiteInterview"Mobilität ist in einer solchen Lage ein Infektionstreiber"20.03.2021

Nach dem Impfgipfel"Mobilität ist in einer solchen Lage ein Infektionstreiber"

Die Situation sei dramatisch, sagte der Grünen-Abgeordnete Janosch Dahmen im Dlf. Dem Osterurlaub erteilte er angesichts rasant steigender Infektionszahlen eine Absage. Sobald wir mit dem Impfen schneller voranzukämen und die Testungen an Fahrt aufnehmen, werde ein normales Leben wieder möglich sein.

Janosch Dahmen im Gespräch mit Stefan Heinlein

Hören Sie unsere Beiträge in der Dlf Audiothek
Janosch Dahmen in der 212. Sitzung des Deutschen Bundestages im Reichstagsgebäude. Berlin, 25.02.2021 (imago / Future Image / F. Kern)
Die Hausärzte in die Impfungen einzubinden, sei der einzige Schlüssel, verloren gegangenes Vertrauen zurückzugewinnen, sagte Dahmen (Grünes Mitglied im Gesundheitsausschuss) im Dlf. (imago / Future Image / F. Kern)
Mehr zum Thema

Reisen in Coronazeiten Schwesig (SPD): Urlaub im eigenen Land möglich machen

Corona-Schutzimpfungen Software von Biontech soll Impfmanagement verbessern

Nach dem Impfgipfel Heilsame Ernüchterung

Der Grünen-Abgeordnete Janosch Dahmen, der auch Mitglied im Gesundheitsausschuss sowie Mediziner und Oberarzt ist, forderte im Deutschlandfunk eine nationale Impf-Kommunikationskampagne, "die uns seit Monaten fehlt", voranzubringen. Wenn es gelinge, mit dem Impfen schneller voranzukommen, besser zu testen und die digitale Nachverfolgung zu verbessern, dann seien Lockerungen möglich. Derzeit und insbesondere für die Ostertage sollten die Menschen auf Urlaub verzichten, denn Mobilität sei in einer solchen Lage ein Infektionstreiber. "Es ist bitter, aber wir werden uns gedulden müssen", so Dahmen.

Eine Mitarbeiterin eines mobilen Impfteam spritzt einem Senioren in der Hausarztpraxis den Corona-Impfstoff von Biontech/Pfizer. (dpa/dpa-Zentralbild/picture alliance/Jens Büttner) (dpa/dpa-Zentralbild/picture alliance/Jens Büttner)Das ändert sich, wenn die Hausärzte impfen
Nach Ostern sollen die niedergelassenen Ärzte mit in die Corona-Impfstrategie eingebunden werden. Die Politik hofft, so Schwung in die schleppende Impfkampagne zu bekommen. Auch die Impfpriorisierung soll aufgeweicht werden. Ein Überblick.

Die Einbindung der Hausärzte in die Impfungen begrüßte Dahmen ausdrücklich. Sie sei der Schlüssel, verloren gegangenes Vertrauen zurückzugewinnen, auch wenn zunächst nur wenige Impfdosen zur Verfügung stünden. Es sei aber richtig, jetzt diese Strukturen ins Laufen zu bringen. Zudem könnten Hausärztinnen und Hausärzte Menschen identifizieren, die Hochrisikogruppen angehörten und sonst nicht auffallen würden. Es sei außerdem richtig, übriggebliebene Impfdosen in diesen Bereich zu verschieben - jeder Tag, an dem man früher in den Hausarztpraxen beginnen kann, wäre gut.

Manuela Schwesig (SPD), Ministerpräsidentin von Mecklenburg-Vorpommern, spricht am 11.03.2021 bei einer Sitzung des Landtags von Mecklenburg-Vorpommern.  (picture alliance / dpa /Jens Büttner) (picture alliance / dpa /Jens Büttner)Schwesig (SPD): Urlaub im eigenen Land möglich machen
Mecklenburg-Vorpommerns Ministerpräsidentin Manuela Schwesig plädiert für Urlaub im eigenen Bundesland. Warum dieser nicht möglich sei, Mallorca-Urlaub aber schon, sei nicht plausibel, sagte die SPD-Politikerin im Dlf. Nicht nur der Inzidenzwert vor Ort sei relevant, sondern auch die Art der Anreise.

Das Interview im Wortlaut:

Stefan Heinlein: Zunächst zum Impfgipfel gestern: Wird die deutsche Impfgründlichkeit jetzt schnell und flexibel?

Dahmen: Das ist ausdrücklich zu hoffen. Es ist wichtig, dass wir jetzt zügig mit dem Impfen in den Praxen starten, weil nur so werden wir gerade Menschen aus Hochrisikogruppen in den Prioritäten 2 und 3 der Impfverordnung auch wirklich erreichen können. Ich hoffe, dass wir auch die Flexibilität haben, die Impfverordnung dann dort so umzusetzen, dass auch wirklich aller Impfstoff jeden Tag zügig verimpft wird und dass wir nicht wie zuletzt beobachtet Impfstoff in Lager liegen haben, der niemandem hilft.

"Mit dem Impfen in Praxen endlich beginnen"

Heinlein: Hätten Sie sich gewünscht, die Impfungen in den Hausarztpraxen schon am Montag beginnen zu lassen und nicht erst in zwei Wochen nach Ostern?

Dahmen: Ich werbe ja seit Tagen und Wochen schon darum, dass wir mit dem Impfen in den Praxen endlich beginnen, insofern wäre jeder Tag, wo das früher geschieht, ein guter und wichtiger Tag meines Erachtens. Ich finde jetzt wichtig, in den Fokus zu nehmen, dass man sich dazu entschlossen hat, dass man es jetzt auch konkret tut, wenngleich natürlich die Mengen, die in den Praxen zur Verfügung stehen werden, noch sehr gering sind und dort ein Impfen nur im Einzelfall möglich ist.

Drei Impfampullen der Hersteller Biontech/Pfizer, Moderna und AstraZeneca stehen nebeneinander (picture alliance / ZUMAPRESS.com | Luka Dakskobler) (picture alliance / ZUMAPRESS.com | Luka Dakskobler)Debatte um Astrazeneca – Was über Wirksamkeit und Nebenwirkungen bekannt ist
Nach der erneuten Überprüfung durch die EMA wird Deutschland den Impfstoff von Astrazeneca wieder einsetzen. Manche Menschen fürchten, dass der Impfstoff sie nicht ausreichend schützt. Ein Überblick.

Heinlein: Der Kollege Kai Küstner hat es in seinem Beitrag so formuliert: Es fehlt noch der Sprit im Tank. Tatsächlich, es fehlt ja noch an ausreichend Impfstoff. Welchen Sinn macht es denn, die Hausärzte großflächig ins Boot zu holen, wenn bis auf Weiteres einfach zu wenig Impfstoff verfügbar ist, also ist es richtig, dass man erst in zwei Wochen beginnt?

Dahmen: Konkret ist es ja so, dass wir zuletzt über drei Millionen Impfdosen in Lagern in der Bundesrepublik liegen hatten, die gar nicht verimpft wurden. Das ist natürlich eine Katastrophe. Insofern ist es absolut richtig, die Praxen jetzt mit hinzuzunehmen, wenngleich natürlich das Impfen dort noch nicht so großflächig funktionieren wird, wie wir es uns alle wünschen würden. Im Kern ist es so, Impfen in Praxen ist der einzige Schlüssel, um erstens verloren gegangenes Vertrauen zurückzugewinnen bei Menschen, die beim Impfen unsicher geworden sind, bei allen gegenläufigen Informationen. Er ist zweitens der richtige Weg, um Menschen zu identifizieren, die Hochrisikogruppen sind, die wir auf anderem Wege nicht wirklich erreichen. Und er ist drittens vor allem ein Weg, Impfen deutlich schneller zu machen, weil aufbauend auf einem guten Vertrauensverhältnis, einer guten Arzt-Patienten-Beziehung Impfen viel einfacher funktioniert – im Übrigen jetzt nicht nur bei diesem Impfstoff, sondern jedes Jahr auch bei anderen Impfstoffen wie dem Grippeimpfstoff.

Heinlein: Das hört sich alles gut an, was Sie sagen, Herr Dahmen, aber tatsächlich 20 Impfdosen pro Woche und Praxis, das hört sich dann umgekehrt so an, als ob die Hausärzte da zur Resterampe der Impfzentren werden, also nur der berühmte Tropfen auf dem heißen Stein.

Dahmen: Im Kern ist es so, dass wir insgesamt einfach noch zu wenig Impfstoff haben. Es ist gut, dass wir diese Strukturen jetzt ans Laufen bringen, aber völlig richtig, wenn wir sehen, sie funktionieren und sie funktionieren besser und schneller als in unseren Impfzentren, dann macht es auch Sinn, Impfmengen, die wir als Deutschland bekommen, auch stärker in diesen Bereich zu verschieben, und dafür würde ich mich ausdrücklich aussprechen.

Sputnik nicht im Alleingang ordern

Heinlein: Wir haben immer noch zu wenig Impfstoff, das ist sicherlich Konsens, das haben Sie auch gerade gesagt, Herr Dahmen. Welche Rolle kann denn in diesem Zusammenhang der russische Impfstoff Sputnik V übernehmen? Es gibt ja immer mehr Forderungen, gerade aus den Bundesländern, einer raschen Zulassung.

Dahmen: Im Kern ist es so, dass ja zurzeit mehrere Impfstoffe bei der EMA zur Zulassung liegen. Im Kern ist dazu auch der russische Impfstoff zu zählen, allerdings liegen dort viele Daten noch nicht vor, die eine Zulassung möglich machen. Ich spreche mich ausdrücklich dafür aus, weiter diesen europäischen Zulassungsweg zu gehen, wenn auch mit Hochdruck zu verfolgen. Vielleicht medizinisch kurz ergänzt, warum das bei dem russischen Impfstoff so besonders oder schwierig ist: Es handelt sich hier bei den ersten und zweiten Dosen des russischen Impfstoffs um zwei unterschiedliche Adenovirentypen, die genutzt werden, um den Impfstoff in den Körper oder in die Zelle zu bringen. Hier ist es so, dass man wie für zwei unterschiedliche Impfstoffanteile eben diesen russischen Impfstoff auch wissenschaftlich begutachten muss, was das Verfahren noch mal etwas komplizierter macht. Ein Impfstoff, der nicht vollständig wissenschaftlich geprüft ist, der kann natürlich nicht zugelassen werden, weil wir dann genau solche Desaster auch erleben können, wie wir sie letzte Woche an anderer Stelle hatten.

Heinlein: Aber das Impfen, das haben Sie gerade selber gesagt, soll doch schneller und flexibler werden. Wenn wir jetzt wieder auf die europäischen Behörden warten, auf die EU-Arzneimittelbehörde EMA, dann wird das doch bürokratisch und dauert ewig.

Dahmen: Dem würde ich widersprechen. Im Kern wartet man ja hier nicht auf die EU, sondern auf den Hersteller in Russland, der entsprechende Daten an die EU liefern müsste. Das wäre das Gleiche, wenn man jetzt hier einen nationalen Zulassungsweg wählen würde, auch da müsste man die entsprechende Grundlage haben, um so einen Impfstoff sicher zulassen zu können. Im Kern geht es darum, die Impfstoffe, die zugelassen sind, wirklich in den Produktionskapazitäten weiter voranzutreiben und das nicht aus dem Blick zu verlieren, weil im Übrigen uns das nicht nur jetzt helfen würde, sondern wir werden es auch absehbar im Verlauf bei Veränderungen des Virus insgesamt noch brauchen, auch um global diese Pandemie besser in den Griff zu bekommen.

Keine symbolischen Impfungen durch Politiker

Heinlein: Reden wir noch über AstraZeneca, über das Stichwort Vertrauen, das Sie genannt haben. Anfang der Woche haben Sie Jens Spahn ganz scharf kritisiert, Sie haben den Impfstopp fahrlässig genannt. Jetzt geht es um Vertrauen – sollten sich Spahn und vielleicht auch Angela Merkel, die Kanzlerin, jetzt öffentlich mit AstraZeneca impfen lassen, so wie es Ihr Parteikollege Winfried Kretschmann in Stuttgart gemacht hat?

Dahmen: Ich bin der Meinung, dass sich im Moment – die Lage ist einfach zu ernst – die Menschen impfen lassen sollten, die nach Impfverordnung und Priorisierung an der Reihe sind. Das gilt auch für Politik. Auch wenn ich es jedem Einzelnen wünsche, jetzt geimpft zu sein, macht es keinen Sinn, hier symbolisch Dinge voranzutreiben. Verloren gegangenes Vertrauen würden wir meines Erachtens auch beim Impfstoff von AstraZeneca am besten dort zurückgewinnen, wo erstens eine gute Arzt-Patienten-Beziehung besteht, nämlich in den Hausarztpraxen, und zweitens, indem wir endlich eine nationale Impfkommunikationskampagne voranbringen, die uns seit Monaten fehlt, die besser aufklärt, die Hintergründe erklärt und vor allem die wichtige Botschaft im Fall des AstraZeneca-Impfstoffes rausbringt: Dies ist ein sicherer und wirkungsvoller Impfstoff, der wirklich hilft, Menschenleben zu retten.

Heinlein: Blicken wir, Herr Dahmen, noch kurz voraus auf den Montag, auf den kommenden Bund-Länder-Gipfel. Spätestens seit gestern dürfte jedem, der genau zugehört hat, klar sein, die dritte Welle hat Deutschland bereits voll erwischt, und die Illusion, dass Impfen allein jetzt in den kommenden Tagen, in den kommenden Wochen alles Weitere ermöglicht, weitere Lockerungen, die ist jäh geplatzt. Wie klar muss die Politik, wie klar müssen Bund und Länder jetzt diese bittere Wahrheit am Montag aussprechen?

Dahmen: Ja, man kann sie im Prinzip heute schon aussprechen. Die Situation ist dramatisch, wir sind abermals in einem exponentiellen Wachstum, wo die Fallzahlen ganz, ganz deutlich ansteigen. Die Mutationsvariante ist in ihrer Ausbreitung flächendeckend in Deutschland so stark vertreten, dass wir nahezu allerorts ansteigende Fallzahlen haben, deutlich im Vergleich der letzten Tage und letzten Wochen. Wir werden, egal wie gut wir auch jetzt mit der Impfkampagne vorankommen, kurzfristig damit allein keinen Damm gegen die dritte Welle bauen können, sodass nichts anderes bleibt, als in großen Teilen hier auch wieder Schutzmaßnahmen zu ergreifen, die uns über die Zeit bringen, bis wir mehr geimpft haben und bis wir auch in der flächendeckenden Testinfrastruktur hier besser sind, als wir das im Moment haben.

"Mobilität ist ein Problem in der Pandemie"

Heinlein: Herr Dahmen, zu den bitteren Wahrheiten, die Sie bereits heute Morgen hier aussprechen, gehört auch dazu, dass der Osterurlaub bereits geplatzt ist und wir uns für den Sommer auch nicht sehr viel an Freuden vorstellen dürfen.

Dahmen: Es ist so, dass wir wissen, immer dann, wenn Fallzahlen steigen, dann ist Mobilität ein Infektionstreiber, und alles, was dazu führt, dass die Mobilität ansteigt, und dazu gehört auch voller Reiseverkehr in Zügen, Flugzeugen, an Häfen et cetera, das ist ein Problem in der Pandemie. Insofern werden wir uns weiter gedulden müssen. Es ist bitter, auch ich würde mir ganz persönlich wünschen, dass wir endlich an einem anderen Punkt wären, aber im Moment können wir uns nichts anderes leisten.

Heinlein: Also auch im Sommer eher Balkon statt Mallorca?

Dahmen: Das wird sehr davon abhängen, wie wir die nächsten Wochen bestritten bekommen und diese dritte Welle durch einen wirkungsvollen Schutz damit in den Griff bekommen. Wenn es uns gelingt, mit dem Impfen schneller zu werden, wenn es uns gelingt, ein wirkungsvolles Schutzgeländer aufzubauen durch Schnelltestinfrastruktur, FFP2-Masken und eine bessere digitale Nachverfolgung, dann kann der Sommer auch ein anderer werden. Das hängt aber sehr davon ab, wie wir die Pandemie besser in den Griff bekommen, als das zuletzt in den ersten drei Monaten der Fall war.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk