Mittwoch, 05. Oktober 2022

Kommentar: Abschied von der Queen
Ein Verlust für Großbritanniens Rolle in der Welt

Queen Elizabeth II. habe nicht nur eine überragende innenpolitische Rolle gespielt, sie sei auch das größte Gut der britischen Diplomatie gewesen, kommentiert Friedbert Meurer. Mit ihrem Tod werde Großbritanniens Einfluss fast unweigerlich weiter erodieren oder sich zumindest verändern.

Ein Kommentar von Friedbert Meurer | 19.09.2022

Der Sarg von Königin Elizabeth II. wird durch die Straßen von London getragen.
Der Sarg von Königin Elizabeth II.wurde durch die Straßen von London getragen (picture alliance / AP / James Manning)
Das Vereinigte Königreich hat heute Abschied genommen von seiner Königin. Mehr: die halbe Welt war entweder mit ihren Staatsoberhäuptern in der Westminster Abbey vertreten oder verfolgte per Livestream die Beisetzungsfeiern. Es war eine Beerdigung der Superlative: die Monarchie bot all ihren Glanz und Pomp auf, zwei Millionen Menschen säumten die Straßen und Parks nahe des Prozessionszugs.
Diese übergroße Anteilnahme zeigt, über welch universalen großen Appeal die britische Monarchie verfügt. Beisetzung und Trauerfeiern boten dem Land alles, um sich global in Szene zu setzen. Die Monarchie ist ein erstklassiges Asset für Großbritannien, der wichtigste Bestandteil seiner großen Soft Power, zu der auch britische Schulen und Universitäten, die Popkultur oder der Sport mit Premier League und Wimbledon gehören.
Die Frage lautet allerdings: geht es von nun an bergab? Schon in den nächsten Tagen werden Inflation und Energiepreise innenpolitisch wieder die Stimmung trüben. Womöglich entscheidet sich die neue Premierministerin Liz Truss, den Konflikt mit der EU um Nordirland auf die Spitze zu treiben. Und auf lange Sicht wird ein zweites Unabhängigkeitsreferendum in Schottland kaum zu vermeiden sein.
International wird der Einfluss Großbritanniens also fast unweigerlich weiter erodieren oder sich zumindest verändern. Erste Länder wollen die britische Monarchie ablegen, im Commonwealth sieht man den britischen Einfluss kritischer denn je. Die Queen konnte noch mit ihrer überragenden Persönlichkeit und ihren engen Kontakten – sie war mit Nelson Mandela befreundet – vieles ausgleichen. Die Proteste zuletzt gegen den Thronfolger Prinz William und seine Frau Kate in Jamaika können sich andernorts wiederholen. Großbritannien muss sich mehr denn je mit seiner kolonialen Vergangenheit auseinandersetzen.
Die britische Diplomatie wird trotzdem selbstbewusst weiter eine wichtigere Rolle anstreben, als es der Größe des Vereinigten Königreichs eigentlich entspricht. Verwundert schaut man im Foreign Office auf Deutschland, das sich umgekehrt kleiner mache, als es sein müsste. In Deutschland blickt man mit Bewunderung, manchmal aber auch mit etwas Missgunst auf die britischen Höhenflüge. Nur warum sollen die Briten nicht die diplomatischen Mittel nutzen, die ihnen zur Verfügung stehen? Heute stand das Land aus traurigem Anlass im Mittelpunkt des Weltinteresses. Die Queen spielte nicht nur eine überragende innenpolitische Rolle, sondern sie war auch das größte Gut der britischen Diplomatie. Dieser Verlust könnte sich für die Rolle Großbritanniens in der Welt noch als besonders gravierend erweisen.
Friedbert Meurer
Friedbert Meurer, Jahrgang 1959, studierte Germanistik und Geschichte in Mainz und Bielefeld mit dem Abschluss Lehramt für Gymnasien. 1986/87 gehörte er zum Gründungsteam des Privatradios RPR in Koblenz und volontierte dann 1988/89 beim Deutschlandfunk. 1995 bis 1999 arbeitete Meurer als Parlamentsreporter in Bonn mit dem Schwerpunkt Außenpolitik. Bis 2015 war er Ressortleiter Zeitfunk und moderierte u. a. "Informationen am Morgen". Danach war Meurer fünf Jahre lang Korrespondent von Deutschlandradio in London. Seit August 2020 ist er Leiter der Abteilung Aktuelles von Deutschlandfunk.