Samstag, 03. Dezember 2022

Kommentar zur Putin-Rede
Das System ist selbst für brave Untertanen gefährlich geworden

Mit der Teilmobilmachung sei Kremlchef Wladimir Putin dabei, seine Machtbasis zu zerstören, kommentiert Julian Hans von der "Süddeutschen Zeitung". Die Stimmung in Russland werde sich verändern, die Wahrheit über den Krieg sich nun schnell verbreiten.

Ein Kommentar von Julian Hans, "Süddeutsche Zeitung" | 24.09.2022

An der russischen Grenze zu Georgien haben sich lange Autoschlangen gebildet, weil viele Menschen nach der Bekanntgabe der Teilmobilmachung noch schnell das Land verlassen wollen. Am Grenzübergang Werchny Lars war die Schlange zehn Kilometer lang
An der russischen Grenze zu Georgien haben sich lange Autoschlangen gebildet, weil viele Menschen nach der Bekanntgabe der Teilmobilmachung noch schnell das Land verlassen wollen (IMAGO / SNA / Olga Smolskaya)
Mit dem Krieg gegen die Ukraine zerstört der russische Präsident nicht nur das Nachbarland, sondern zunehmend auch seine eigene Machtbasis. Drei Ereignisse haben das in dieser Woche gezeigt: Das erste mag zunächst nur wie eine Kleinigkeit erscheinen. Aber dass die Pop-Ikone Alla Pugatschowa am vergangenen Sonntag den Krieg klar verurteilte und den Tod junger Menschen für illusorische Ziele anprangerte, war für den Kreml ein schwerer Treffer ins Kontor. Die 73-Jährige, die ihre Karriere noch unter Breschnew begann, ist für Millionen Menschen, die der Sowjetunion nachtrauern, eine Identifikationsfigur. Genau aus diesem Milieu kommen Putins treueste Anhänger. Die Idee, „Wir führen eine schnelle Spezialoperation durch, von der ihr gar nichts mitbekommt, derweil läuft das Unterhaltungsprogramm weiter“. Diese Idee funktioniert nicht mehr.

Gefangenenaustausch erzürnt die Falken

Das zweite Ereignis war der Austausch von 215 Kriegsgefangenen aus der Ukraine gegen 55 Russen. Am Mittwoch hatte Putin die Mobilmachung erneut mit dem Kampf gegen Nazis begründet. Doch nur einen Tag später werden ausgerechnet jene Kommandeure aus dem Asow-Stahlwerk in Kiew als Helden empfangen, die die Russen eigentlich in Schauprozessen richten wollten, als Beleg für eine angeblich erfolgreiche Entnazifizierung. Das erzürnt die Falken und Scharfmacher in Russland.
Den eigentlichen Wendepunkt markiert aber die Mobilmachung selbst. Bisher konnte man unter Putin ganz gut durchkommen, solange man sich an eine alte Maxime aus der Sowjetzeit hielt: Nur nicht auffallen! Oppositionspolitiker zwar wurden ermordet. Journalisten wurden ermordet. Oligarchen und NGO-Vertreter kamen in Lager. Demonstranten wurden gejagt und verprügelt. Doch wer sich aus allem raushielt, immer schön apolitisch war und an staatlichen Feiertagen mal ein Fähnchen schwenkte, konnte mit etwas Glück ein unbehelligtes Leben führen. 

Mit dem unbehelligten Leben ist Schluss

Damit ist nun Schluss. Seit Mittwoch sieht man Polizisten und Beamte Jagd auf gewöhnliche Bürger machen. Junge und nicht mehr ganz junge Männer werden auf der Straße oder am Arbeitsplatz abgefangen, um ihnen einen Einberufungsbescheid in die Hand zu drücken. 
Es gab Proteste in mehr als 40 Städten. Flüge aus dem Land heraus sind ausgebucht, an den Grenzen bilden sich Schlangen. Das System ist selbst für brave Untertanen gefährlich geworden. Das muss noch nicht heißen, dass die Stimmung jetzt kippt. Gerade aus den armen Regionen gibt es auch Bilder von Männern, die schicksalsergeben in die Busse zur Kaserne steigen. Aber die Einberufung ist ja erst der Anfang. Bald werden die ersten Familien ihre Söhne, Väter und Brüder beerdigen, die dachten, sie könnten unbehelligt leben, wenn sie sich nur aus allem heraushalten würden.
Die Wahrheit über den Krieg wird sich nun sehr schnell verbreiten. Nicht ohne Grund hatte der Kreml gleich nach Beginn des Angriffs eine strenge Militärzensur eingeführt. Hunderte Journalisten verließen das Land. Nun schickt Putin Hunderttausende Männer in die Ukraine, die ihren Verwandten zuhause berichten werden, wie es dort zugeht. Und diese Berichte werden sich vom hurrapatriotischen Geschrei der Staatssender unterscheiden. Das wird die Stimmung im Land verändern – wenn auch nicht von heute auf morgen.