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StartseiteWirtschaft und GesellschaftWie sich die britische Wirtschaft auf den Brexit vorbereitet29.06.2016

Nach dem ReferendumWie sich die britische Wirtschaft auf den Brexit vorbereitet

Teil I der Serie "Bye Bye Britain"

Für viele britische Unternehmen ging es in den vergangenen Tagen abwärts. Am schlimmsten hat es die großen Baukonzerne getroffen, aber auch in anderen Branchen stehen seit dem Brexit-Votum Jobs auf dem Spiel, etwa im Bankensektor. Einer Umfrage zufolge überlegt jeder fünfte Wirtschaftsboss in Großbritannien, einen Teil seiner Geschäfte aus dem Land abzuziehen.

Von Sandra Pfister

Blick auf Londons Finanzdistrikt mit den Bankentürmen von unter anderem HSBC, Citigroup, JPMorgan Chase, Barclays. (AFP)
Blick auf Londons Finanzdistrikt mit den Bankentürmen von unter anderem HSBC, Citigroup, JPMorgan Chase, Barclays. (AFP)
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Serie: Bye Bye Britain Was der Brexit mit der Wirtschaft macht 

"BBC News at six o clock. An attempt of the Chancellor George Osborne to reassure the markets in the wake of the EU-Referendum has failed, with sterling dropping..."

Bleibt ruhig und macht weiter wie bisher, hat der britische Schatzkanzler den Investoren verordnet. Aber die Märkte ignorieren ihn einfach. Die einzigen, deren Geschäfte in den vergangenen Tagen definitiv gut liefen, waren Konzerne, die vom schwachen Pfund profitierten – insbesondere Ölkonzerne.

Schon vor dem Referendum gab es nur wenige Unternehmer, die sich für einen Brexit stark machten. Jetzt halten sie sich sehr bedeckt. Eine Ausnahme ist Peter Shirley, Gründer und Geschäftsführer des mittelständischen Lebensmittel-Unternehmens Midlands Chilled Foods:

"Ich bin im Food-Business, das ist der größte Wirtschaftszweig überhaupt im Land. Wir werden weitermachen wie bisher. Ich habe keine Absicht, auf die EU zu reagieren. Ich reagiere darauf, was meine Kunden wollen. Und ich denke, mit 60 Millionen Kunden in diesem Land, der fünfgrößten Wirtschaft der Welt, da werden wir nicht besonders leiden.   Lasst uns ab und zu mal eine Herausforderung haben. Das britische Volk ist bereit für diese Herausforderung."

Am schlimmsten hat es die Baukonzerne getroffen

Für viele britische Unternehmen ging es in den vergangenen Tagen abwärts. Am schlimmsten hat es die großen Baukonzerne getroffen: Taylor Wimpey, Persimmon, Barratt – sie haben seit Freitag 40 Prozent an Wert verloren. Investoren sind alarmiert, weil viele Bauprojekte auf Eis gelegt werden. Die Hauspreise könnten fallen; außerdem rechnen viele damit, dass ihnen irgendwann die Bauarbeiter ausgehen – die kommen zu drei Vierteln aus Osteuropa. Ian Hodgkinson von der Baufirma International Bricklayer Contractors aus Derby:

"Auf uns wirkt sich im Wesentlichen der Preis für Baustoffe aus. Dieses Land kann einfach nicht so viele Bausteine herstellen, wie wir derzeit für unsere Bauprojekte brauchen. Wir müssen also die Steine vom Kontinent beziehen. Sie kommen derzeit hauptsächlich aus Spanien. Unter dem Strich haben wir deshalb seit Freitag, seit das Pfund so stark gesunken ist, heftige Verluste gemacht. Derzeit etwa 10.000 Pfund. Ich bin deshalb mit der Entscheidung, die EU zu verlassen, überhaupt nicht glücklich. Wenn das Pfund weiter sinkt, müssen wir unser Geschäft überdenken."

Ihr Geschäft überdenken derzeit so einige. Vodafone stellt jetzt den Standort London in Frage und erwägt, den Hauptsitz in die EU zu verlagern. Das Institute of Directors, eine Lobbyorganisation, der 35.000 Geschäftsführer und Manager angehören, hat gerade eine viel beachtete Umfrage veröffentlicht, nach der jeder fünfte Wirtschaftsboss in Großbritannien überlegt, einen Teil seiner Geschäfte aus dem Land abzuziehen. 

"Ich denke, dass Entscheidungen, ob man in ein Geschäft investiert oder Jobs schafft, dass die so lange aufgeschoben werden, bis Stabilität und Klarheit herrscht. Also wird es eine Weile dauern, bis die Dinge wieder normal verlaufen."

Entlassungen und Einstellungs-Stopps

Fünf Prozent der Betriebe gaben an, sie würden jetzt direkt Leute entlassen; ein Viertel sagte, sie würden geplante Einstellungen jetzt erst mal auf Eis legen. Der erste große Unternehmer, der öffentlich über den Schaden spricht, den das Brexit-Votum seinem Unternehmen zugefügt hat, ist Sir Richard Branson, Gründer der Virgin Group. Dem Mischkonzern, der mit Musik, Mobilfunk oder auch in der Luftfahrt sein Geld verdient, sei durch die Aussicht auf den Brexit ein großes Geschäft geplatzt, sagte Branson gestern:

"Ich vermute, wir haben ein Drittel unseres Wertes verloren, was für alle unsere Angestellten grauenvoll ist. Wir waren dabei, einen sehr großen Deal abzuschließen, wir haben ihn abgeblasen, er hätte 3.000 Jobs geschaffen. Und in so einen Schlamassel geraten gerade viele in diesem Land."

Eine der Branchen, die allen Prognosen zufolge ebenfalls tief im Schlamassel landen könnte, ist der Bankensektor – die Cash Cow Londons. Die US-Bank JP Morgan hat verlauten lassen, bei ihr stünden bis zu 4.000 Jobs auf dem Spiel. Die britische Bank HSBC hat angekündigt, 1.000 Jobs aus der City nach Frankreich zu verlagern. Andere halten sich bisher zurück. Wie sehr viele City-Banker der mögliche Kehraus aber bereits mitnimmt, zeigt sich an den internationalen Schulen in London: Angeblich werden etliche Schüler, die dort im September aufschlagen sollten, gerade wieder abgemeldet. Und Lehrer berichten, viele Schüler aus EU-Ländern seien in Tränen ausgebrochen, weil ihre Eltern ihnen gesagt hätten, sie müssten bald wegziehen.

 

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