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Nach der FinanzkriseDen Kapitalismus retten

"Kein Kapitalismus ist auch keine Lösung" oder noch deutlicher: "Rettet den Kapitalismus". Zwei Buchtitel, ein Ziel. Ihre Autoren beleuchten das System von unterschiedlichen Seiten, um zu zeigen, was sich ändern muss. Damit die Wirtschaft wieder vielen nützt.

Von Caspar Dohmen

Ein pinker Oldtimer rauscht im Abendlicht vor verwischtem Hintergrund an einer hellen Häuserzeile vorbei.  (imago / Christian Franz Tragni)
Damit nicht nur 1 Prozent der Gesellschaft vom Kapitalismus profitiert. (imago / Christian Franz Tragni)
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Es ist ein Allgemeinplatz zu betonen, dass in jeder Krise eine Chance liegt, weil man es besser, anders machen kann. Aber Krisen zu nutzen, ist kein Automatismus, was die tonangebende Wirtschaftstheorie zeigt. Weitgehend ungenutzt ließen die Gelehrten die Fragen und Probleme, welche sich aus der einschneidenden Finanzkrise ergaben. Stattdessen halten sie unbeirrbar an ihren Modellen der sogenannten Neoklassik fest, die sich als extrem wirklichkeitsfremd entpuppt haben. Fatale Folgen habe dieses Beharren, findet Ulrike Herrmann, die als Wirtschaftsredakteurin bei der alternativen "tageszeitung" arbeitet.

"Der Kapitalismus entwickelt sich völlig ungesteuert, weil der Mainstream eine Theorie vertritt, in der dieser Kapitalismus nicht vorkommt. Es ist eine Theorie ohne Großkonzerne, ohne Produktion, ohne Kredite – ja ohne Geld. Zur Neoklassik zählen sich etwa 85 Prozent aller Ökonomen. Sie werden wieder scheitern und Kosten produzieren, die in die Billionen gehen."

Mit den elementaren Fragen des Kapitalismus beschäftigen

Nach der Krise sei vor der Krise, schreibt die Autorin in ihrem Buch "Kein Kapitalismus ist auch keine Lösung". Sie will den Leser nicht davon überzeugen, die Ökonomie als Scharlatanerie auf die Müllkippe der Geschichte zu werfen. Nein, ihr geht es vielmehr darum, dem Leser die ökonomischen Denker nahe zu bringen, die sich tatsächlich mit den elementaren Fragen des Kapitalismus beschäftigt haben, in der heutigen Wirtschaftswissenschaft jedoch unverständlicherweise ein Schattendasein führen. Drei Männer sind es, die Herrmann vorstellt, als Menschen und als Denker: Den schottischen Gelehrten Adam Smith, den Begründer der Volkswirtschaft, die er zu seiner Lebenszeit im 18. Jahrhundert noch Nationalökonomie taufte. Der deutsche Publizist und Wissenschaftler Karl Marx, Begründer des Marxismus, der die kapitalistische Produktionsweise im 19. Jahrhundert ergründete und für den Kapitalisten und Arbeiter letztlich nur Träger einer Rolle waren, die ihnen das System zuwies – ein System, welches nach seiner Ansicht überwunden werden musste, zum Wohle der Menschheit. Und drittens: Der britische Wissenschaftler und Regierungsberater John Maynard Keynes, der die Augen der Ökonomie im 20. Jahrhundert unter anderem dafür öffnete, dass Unternehmen und ganze Volkswirtschaften nach unterschiedlichen Gesetzmäßigkeiten funktionieren und dass Geld eine zentrale Einflussgröße ist, die ein Ökonom nicht einfach ausblenden sollte. Herrmann schreibt:

"Die Ökonomie muss daher zu Smith, Marx und Keynes zurückkehren, wenn sie relevante Erkenntnisse produzieren will. Allerdings darf man nicht den neoklassischen Fehler wiederholen, nun ebenfalls nach ‘Wahrheiten‘ zu suchen. Der Kapitalismus ist so dynamisch, dass sich die Perspektiven und Themen ständig ändern. Jede Generation muss ihre eigene Wirtschaftswissenschaft erfinden. Trotzdem können Smith, Marx und Keynes wesentliche Anregungen liefern."

Die Regeln, nach denen die Wirtschaft spielt

Ganz anders als die Neoklassiker, die nach Ansicht von Herrmann in eine Art "fiktives Mittelalter" zurückgekehrt seien. Wertvoll ist das verständlich geschriebene Buch für jeden Laien, welcher sich ein Bild machen will von den Gedanken eines Smith, Marx oder Keynes zu den zentralen Mechanismen des Kapitalismus‘. Während es der Journalistin um die Voraussetzungen für die Entwicklung einer zeitgemäßen ökonomischen Theorie geht, führt der US-amerikanische Wissenschaftler Robert Reich seinen Lesern den real existierenden Kapitalismus mit seinen gravierenden Schattenseiten vor Augen, anhand der USA. Reich kennt sich hier bestens aus, er hat unter den drei demokratischen Präsidenten Ford, Carter und Clinton für die Regierung gearbeitet, zuletzt als Arbeitsminister. Heute lehrt der originelle und brillante linke politische Kopf an der Universität Berkeley in Kalifornien und befasst sich nach wie vor mit Fragen der Gerechtigkeit, Ungleichheit und Armut. Dabei habe er eine wichtige Entwicklung übersehen, wie er selbstkritisch einräumt:

"Die zunehmende Konzentration politischer Macht in den Händen einer wirtschaftlichen und finanziellen Elite, der es gelungen ist, Einfluss auf die Regeln zu nehmen, nach denen die Wirtschaft spielt."

Reich schildert dies eindrücklich in seinem Buch "Rettet den Kapitalismus. Für alle, nicht für 1 Prozent" und bringt Beispiele in Hülle und Fülle. Pharmaunternehmen ergänzen Medikamente und geben ihnen neue Namen, um weiter exorbitant hohe Preise zu nehmen. So wird der Patentschutz missbraucht, der eigentlich für Unternehmen gedacht ist, die wirklich Neues entwickeln. Oder Lobbyisten erreichten, dass die Politik Urheberrechte immer wieder verlängerte. Ursprünglich galt das Copyright in den USA 14 Jahre lang, heute sind es 95 Jahre. Davon profitieren Unternehmen wie Walt Disney. Oder da sind private lokale Kabelmonopolisten - sie bieten oft nur langsame und teure Internetverbindungen an. Statt ihre Leistungen zu verbessern, nötigten sie unter anderem 20 Bundesstaaten Gesetze ab, die Kommunen das Verlegen von Glasfaserkabeln verbieten. Reich schildert die Macht von etablierten Industriegiganten wie dem Saatgutkonzern Monsanto und neuen Giganten aus dem Silicon Valley, facettenreich und inspirierend für den Leser und mit merklichem Unmut über Gefahren, beispielsweise weil mittlerweile bereits für jeden dritten US-Verbraucher Amazon die erste Anlaufstelle beim Einkauf ist, auch bei Büchern.

"Es ist also durchaus möglich, dass Amazon den Marktplatz für Ideen irgendwann im selben Würgegriff hat wie Google und Facebook die Nachrichtenbranche und dann – analog zu Monsantos Kampf gegen die Biodiversität in unserem Nahrungsmittelangebot – für die Verarmung der Geisteswelt sorgt."

Der unheilvolle Mythos vom freien Markt

Reich ist kein Verschwörungstheoretiker, sondern ein anerkannter Wissenschaftler. Man kann nur hoffen, dass er diejenigen zum Umdenken bringt, die bislang den einseitigen Propagandisten eines freien Marktes auf den Leim gehen, obwohl ihnen selbst dies sogar schadet. Denn von den jetzigen Regeln des Kapitalismus profitieren wenige, was den Frust vieler Amerikaner in unseren Tagen erklärt, der laut Reich auch deswegen jetzt ausbricht, weil die Menschen aus eigener Kraft ihr Einkommen nicht mehr halten oder steigern können.

Reich zertrümmert den unheilvollen neoliberalen Mythos vom freien Markt, der möglichst ungestört vom Staat agieren sollte, weil dies am Ende des Tages die größte Wohlfahrt für alle Bürger schaffe. Er macht dem Leser eindrücklich klar, dass kein Markt ohne den Staat existieren kann. Und gerade weil es der Staat ist, der mit seinen Regeln Märkte konstituiert, würden die Mächtigen – also vor allem die Konzerne, Finanzinstitutionen und Reiche, die Regeln zu ihren Gunsten verändern, um einen immer größeren Anteil der Marktergebnisse zu bekommen. Reich schreibt:

"Macht und Einfluss verstecken sich in den Prozessen, die über die Marktregeln entscheiden, und die daraus resultierenden wirtschaftlichen Gewinne und Verluste kommen im Gewand 'natürlicher' Folgen 'unpersönlicher Marktkräfte' daher."

Der Kapitalismus wird sich ändern 

Aber die Marktregeln machen Menschen. So haben Politiker die Regeln massiv zugunsten der Wall Street geändert und gleichzeitig Regeln geschaffen, die Millionen Menschen nach dem Platzen der Blase um ihr Zuhause brachten. Reich schildert die Entwicklung anhand der USA. Aber der politische Denker sieht andere Länder wie Deutschland in der gleichen Spur. Für ihn ist es keine Frage, dass sich Deutschland und die Vereinigten Staaten irgendwann wieder auf einen Kapitalismus zubewegen werden, der vielen nützt. Offen sei jedoch, ob dieser Richtungswechsel durch demokratische Reformen zustande komme oder durch ein autoritäres Mandat. Wer Reich liest, fühlt sich aufgefordert, Position zu beziehen, denn es ist ihm nur beizupflichten, wenn er schreibt:

"Wer behauptet, er stünde auf der Seite der Freiheit, während er das zunehmende Ungleichgewicht von wirtschaftlicher und politischer Macht in Amerika und anderen Industrienationen ignoriert, steht mitnichten auf der Seite der Freiheit, im Gegenteil, er steht ganz entschieden auf der Seite der Mächtigen."

Ulrike Herrmann: "Kein Kapitalismus ist auch keine Lösung. Was wir heute von Adam Smith, Karl Marx und John Maynard Keynes lernen können", Westend Verlag, 287 Seiten, 18 Euro

Robert B. Reich: "Rettet den Kapitalismus! Für alle, nicht für 1%", Campus Verlag, 320 Seiten, 24,95 Euro

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