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StartseiteKommentare und Themen der WocheEndlich auf Qualität statt auf Masse setzen26.10.2019

Nach den BauernprotestenEndlich auf Qualität statt auf Masse setzen

Eine Branche, die fast die Hälfte ihrer Einkommen aus Subventionen bezieht, kann man steuern, kommentiert Alois Berger. Mehr Umweltschutz, weniger Chemie und Medizin sei möglich - auch in der konventionellen Landwirtschaft. Bauernproteste hin oder her - die Pläne der Agrarministerin gingen nicht weit genug.

Von Alois Berger

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Bauernproteste in Berlin am 22. Oktober 2019. Ein Traktor ist mit einem Schild versehen. Darauf steht das Wort Politik, das durchgestrichen ist.  (picture alliance / AA / Abdulhamid Hosbas)
Bauernproteste in Berlin am 22. Oktober 2019 (picture alliance / AA / Abdulhamid Hosbas)
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Es gibt Bauern, die haben nicht mitprotestiert in dieser Woche. Sie haben nicht gegen das Verbot von Glyphosat gewettert, auch nicht gegen die geplante Verschärfung der Düngemittelverordnung und sie sind auch nicht gegen einen besseren Tierschutz in den Ställen. 

Viele der Bauern, die zuhause geblieben sind, machen längst, was die Bundesregierung künftig von allen Bauern verlangen will. Manche sind schon viel weiter. Sie setzen nicht nur ein bisschen weniger Pestizide ein und ein bisschen weniger Dünger. Sie verzichten ganz auf Chemie, und sie halten ihre Tiere so, dass sie keine Antibiotika brauchen. 
 
Wir reden nicht nur von den Biolandwirten. Auch unter den konventionell wirtschaftenden Bauern sind etliche, die mit Natur und Umwelt überaus verantwortungsvoll umgehen. Es ist also möglich, Landwirtschaft zu betreiben und davon zu leben, ohne die Natur und auch unsere Gesundheit zu gefährden. 

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Der jüngste IPCC Bericht hat es deutlich gemacht: Die Landwirtschaft muss sich grundsätzlich wandeln, damit sie den Klimawandel nicht weiter befeuert – und gleichzeitig im Jahr 2050 neun Milliarden Menschen ernähren kann.

Bio-Landwirte jammern fast nie

Wer gelegentlich auf Bauernhöfen unterwegs ist, merkt schnell, dass es diesen Bauern eher besser geht als den anderen. Auf Bio-Bauernhöfen etwa wird so gut wie nie gejammert. Bio-Landwirte sind meist mit sich und ihrer Arbeit im Reinen. Das ist so, das kann man feststellen. 
 
Trotzdem streitet die große Mehrheit der Bauern für eine Chemie-intensive Landwirtschaft. Dabei weiß heute jeder, dass Glyphosat zum Artensterben beiträgt, dass Dünger das Trinkwasser mit Nitrat belastet und dass Antibiotika im Stall unsere Gesundheit gefährden. Und wer das nicht weiß, der sollte ohnehin die Finger davon lassen. 

Es geht nicht darum, die Landwirte zum Buhmann zu machen, wie bei den Demonstrationen in dieser Woche häufig beklagt wurde. Es geht darum, Schaden abzuwenden. 

Massenhafter Einsatz von Antibiotika

Derzeit werden auf deutschen Bauernhöfen fast doppelt so viele Antibiotika verschrieben wie in allen deutschen Krankenhäusern zusammen. Vor allem Hühner, Puten und Schweine werden regelmäßig damit gefüttert. Wenn ein Tier krank ist, bekommt der ganze Stall die Medizin. 

Doch der massenhafte Einsatz zerstört die Wirksamkeit der Antibiotika. Schon heute sterben in Deutschland jedes Jahr 6.000 Menschen an resistenten Keimen, weil Medikamente nicht mehr wirken. Tendenz: rasant steigend. Der großflächige Einsatz von Antibiotika in der Tiermast gehört zu den verantwortungslosesten Praktiken der modernen Landwirtschaft. 

Branche stärker steuern

Natürlich ist es nicht leicht für den einzelnen Landwirt, auf all die chemischen Helfer zu verzichten, wenn rundherum alle weitermachen wie bisher. Deshalb ist es an der Regierung, die Regeln für alle zu verändern. Eine Branche, die fast die Hälfte ihrer Einkommen aus Subventionen bezieht, die kann man steuern: Mehr Umweltschutz, mehr Naturschutz, weniger Chemie und weniger Medizin. Das geht. 

Und langfristig hilft das auch den Bauern. Seit Jahren produzieren die Höfe mit Hilfe der Chemie immer mehr: mehr Fleisch, mehr Milch, mehr Getreide. Das Ergebnis ist, dass die Preise fallen und jedes Jahr einige Bauern aufhören müssen. Wenn endlich auf Qualität statt auf Masse gesetzt würde, dann wäre auch Platz für alle. Biobauern etwa produzieren rund ein Drittel weniger pro Hektar.

Reformpläne der Bundesregierung gehen nicht weit genug

Die Angst, dass wir dann verhungern, ist unbegründet. Erstens werden nicht alle Bauern auf Bio umsatteln. Weniger Chemie und mehr Umweltschutz ist auch in der konventionellen Landwirtschaft möglich. Zudem werden in Deutschland heute gut 40 Prozent mehr Lebensmittel produziert als letztendlich auf dem Teller landen. Ein Teil wird exportiert, ein größerer Teil geht durch Schlamperei und durch Überschusskalkulation im Handel verloren. Wir hätten also durchaus noch Reserven. 

Julia Klöckner (CDU), Bundesministerin für Ernährung und Landwirtschaft, spricht im Bundestag zu Beginn der Haushaltswoche.  (picture alliance/dpa - Carsten Koall/dpa)Julia Klöckner sei mehr Agrarministerin als Ernährungsministerin, meint Alois Berger (picture alliance/dpa - Carsten Koall/dpa)
Die Reformpläne der Bundesregierung gehen nicht zu weit, wie die demonstrierenden Bauern diese Woche behauptet haben. Sie gehen nicht weit genug, und sie werden vermutlich noch weiter verwässert, die ersten Reaktionen aus Berlin nach den Protesten der Landwirte zeugen davon. Verantwortung für diese Verwässerung trägt vor allem die Agrarministerin Julia Klöckner, die sich nicht als Ernährungsministerin für alle versteht, sondern als Fürsprecherin vor allem der Bauern, die laut klagen. Die Bauernproteste dieser Woche werden ihre Wirkung also nicht verfehlen. Leider! 

Alois Berger (privat)Alois Berger (privat)Alois Berger, gelernter Elektroniker, studierte Politik, Wirtschaft und Philosophie in Deutschland, Frankreich und den Philippinen und absolvierte die Deutsche Journalistenschule in München. Er arbeitete als Radioredakteur, Moderator und Reporter in Berlin, damals West- und Ost-Berlin. Danach fast 20 Jahre EU-Korrespondent in Brüssel für Zeitungen, Radio und Fernsehen. Seit fünf Jahren im Rheinland, hier macht er Dokumentarfilme für ARTE, Kommentare, Kolumnen und Hintergrundberichte für Deutschlandfunk und Deutschlandradio Kultur. Lebenserfahrung: verheiratet, zwei erwachsene Kinder.

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