Nach der Absetzung von "Bild"-Chef Reichelt Auch Springerchef Döpfner unter Druck

Das Medienhaus Springer steht weiter vor Problemen, kommentiert Brigitte Baetz. Denn auch gegen den CEO Mathias Döpfner gibt es Vorwürfe: Der BDZV-Präsident soll einen Großteil der deutschen Journalisten als Propagandisten bezeichnet haben. Der Verlegerverband müsse hier auf Aufklärung drängen.

Von Brigitte Baetz | 19.10.2021

Mathias Döpfner, Vorstandsvorsitzender der Axel Springer SE, spricht während einer Veranstaltung
Springer-Chef Mathias Döpfner ist Springer-Konzernchef und Präsident des wichtigsten deutschen Verlegerverbands BDZV (picture alliance/dpa/dpa-Pool | Bernd von Jutrczenka)
Julian Reichelt ist als Chefredakteur der "Bild"-Zeitung abgelöst. Doch die Probleme beim Medienhaus Springer mit einer möglicherweise toxischen Unternehmenskultur bleiben. Das zeigt ausgerechnet die Presseerklärung, die Springer zur Absetzung von Julian Reichelt herausgegeben hat.
Darin wurden "Anhaltspunkte für erneutes Fehlverhalten" des ehemaligen Chefredakteurs eingeräumt, und später rechtliche Schritte angekündigt gegen "Dritte, die versucht haben, die Compliance-Untersuchung vom Frühjahr mit rechtswidrigen Mitteln zu beeinflussen und zu instrumentalisieren, offenbar mit dem Ziel, Julian Reichelt aus dem Amt zu entfernen und 'Bild' sowie Axel Springer zu schädigen".

Gegen Whistleblower soll rechtlich vorgegangen werden

Es gehe insbesondere um die verbotene Verwendung und Nutzung vertraulicher Protokolle aus der Befragung von Zeugen sowie die Offenlegung von Geschäftsgeheimnissen und privater Kommunikation. Kurz gesagt: Das Unternehmen gibt sich geläutert, geht aber gleichzeitig gegen diejenigen vor, die mitgeholfen haben, Missstände an die Öffentlichkeit zu bringen.
Mathias Döpfner, Vorstandsvorsitzender der Axel Springer SE, spricht bei der Eröffnung des Axel-Springer-Neubaus zu den Gästen.
Wechsel an "Bild"-Spitze - Reichelt geht, Döpfner bleibt
Die "New York Times" hat mit ihrer Recherche zu möglichem Machtmissbrauch dazu beigetragen, dass "Bild"-Chef Julian Reichelt ab sofort freigestellt ist. Auch gegen Springer-Chef Mathias Döpfner gibt es Vorwürfe.
Nun wird natürlich niemand erwarten, dass ein Medienhaus Begeisterung heuchelt, wenn Interna nach draußen dringen. Doch war dieses Durchstechen offensichtlich nötig, um die Probleme in der Redaktion der "Bild"-Zeitung, die im fragwürdigen Umgang von Julian Reichelt mit jüngeren Mitarbeiterinnen bestanden, zu benennen und möglicherweise auch zu lösen. Gerade als Medienhaus müsste man zudem anerkennen, dass sogenannte Whistleblower wichtig sind für Berichterstattung in öffentlichem Interesse.

Pikante Textnachricht von Springer-Vorstand Döpfner

Und da kommt auch private Kommunikation von Springer-Vorstand Mathias Döpfner ins Spiel, die weitergegeben wurde. Döpfner soll laut "New-York-Times"-Artikel in einer schon etwas älteren Textnachricht Julian Reichelt als "letzte(n) und einzige(n) Journalisten in Deutschland" verteidigt haben, der noch mutig gegen den neuen DDR-Obrigkeitsstaat aufbegehre. Fast alle anderen seien "Propaganda-Assistenten" geworden.
Die Springer-Pressestelle schrieb auf Nachfrage: "Wir kommentieren grundsätzlich keine vermeintlichen Inhalte aus privaten Unterhaltungen", ergänzte jedoch: Diese Zitate seien außerhalb des Kontexts überhaupt nicht sinnvoll zu würdigen. Selbstverständlich hielte Mathias Döpfner die Bundesrepublik Deutschland nicht für vergleichbar mit der DDR.
Das Pikante an Döpfners Aussage wäre aber nicht nur diese verunglückte Anspielung im Querdenker-Stil, sondern auch die Abqualifizierung eines Großteils der deutschen Journalisten als Propagandisten. Döpfner ist nicht nur Vorstandsvorsitzender von Axel Springer, sondern auch Präsident des Bundesverbandes der Digitalpublisher und Zeitungsverleger (BDZV).
Letzterer wollte die Äußerung nicht kommentieren, da Döpfner nicht als Vorsitzender des BDZV gesprochen habe. Doch lässt sich das einfach so trennen? Es wäre wünschenswert, wenn der Verband bei seinem wichtigsten Repräsentanten auf Aufklärung drängt.
Brigitte Baetz
Brigitte Baetz (Deutschlandradio / Bettina Fürst-Fastre)
Brigitte Baetz, Studium der Politischen Wissenschaften, Geschichte und Romanistik in Würzburg, Köln und Salamanca. Sie arbeitet seit mehr als 20 Jahren als Freie Journalistin mit dem Schwerpunkt Medien und Politik in Köln. Sie gehört u. a. zum Team der Deutschlandfunk-Sendung @mediasres. 2005 wurde sie für ein Hörfunkfeature über die Macht von Interessengruppen mit dem Otto Brenner Preis für kritischen Journalismus ausgezeichnet. 2012 erhielt sie den Bert-Donnepp-Preis für Medienpublizistik. Sie ist Mitglied in der Jury des Grimme Online Award und Lehrbeauftragte an der Hochschule für Medien, Kommunikation und Wirtschaft in Köln.