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StartseiteKommentare und Themen der WocheDer Lockdown muss enden 27.02.2021

Nach EU-Impfpass-BeschlussDer Lockdown muss enden

Angela Merkels Maximalposition, am besten keinerlei Lockerung vorzusehen, werde sich nicht durchhalten lassen, kommentiert Burkhard Ewert von der „Neuen Osnabrücker Zeitung“. Fast alle Nachbarländer seien mit weit höheren Inzidenzwerten zufrieden, als sie in Deutschland das Maß der Dinge seien.

Ein Kommentar von Burkhard Ewert

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Zwei Hände ziehen eine Impfdosis in einer Spritze auf. Im Hintergrund: die EU-Flagge. (picture alliance / Eibner-Pressefoto)
Ewert: „ Sinnvoll wäre eine einheitliche europäische Quote, ab der das normale Leben für Geimpfte wieder freigegeben wird.“ (picture alliance / Eibner-Pressefoto)
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Impfstoff, Impftermine, Lockdown-Qualen und jetzt auch noch der Verdacht der Bestechlichkeit bei der Masken-Beschaffung: So herausfordernd die Corona-Pandemie sein mag, so wenig haben sich Bundespolitik und EU bei ihrer Bekämpfung mit Ruhm bekleckert.

Vielleicht gelingt es zumindest nach inzwischen einem Jahr, sinnvolle und souveräne Lösungen zur Abwechslung einmal gemeinsam zu finden? Die Frage, was Geimpfte wann wieder dürfen, ist jedenfalls zentral und betrifft den Reiseverkehr schon wegen Geschäftsleuten und Berufspendlern entscheidend. Hinzu kommen der Stellenwert der persönlichen Freiheit und das Zusammenleben in der EU als Gemeinschaft.

  (AFP / POOL / Tobias Schwarz) (AFP / POOL / Tobias Schwarz)Finanzminister Scholz zur Coronakrise - "Wir haben eine Perspektive"
Olaf Scholz zeigt sich zuversichtlich, dass es bald eine Rückkehr "zu einem normaleren Leben" geben wird. Bei dem Zusammenspiel zwischen Öffnungsstrategie, Impfungen und Tests brauche es aber "eine Lösung aus einem Guss", sagte Scholz im Dlf. 

Angela Merkels merkwürdige Maximalposition, am besten keinerlei Lockerung vorzusehen, wird sich absehbar nicht durchhalten lassen. Es handelt sich um eine Zumutung den Menschen gegenüber, und es zögert eine Wiederbelebung von wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Sektoren unverantwortlich hinaus. Man kann es auch nicht besonders sozial nennen, Millionen Menschen, 80 Jahre und älter, nach einem Jahr der Angst und Absonderung weiter an einem selbstbestimmten Leben zu hindern, obwohl es de facto nicht nötig ist.

Auf die Bundeskanzlerin will niemand hören

Andere Länder halten sich gegenwärtig nicht damit auf, nach einer deutschen Position zu fragen. Einen Impfnachweis bereiten sie längst vor. Trotz Berliner Bremserei zog der EU-Gipfel in dieser Woche nach. Parallel geben sich fast alle Nachbarn mit weit höheren Inzidenzwerten zufrieden, als sie in Deutschland das Maß der Dinge sind. Eine Berliner Führungsrolle? Ist Vergangenheit. Auf die Bundeskanzlerin will niemand hören, nicht einmal warten. Eine bittere Lektion.

Für die EU-Kommission gilt das gleiche. Sinnvoll wäre gleichwohl eine einheitliche europäische Quote, ab der das normale Leben für Geimpfte wieder freigegeben wird. Gleichberechtigt daneben stehen müssen massenhaft verfügbare Tests für die, die noch nicht geimpft sind oder – wie Kinder und Kranke – nicht geimpft werden können.

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Es wäre jetzt an der Zeit gewesen, auf EU-Ebene einen gemeinsamen Fahrplan zu erstellen, kommentiert Paul Vorreiter nach dem EU-Gipfel. 

Wird das konsequent ausgerollt, hat auch niemand bevorzugt Rechte inne. Restaurants, Reisen und mehr stünden allen offen, dem einen durch Impfung, dem anderen durch Test. Der Streit um Privilegien wäre eine Phantomdebatte, von der nicht wirklich einleuchtet, warum es sie überhaupt gibt – es sei denn um zu kaschieren, dass Deutschland auch beim Aufbau einer Testlogistik langsamer ist als andere Länder.

Die "35" als Ziel festzulegen war ein Fehler

Rätselhaft bleibt auch, warum das maximal mögliche Maß an Normalität nicht so schnell wie möglich angestrebt wird. Während aktuell an immer neuen Orten für Spaziergänger die Maskenpflicht ausgerufen wird, selbst wenn sie solo unterwegs sind, plädiert das Robert Koch-Institut perspektivisch sogar dann noch für Einschränkungen im Freien, wenn ein Infektionsgeschehen kaum noch messbar sein sollte.

Sinnvoller ist, dass sich das RKI mit seinem aktuellen Plan de facto vom Inzidenzwert verabschiedet und eine ganze Reihe von Kriterien heranzieht – eine frühe Forderung des viel gescholtenen Virologen Hendrik Streeck. Die "35" als Ziel festzulegen war jedenfalls ein Fehler. Er fand zwar sogar Eingang in ein Gesetz, das in einer Zeit entstanden ist, als selbst das Schlittenfahren zur pandemischen Gefahr erklärt wurde. Aber, so heißt es ja von Beginn an: In dieser Krise lernen immer alle dazu. Inzwischen stehen flankierende Mittel bereit, um eine Ausbreitung des Virus zu verhindern. Wärmer wird es auch.

Coronavirus (imago / Rob Engelaar / Hollandse Hoogte)Übersicht zum Thema Coronavirus (imago / Rob Engelaar / Hollandse Hoogte)

Nach wie vor gilt außerdem, dass Breitensport und seelisches Gleichgewicht, Vorsorgeuntersuchungen und wirtschaftliche Stabilität ebenso zu körperlicher Gesundheit und dem Erhalt von Leben beitragen wie eine maximal bedachtsame Corona-Politik. Es gilt daher, den Mittelweg zu finden. Das ist nicht einfach angesichts persönlicher Blockaden und politischer Fixierungen, die sich in den vergangenen Wochen und Monaten herausgebildet haben. Nun aber wäre es wichtig, sich einen Ruck zu geben. Jetzt muss sich auch bewegen, wer im Lockdown kaum gelitten und zugleich große Angst vor Ansteckung hat. Andere haben ihren Beruf verloren, das Ersparte womöglich noch dazu. In den vergangenen Monaten haben diese Menschen große Opfer gebracht und Solidarität gezeigt mit der Gesellschaft. Nun ist es Zeit für Solidarität mit ihnen. Der Lockdown muss enden.

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