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StartseiteKommentare und Themen der WocheDie Europäische Union ist in der Pflicht12.10.2021

Nach G20-Konferenz zu AfghanistanDie Europäische Union ist in der Pflicht

Schon vor der Machtübernahme der Taliban war das Leben vieler Menschen in Afghanistan alles andere als einfach. Der Westen müsse sich deshalb auf die Strategien konzentrieren: die Menschen im Land und die Nachbarländer zu unterstützen, kommentiert Marcus Pindur. Nur so könne man neue Migrationsbewegungen verhindern.

Ein Kommentar von Marcus Pindur

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Kinder im Flüchtingslager in Herat, Afghanistan  (dpa/picture allinace/AA)
Die Menschen in Afghanistan ihrer Not zu überlassen, kommt nicht in Frage, kommentiert Marcus Pindur (dpa/picture allinace/AA)
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Es ist in der Tat Zeit, zu handeln. Der Winter steht vor der Tür, und die Ernährungssituation ist für weite Teile der afghanischen Bevölkerung jetzt schon katastrophal. Die Taliban sind unfähig, auch nur die notwendigsten Dienstleistungen für die Bevölkerung zu erbringen. In ihrem radikal-islamistischen Sozialdarwinismus ist das auch nicht Priorität vorgesehen.

Wer sich der Illusion hingegeben hat, die Taliban hätten sich in irgendeiner Form modernisiert in den vergangenen 20 Jahren, der wird seit Wochen eines Besseren belehrt. Frauen und Mädchen sollen aus dem öffentlichen Raum möglichst verbannt und zu einem Dasein als Hüterin des Haushaltes reduziert werden. Die Träume hunderttausender afghanischer Mädchen zerplatzen gerade. Wer für westliche Organisationen oder gar an einer Mädchenschule gearbeitet hat, ist in Lebensgefahr.

Taliban, bewaffnet, stehen auf einem Pick-up. (picture alliance / dpa / Anadolu Agency / Bilal Guler) (picture alliance / dpa / Anadolu Agency / Bilal Guler)Afghanistan - "Das Land steht vor einer humanitären Katastrophe"
Die vom Verteidigungsministerium gesetzte Afghanistan-Konferenz bezeichnet der Journalist Emran Feroz als "Scheinversuch" einer Aufarbeitung. Statt so eine Konferenz abzuhalten, sollte man viel dringlicher den Menschen vor Ort helfen, betont er.

Keine einheitliche Strategie der G20 absehbar

Eine einheitliche Strategie der G-20-Staaten wird es nicht geben. Die Interessen Russlands, Chinas, Saudi-Arabiens und des Westens klaffen viel zu weit auseinander, um zu mehr als Formelkompromissen zu kommen. Dennoch ist die Europäische Union in der Pflicht. Die Menschen in Afghanistan ihrer Not zu überlassen, kommt nicht in Frage. Folgerichtig hat EU-Kommissionspräsidentin Von der Leyen anlässlich der G20-Beratungen ein Hilfspaket im Umfang von rund einer Milliarde Euro für die Bevölkerung in Afghanistan und die Nachbarstaaten angekündigt.

Das Geld soll durch internationale Hilfsorganisationen direkt für die örtliche Bevölkerung eingesetzt werden. Reguläre Entwicklungshilfe an die Taliban-Regierung soll es nicht geben, bis Kernforderungen der EU an die erfüllt seien. Dazu zählen Wahrung der Menschenrechte und Operationsfreiheit für Hilfsorganisationen.

Den Menschen zumindest die allernötigste Hilfe zukommen lassen

Jeder, der sich auch nur ansatzweise mit den Taliban beschäftigt hat, weiß, dass sie keinerlei menschenrechtliche Zugeständnisse machen werden. Die Natur ihrer paschtunischen Scharia-Ideologie wird sich nicht ändern.0

Also sollte der Westen sich auf zwei Strategien konzentrieren: Die Menschen in Afghanistan müssen so weit wie möglich über internationale Hilfsorganisationen unterstützt werden. Selbst das wird nur eingeschränkt funktionieren, weil die Taliban sich selbstverständlich einen Teil des Kuchens sichern werden. Zweitens müssen die Länder in der Nachbarschaft finanzielle Unterstützung bekommen, allen voran so unangenehme Regime wie Pakistan und der Iran, damit sie die afghanischen Flüchtlinge in der Region aufnehmen und versorgen können.

Das läuft alles auf ein jahrelanges Durchwurschteln hinaus. Aber wenn der Westen eine große Migrationsbewegung vermeiden und den Menschen in Afghanistan zumindest die allernötigste Hilfe zukommen lassen will, gibt es vorerst dazu keine bessere Alternative.

Marcus Pindur, Korrespondent in Washington (Deutschlandradio / Bettina Fürst-Fastré )Marcus Pindur (Deutschlandradio / Bettina Fürst-Fastré )Marcus Pindur hat Geschichte, Politische Wissenschaften, Nordamerikastudien und Judaistik an der Freien Universität Berlin und der Tulane University in New Orleans studiert. Er war Stipendiat der Fulbright-Stiftung, der FU Berlin sowie des German Marshall Fund. 1997 bis 1998 arbeitete er als Politischer Referent im US-Repräsentantenhaus. Pindur war ARD-Hörfunkkorrespondent in Brüssel, bevor er 2005 zum Deutschlandradio wechselte. Von 2012 bis 2016 war er Korrespondent für Deutschlandradio in Washington, D.C. Seit Anfang 2019 ist er Deutschlandfunk-Korrespondent für Sicherheitspolitik.

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