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StartseiteKommentare und Themen der WocheRassistisch motivierte Gewalt ist nur die Spitze des Eisbergs06.06.2020

Nach dem Tod George FloydsRassistisch motivierte Gewalt ist nur die Spitze des Eisbergs

Bei den weltweiten Demonstrationen drücke sich nicht nur Wut über diesen weiteren getöteten schwarzen Menschen George Floyd aus, kommentiert René Aguigah. Sondern auch die Wut über rassistische Strukturen, wie sie die westlichen Gesellschaften prägten - natürlich auch die deutsche.

Von René Aguigah

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Aktivisten vor dem Brandenburger Tor halten ein Schild mit der Aufschrift "Say Their Names" in die Höhe. (Imago / ZUMA Wire / Omer Messinger)
In Deutschland scheitert die Auseinandersetzung mit Rassismus häufig schon an sprachlichen Problemen. (Imago / ZUMA Wire / Omer Messinger)
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Es ist zwei Tage her, am Donnerstag wurde in Frankfurt ein Polizist verurteilt. Der Polizist hatte einen festgenommenen Schwarzen rassistisch beleidigt, mit einer hässlichen Variation des N-Worts. Man muss das Wort hier nicht wiederholen, kann aber folgendes Erfahrungswissen ergänzen: Es gibt keinen gewaltfreien Gebrauch des N-Worts, erst recht nicht in einer Szene mit einem weißen Polizisten und einem festgenommenen Schwarzen. In einer solchen Szene ist nicht einmal denkbar, dass ein N-Wort ganz allein daherkommt.

Im Frankfurter Fall war der Schwarze festgenommen worden, weil er gegen das Aufenthaltsgesetz verstoßen haben soll. Autobahnpolizisten hatten ihn kontrolliert, und dann geschah dies: erneute Untersuchung auf dem Präsidium, erneutes nackt Ausziehen, erst kooperiert der Festgenommene, dann sträubt er sich, sechs Polizisten ringen ihn nieder, kontrollieren alle seine Körperöffnungen, irgendwann fällt das N-Wort. Man sollte ergänzen: Das Frankfurter Amtsgericht verhängte die Geldstrafe für die verbale Beleidigung – nicht für die Gewalt auf dem Polizeipräsidium, die offenbar so durchgeht. Die "Frankfurter Rundschau" schreibt: Der Festgenommene: seiner "Würde beraubt".

Aiman A. Mazyek ist Vorsitzender des Zentralrats der Muslime in Deutschland bei einer Pressekonferenz in Berlin im Februar 2020  (dpa/picture alliance - Abdulhamid Hosbas / Anadolu Agency) (dpa/picture alliance - Abdulhamid Hosbas / Anadolu Agency)Aiman Mazyek fordert: Rassismus benennen
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Weltweite Proteste nach dem Tod von George Floyd 

Seit dem öffentlichen tödlichen Gewaltakt der Polizei gegen George Floyd in Minneapolis, Minnesota, wird protestiert – weltweit protestiert, muss man sagen, schon weil der Protest auf der Straße ebenso stattfindet wie in den Sozialen Medien. Menschen zogen auch durch europäische Städte, durch London, Paris, Athen, Rotterdam, durch Berlin, Frankfurt, München oder Nürnberg. Die vollständige Aufzählung der Orte tut kaum etwas zur Sache, weil all die Kurzvideos und Bilder, Tweets und Slogans potentiell jedes Mobiltelefon erreichen. All die Körper auf der Straße und all die Postings auf Twitter oder Instagram sind nicht nur medial miteinander verschränkt, sie haben auch in der Substanz etwas gemeinsam: Sie transportieren Wut. Wut, wie sie – nur ein Beispiel – jenes vielleicht sechsjährige Mädchen verkörpert, das in den Timelines zahlreicher User am Donnerstag "No justice – no peace!" rief, nicht nur mit seiner Stimme rief, auch mit Fäusten, mit Zeigefingern, mit jeder Faser des Körpers: "keine Gerechtigkeit, kein Friede".

Dossier: Rassismus (picture alliance / NurPhoto / Beata Zawrzel)Dossier: Rassismus (picture alliance / NurPhoto / Beata Zawrzel)

Es ist Wut über diesen weiteren getöteten schwarzen Menschen – ebenso wie Wut über die rassistischen Strukturen, wie sie die westlichen Gesellschaften prägen, natürlich auch die deutsche. Das Frankfurter Gericht, das den rassistisch beleidigenden Polizisten verurteilte, glaubt, dass dieser Polizist vielleicht – "nicht aus Gesinnung, sondern im Eifer des Gefechts" gehandelt habe. Es könnte sein, dass das Gericht in einem tieferen Sinn Recht hat, als es das selbst ahnt. Denn es handelt sich bei Rassismus tatsächlich nicht notwendig um die Gesinnung einer Einzelperson – sondern eher um ein System, das rassistische Handlungen wie die des Polizisten erst möglich macht.

Wut gegen gesellschaftlich festgeschriebene Kräfteverhältnis

Eine kurze Reihe von gegriffenen Beispielen: Schwarze müssen damit rechnen, dass irgendjemand ihnen in die ach so exotischen Haare fasst, Schwarze müssen damit rechnen, dass sie als einzige im Zug kontrolliert werden. Sie müssen damit rechnen, dass sie auf dem Wohnungsmarkt oder dem Arbeitsmarkt substanziell benachteiligt sind. Mit Einzelfallerfahrungen haben Berichte dieser Art nichts zu tun. Das Erleiden von rassistisch motivierter Gewalt ist jedenfalls nur die Spitze eines Eisbergs. Ob das nicht Beispiele auf ganz unterschiedlichem Niveau sind? Ja, klar. Aber eben alles auch Beispiele für die Wirkungsweise eines Kräfteverhältnisses, für das das Wort "Rassismus" nur die Abkürzung ist. Die Publizistin Carolin Emcke hat Recht, wenn sie in der "Süddeutschen Zeitung" schreibt: "die Misshandlung von Schwarzen ist keine Unterbrechung des Normalen, sie ist das Normale. Die Brutalität ist kein vereinzelter Exzess, sondern strukturelle Wiederholung".

Gegen dieses gesellschaftlich festgeschriebene Kräfteverhältnis richtet sich der politische Affekt dieser Woche: die Wut. Es bleibt zu hoffen, dass diese Wut weder eskaliert noch verpufft. Die Hoffnung wäre, dass sie bald politisch produktive Kanäle findet.

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