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StartseiteKommentare und Themen der WocheNur glaubhaft mit einem Rücktritt04.08.2019

Nach Tönnies' EntschuldigungNur glaubhaft mit einem Rücktritt

Sicher darf sich Schalke-Aufsichtsratschef Clemens Tönnies nach seinen bizarr anmutenden Äußerungen zu Afrikanern entschuldigen, meint Jessica Sturmberg. Das sei aber nur der erste Schritt. Wenn der Verein glaubwürdig bleiben wolle in seinem Kampf gegen Rassismus, müsse Tönnies auch gehen.

Von Jessica Sturmberg

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Tönnies gestikuliert bei einer Rede. Im Hintergrund sieht man des Vereins-Wappen (imago)
"Das ist eine klassische Sackgasse, in die sich Clemens Tönnies da hinein manövriert hat", kommentiert Jessica Sturmberg (imago)
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Das ist eine klassische Sackgasse, in die sich Clemens Tönnies da hinein manövriert hat. Eine ohne Wendemöglichkeit, aus der er nicht mehr hinauskommt. Und bei der er, in der offenbar achtlosen Hineinfahrt in Sekundenschnelle einen riesigen Schaden angerichtet hat. So groß, dass die Aufräumarbeiten lange dauern werden.

Unkenntnis über komplexe Zusammenhänge

Tönnies offenbarte ein Weltbild, geprägt von kolonialer Gutsherrenart, gepaart mit offenkundiger Unkenntnis über die komplexen Zusammenhänge von Wirtschaften, Handel, Steuerpolitik und Klimafolgen samt ihren Hauptverursachern. Seine Empfehlung im Kampf gegen den Klimawandel in Afrika jährlich 20 Kraftwerke zu bauen damit weniger Bäume gefällt und auf dem Kontinent auch weniger Kinder gezeugt werden, mutet zudem geradezu bizarr an, unter der Überschrift, unter dem der Tag des Handwerks in Paderborn stattfand: "Unternehmertum mit Verantwortung - Wege in die Zukunft der Lebensmittelerzeugung". Hier würde man von einem Fleischfabrikanten eher hören wollen, wie in der Branche weniger Antiobiotika in die Ställe kommt, Tierwohl stärker beachtet wird, dafür Sorge getragen wird, dass überall Mitarbeiter ordentlich entlohnt werden und vielleicht weniger und dafür aber insgesamt qualitativ hochwertigeres Fleisch erzeugt wird.

Und jetzt dieser Scherbenhaufen. Es gibt Worte, die einmal ausgesprochen, zerstörerisch wirken. Nach innen und nach außen. Wer sein Gegenüber nicht auf Augenhöhe anschaut, bekommt dies irgendwann zurück. Vielleicht nicht sofort, aber irgendwann. Und wie soll der FC Schalke 04 bei Verhandlungen mit Topspielern nun auftreten, wenn nicht sofort und ohne Zögern eine Trennung vollzogen wird? Wenn der Verein glaubwürdig bleiben will in seinem Kampf gegen Rassismus?

Die Reaktionen des DFB und auch aus der Politik sind folgerichtig, wenn sie keine kurzfristigen Sprechblasen bleiben, die jetzt nur eben mal der Beruhigung des Klimas dienen sollen, die durch die sozialen Netzwerke aufgeheizt sind.

Überhaupt muss es jetzt darum gehen, langfristig wieder zu einem menschlichen Konsens in der Gesellschaft zurückzufinden. Nach der Darstellung der Neuen Westfälischen Zeitung folgte den Worten Tönnies im Publikum erst Irritation, was der richtige Reflex war. Dann aber doch Applaus. Vielleicht sollten wir mehr darüber nachdenken, warum eine solche Aussage nicht mit Widerspruch oder zumindest Schweigen quittiert wurde. Warum vertrauten die meisten Zuhörer nicht ihrem ersten Instinkt?

Entschuldigung und dann Rücktritt

Sicher darf Clemens Tönnies sich dafür entschuldigen können, und es ist auch die richtige Reaktion, aber nur der erste Schritt. Der zweite muss sein, für seine Aussagen geradezustehen, die Entschuldigung entfaltet nur ihre glaubhafte Wirkung, wenn sie mit einem Rücktritt einhergeht. Sonst haftet ihr der Beigeschmack an, dass sie nur kam, um die Fußballfunktionärskarriere zu retten. Aber die ist schon längst mit Hochgeschwindigkeit in der Sackgasse gefahren.

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