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StartseiteKommentare und Themen der WocheRuanda hat seine Lektion gelernt - die Welt nicht07.04.2019

Nach dem Völkermord vor 25 JahrenRuanda hat seine Lektion gelernt - die Welt nicht

Das Trauma des Genozids ist in Ruanda auch 25 Jahre danach nicht überwunden. Aber die Bevölkerung setze auf Versöhnung, fest entschlossen, dass so etwas nicht noch einmal geschehe, kommentiert Linda Staude. Die internationale Gemeinschaft dagegen mache weiter die gleichen Fehler wie damals.

Von Linda Staude

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Besucher in der Gedenkstätte des Kigali Genocide Memorial Center stehen vor Fotos von während des Genozids Ermordeten (dpa/Michael Kappeler)
Aufarbeitung des Völkermords: Fotos von Ermordeten im Genocide Memorial Center in Kigali (dpa/Michael Kappeler)
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Ruanda hat Unglaubliches geleistet in den vergangenen 25 Jahren. Nach dem Völkermord von 1994 war das Land am Boden: Bis zu eine Million Menschen grausam niedergemetzelt, fast ein Zehntel der Bevölkerung damals. Viele Häuser zerstört, die Felder verwüstet, öffentliche Institutionen nicht mehr existent.

Seither hat Ruanda sein eigenes Wirtschaftswunder geschaffen mit Wachstumsraten von im Schnitt acht Prozent, so viel wie kaum eine anderes Land in Afrika. Der Anteil von Menschen, die unter der Armutsgrenze leben, wurde halbiert. Ruanda gilt als vorbildlich bei der Gleichberechtigung von Frauen, als frei von Korruption und ist der Liebling ausländischer Investoren auf dem afrikanischen Kontinent.

Aufarbeitung des Schreckens statt Schweigen

Der Preis dafür ist ein Präsident, der mit harter Hand regiert. Ruanda ist auch ein Überwachungsstaat, in dem Presse- und Meinungsfreiheit nicht viel gelten und in dem Kritiker ganz schnell im Gefängnis landen können. Trotz dieser Widersprüche: Die größte Leistung der ruandischen Regierung und der Bevölkerung ist ihre Aufarbeitung der Schrecken von 1994.

In vielen Ländern Afrikas werden noch so große Grausamkeiten oft genug unter den Teppich gekehrt. Die Täter gehen straflos aus, die Opfer müssen so tun, als wäre nichts gewesen. Mit der Folge, dass es unter der Oberfläche brodelt und der ungelöste Konflikt jederzeit wieder ausbrechen kann. So geschehen in Nigeria nach dem Biafra-Krieg, in Kenia nach den Wahlunruhen 2007, mit dem Dauerkonflikt im Ostkongo.

Regierung setzt auf Einigkeit und Versöhnung 

Ruanda ist bewusst einen anderen Weg gegangen. Mit den traditionellen Dorfgerichten, den sogenannten Gacacas, hat es zumindest den Versuch gegeben, Gerechtigkeit für die Opfer zu schaffen. Gleichzeitig wird bis heute viel für die Rehabilitierung und Wiedereingliederung der Verurteilten getan. In einem Land, in dem Hunderttausende schuldig geworden sind, müssen Überlebende zwangsläufig mit den Tätern Tür an Tür leben. Die Regierung hat deshalb Einigkeit und Versöhnung zu ihrem Programm gemacht.

Eine Unterscheidung zwischen Hutu und Tutsi gibt es offiziell nicht mehr. In den Schulen lernen schon Zehnjährige, dass alle Ruander ein Volk sind. Natürlich ist es unmöglich, die nationale Aussöhnung von oben anzuordnen. Aber es ist tief beeindruckend, wie bereit die Menschen sind, zu vergeben und neu anzufangen. Das Trauma des Völkermordes ist längst noch nicht überwunden in Ruanda, aber die Ruander sind ganz offensichtlich fest entschlossen, alles zu tun, damit so etwas nie wieder geschieht.

Welt hat aus der Geschichte Ruandas nichts gelernt

Damit hat das Land mehr erreicht als die internationale Gemeinschaft. Die hat 1994 alle Informationen darüber ignoriert, dass Ruandas damalige Regierung den Genozid von langer Hand vorbereitet hat, und das sorgfältig geplante Blutbad einfach geschehen lassen. In Sonntagsreden räumen die Regierungschefs der Welt immer wieder ein, dass sie Fehler gemacht haben, und beteuern, dass es nie wieder ein Ruanda geben darf. Und ignorieren gleichzeitig immer neue Massenmorde wie in Myanmar, in Syrien, in Darfur, im Kongo. Die Liste ist endlos. Die Welt hat aus der Geschichte Ruandas nichts gelernt. Anders als das Land selbst. Ruanda hat seine Lektion gelernt.

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