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Nach der Wahl in VenezuelaKaterstimmung und Ratlosigkeit

Venezuela ist pleite, Lebensmittel sind knapp und Geldscheine durch die Hyperinflation wertlos. Selbst eingefleischte Anhänger von Präsident Nicolas Maduro sind unsicher, ob der sozialistische Politiker nach seinem Wahlsieg etwas an der Lage ändern wird.

Von Burkhard Birke

Eine Armenviertel in Venezuela mit einem Wahlplakat, das Nicolas Maduro zeigt (Deutschlandradio / Burkhard Birke)
Nach der Wahl herrscht in vielen Vierteln Venezuelas Katerstimmung (Deutschlandradio / Burkhard Birke)
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Eine bunt gemischte Gruppe Leute hat sich im historischen Zentrum von Caracas um einen kleinen offiziellen Stand der Regierung versammelt. Sie alle hier haben Nicolas Maduro  gewählt, wollen noch an die bolivarianische Revolution glauben.

"Ein anderer Präsident hätte uns doch längst aufgegeben." - "Er hat um unser Vertrauen gebeten und wir haben es ihm gegeben. Dieser Mann hat Millionen Probleme. Seit fünf Jahren wird Krieg gegen ihn geführt. Er hat uns Venezolaner aber nie im Stich gelassen – wie ein guter Bruder."

Wertschätzung und direkte Hilfe

Natürlich leiden Eduardo und die anderen unter der Hyperinflation, können sich kaum drei komplette Mahlzeiten mehr leisten, wenn eine Kiste mit zwölf Eiern einen halben Monatsmindestlohn verschlingt. Der verstorbene Präsident Chávez und sein weit weniger beliebter Nachfolger Maduro haben diesen Menschen aber das gegeben, was sie vorher selten von Politikern bekamen: Wertschätzung und direkte Hilfe – Letztere in Form der berühmten CLAP Lebensmittelkisten.

CLAP steht für Comité Local de Abastecimiento y Produccion, Lokales Versorgungs- und Produktionskomitee. Der Name prangt in großen Lettern auf braunen Kartons. Carlos hat gerade auf seiner Arbeit eine Kiste bekommen, die erste seit Monaten.

"Reis, Bohnen, Linsen, zwei Liter Öl, ein Kilo Milchpulver, Thunfisch. Manchmal variiert der Inhalt."

Der reicht dem dreifachen Familienvater für ein, zwei Wochen. Ein Trost ist, dass sie ihm quasi geschenkt wird.  Sie kostet nur 25.000 Bolivar – zum Schwarzmarktkurs 3 Cent vom Dollar. Das Geld wird direkt von seinem vergleichsweise guten Monatslohn von 4,6 Millionen Bolivar –knapp 5 Dollar – abgezogen.

"Ohne die Inflation hätte ich ein gutes Gehalt, weil ich etwas mehr als den Mindestlohn beziehe, aber durch die Inflation ist alles sehr teuer. Ein Kilo Schinken kostet fast zwei Millionen und wird jede Woche teurer. Seit letztem Sommer habe ich sieben bis acht Kilo abgenommen."

Ein Stapel von Lebensmittelkisten (CLAP) in Venezuela. CLAP steht für Comité Local de Abastecimiento y Produccion (Deutschlandradio / Burkhard Birke)An die Armen werden Lebensmittelkisten verschenkt (Deutschlandradio / Burkhard Birke)

Wie Carlos geht es den vielen Venezolanern. Ohne die staatliche Hilfe wären sie aufgeschmissen. Vor der Wahl kamen laut Angaben der Meinungsforscher von Datanalisis 73 % der Bevölkerung in den Genuss subventionierter Lebensmittel, die übrigens zum Großteil gegen knappe Devisen importiert werden müssen. Die Lieferungen seien bewusst hochgeschraubt worden, um die Wahl zugunsten von Maduro zu beeinflussen, behaupten Kritiker.

"Was wir erleben ist eine Art brutaler Versklavung – nach dem Motto:  Ich zwinge Dich zu sehen, wie Du Dein Frühstück, Mittag- und Abendessen organisierst, denn dann hast Du keine Zeit mehr an anderes zu denken. Das ist so als würde man die Menschen hungern lassen, damit sie keinen Widerstand leisten können", sagt der Journalist Juan Antonio Gonzalez.

Das Wahlergebnis hat ihn natürlich nicht überrascht. Schließlich hatte die Mehrheit der Opposition zum Boykott aufgerufen.

"Die Wahl war Betrug, denn die Mehrheit ist ja nicht wählen gegangen."

Geldscheine sind wertlos

Aber aus freien Stücken – müsste man diesen jungen Mann aus den besseren Wohnvierteln von Caracas ergänzen. Eine leichte Katerstimmung und Lethargie ist hier in Altamira zu spüren, wo das Leben teilweise weiterzugehen scheint, als gäbe es keine Hyperinflation. Wer Zugang zu Devisen hat und schwarz tauschen kann, hat nur die Sorge, dass wieder einmal die Bankkarte zur Abbuchung riesiger Millionenbeträge im Restaurant nicht akzeptiert wird.

Geldscheine sind wertlos: Selbst der Taxifahrer lässt sich den Betrag für die Fahrt aufs Konto überweisen: 800.000 für eine Kurzstrecke. Der Bus kostet zwar nur 5.000 – also weniger als einen Cent zum Schwarzmarktkurs, aber muss bar bezahlt werden, was ein Problem ist, wenn die Bankautomaten höchstens 10.000 Bolivar ausspucken. Das Problem ist jedoch, dass es kaum mehr funktionierende Busse gibt:

"Die Reifen gehen kaputt, es gibt keine Batterien. Öl- und Schmiermittel sind zu teuer, die Einnahmen decken die Kosten nicht mehr. Von 20 Bussen laufen nur noch sieben."

Für Busfahrer Mauro heißt das: weniger Arbeitsmöglichkeiten. Lange Schlangen bilden sich, gelegentlich werden Laster umfunktioniert, um Personen zu transportieren.

Da nutzt es wenig, dass auch der Sprit verschenkt wird: Eine Tankfüllung Super gibt es für den Bruchteil eines Dollarcents. Der Aberwitz: Benzin muss teilweise importiert werden, mangels Raffineriekapazität im erdölreichsten Land der Welt.

"Mit 25 bis 30 Milliarden Dollar wird Benzin jährlich subventioniert," sagt der Soziologe Trino Marquez von der Universidad Central. "Und das obwohl sich der Fuhrpark im Land in den letzten vier Jahren um eine Million Fahrzeuge verringert hat."

Selbst die treuesten Anhänger des Präsidenten finden das mittlerweile skandalös, sie ahnen, dass dies nicht nur der Effekt des viel beschworenen Wirtschaftskrieges der USA und der Oligarchie ist.

"Das Tabu des Benzinpreises muss gebrochen werden. Wenn Du viel Wein zu Hause produzierst, kannst Du den ja auch nicht verschenken, sonst gehst Du Pleite."

Venezuela ist im Grunde pleite. Deshalb selbst bei eingefleischten Anhängern die Erkenntnis:

"Es ist erwiesen, dass der Sozialismus der einzige Weg ist, um die Armut und Ungleichheit zu beseitigen. Er ist nur nicht so umgesetzt worden, wie es sein müsste."

Nicolas Maduro muss jetzt den Beweis antreten, dass er es kann.

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