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StartseiteKultur heuteSchriftsteller in der Türkei in "einer Art Schockstarre" 18.07.2016

Nach dem PutschversuchSchriftsteller in der Türkei in "einer Art Schockstarre"

Der Putschversuch habe bei Schriftstellern in der Türkei alte Wunden aufgerissen, sagte Semra Uzun-Önder, Gründerin des "Literatürk"-Festivals, im DLF. Ihre Verunsicherung sei ins Unermessliche gesteigert:"Man kann von so einer Art Schockstarre reden."

Semra Uzun-Önder im Gespräch mit Änne Seidel

Semra Uzun-Önder, Leiterin des "Literatürk"-Festivals in Essen. (picture alliance / dpa / Uwe Zucchi)
Semra Uzun-Önder, Leiterin des "Literatürk"-Festivals in Essen. (picture alliance / dpa / Uwe Zucchi)
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Änne Seidel: "Mein Weg als Schriftsteller, ja mein ganzes Leben ist zäsiert vom Rhythmus der Staatsstreiche." Das schreibt der türkische Schriftsteller Nedim Gürsel in der Online-Ausgabe der "Neuen Zürcher Zeitung". Ein Satz, der klar macht: Für die ältere türkische Generation hat das, was gerade in der Türkei passiert ist, etwas von einem Déjà-vu. An drei "erfolgreiche" und vier erfolglose Putsche erinnert sich etwa Gürsels Schriftstellerkollege Orhan Pamuk. Auch er äußert sich heute in der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung".

Putsche, unter denen auch die Schriftsteller in der Türkei immer wieder gelitten haben, und deshalb wollen wir uns ihnen in dieser Sendung als erstes widmen. Ich habe kurz vor der Sendung gesprochen mit Semra Uzun-Önder. Sie leitet das "Literatürk"-Festival in Essen, hat enge Kontakte zu Schriftstellern in der Türkei. Wie geht es denen jetzt nach dem erneuten Putschversuch?

Semra Uzun-Önder: Grundsätzlich ist das ja so, dass diese Putsche, die Sie gerade auch angesprochen haben, tatsächlich immer präsent sind, auch in den Gesprächen. Und der neuere Putsch, Putschversuch, wie man es auch immer bezeichnen mag, hat natürlich auch alte Wunden aufgerissen und die Verunsicherung ins Unermessliche gesteigert. Man kann von so einer Art Schockstarre reden. Die Menschen versuchen natürlich zu verstehen, was da passiert ist, beziehungsweise einzuordnen, wie das Leben jetzt weitergeht, zumal es ja schon vor diesem Putsch nicht sehr einfach war, zumindest nicht für die, die nicht regierungskonform sind, und es brechen noch schwerere Zeiten an, als es ohnehin schon war.

"Es herrscht schon eine Welle der Angst"

Seidel: Da kommen wir gleich noch zu. - Der türkische Staatspräsident Erdogan hat prompt auf den Putschversuch reagiert, und zwar mit einer massiven Verhaftungswelle. Wissen Sie etwas darüber, ob auch Schriftsteller von diesen Verhaftungen betroffen sind?

Uzun-Önder: Im Moment ist mir nicht bekannt, dass Schriftsteller betroffen sind, was mich, ehrlich gesagt, aber nicht wundern würde, wenn das in den nächsten Tagen passieren würde. Was mir aber bekannt ist, dass im Internet über Twitter eine Liste kursiert, die verschiedene türkische Zeitungen aufgegriffen haben, von etlichen Journalisten, die in den nächsten Tagen verhaftet werden sollen. Inwieweit man dem trauen kann weiß ich nicht, aber es herrscht schon eine Welle der Angst definitiv auch.

Seidel: Das Wort "Schockstarre" haben Sie vorhin auch schon benutzt. Korrespondenten berichten von einer Art politischen Funkstille der Opposition. Sprich das gilt also auch für den Literaturbetrieb?

Uzun-Önder: Das kann ich so im Moment, ehrlich gesagt, gar nicht sagen. Ich glaube, so überraschend das für viele auch war, so sehr ist das aber auch etwas, was die Leute auch antreibt. Sie haben zwar vielleicht kein Vertrauen in die Politik ihres Landes, aber die Menschen wollen sich natürlich auch nicht den Mund verbieten lassen und wollen sich auch nicht vorschreiben lassen, was sie zu schreiben haben oder wie sie zu leben haben. Von daher: Die Resignation wächst vielleicht, aber auch der Zorn und auch der Wille beziehungsweise der Gedanke, jetzt erst recht. Es wirkt vielleicht aussichtslos, aber es ist auch mein Land. Das ist das, was mir viele Autoren auch immer wieder sagen. Es ist auch mein Land, ich lebe in diesem Land, ich liebe dieses Land und ich möchte mir weder den Mund verbieten lassen, noch möchte ich mir erklären lassen, wie ich zu leben oder zu schreiben habe. Von daher denke ich schon, dass es im Prinzip so weitergehen wird, dass gerade auch die Schriftsteller versuchen werden, mit ihren Texten, mit ihren Büchern auch dagegen anzukämpfen und das zu verarbeiten letztendlich auch.

"Es gibt kein Vertrauen mehr in die Rechtsstaatlichkeit"

Seidel: Trotzdem ist es vermutlich in so einer Situation auch nicht so ganz einfach, sich überhaupt zu Wort zu melden, denn wer Erdogan jetzt kritisiert, der wird wahrscheinlich automatisch verdächtigt, den Putsch gutzuheißen. Sprich: Die Schriftsteller, die Intellektuellen sind da jetzt gerade in einem ziemlichen Dilemma, oder?

Uzun-Önder: Das ist in der Tat so. Aber das bringen solche Situationen mit sich und da ist die Entscheidung: Bringt man den nötigen Mut auf und kämpft für das, wofür man einsteht, wie man leben möchte, oder resigniert man und hat von vornherein verloren. Und ich bin sehr froh darüber, dass es sehr viele mutige Journalisten und Schriftsteller oder Menschenrechtsverbände gibt, die sagen, mit uns eben nicht und wir stehen für das ein, was wir richtig finden, und wir werden weiterkämpfen. Gar keine Frage! Dass sie unter einer besonderen Bedrohung leben, das ist in der Tat so.

Seidel: Sie haben es vorhin schon angesprochen: Die Situation der Schriftsteller in der Türkei war auch vor dem jetzigen Putsch alles andere als einfach. Viele Schriftsteller sind sowieso schon in Haft. Haben Sie Angst, dass deren Lage jetzt noch aussichtsloser wird, als sie sowieso schon war?

Uzun-Önder: Eigentlich schon, weil es gibt natürlich auch kein Vertrauen mehr in die Rechtsstaatlichkeit. Und wenn man mitbekommt, wie viele Richter ausgetauscht werden und regierungskonforme Richter und die ganze Apparatur quasi regierungskonform gemacht wird, ist das natürlich eine Frage, inwieweit man dann auf faire Prozesse hoffen kann oder auf Entlassungen auch jetzt mit den nächsten Verhaftungswellen. Ja, ich mach mir schon große Sorgen, muss ich ehrlich sagen, weil man möchte natürlich Hoffnung haben. Aber es ist auch schwierig, tatsächlich sehr schwierig, Hoffnung noch zu behalten, wenn man nicht stetig kämpft.

Seidel: Semra Uzun-Önder, Leiterin des "Literatürk"-Festivals in Essen, zur Situation der türkischen Schriftsteller nach dem Putschversuch.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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