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StartseiteForschung aktuellNachbarschaftshilfe gegen gefährliche Hitzewellen13.10.2005

Nachbarschaftshilfe gegen gefährliche Hitzewellen

Wissenschaftler entwickeln Warnsystem bei extremer Hitze in Großstädten

Medizin. - Stimmen die Prognosen der Klimatologen, werden Rekordsommer wie der von 2003 in Europa künftig häufiger. In den großen Städten kann das zu echten Gefahren für Anfällige, etwa alte oder kranke Menschen werden. Auf <papaya:link href="http://openmeeting.homelinux.org/" text="6. Offenen Treffen der mit den menschlichen Dimensionen des globalen Umweltwandels beschäftigten Forscher" title="In Bonn trafen sich Forscher, die die Folgen des globalen Wandels für den Menschen erkunden." target="_blank" /> in Bonn wurde jetzt ein Frühwarnsystem vorgestellt.

Von Volker Mrasek

Besonders für Senioren oder Geschwächte war die Hitzewelle 2003 in Europa lebensgefährlich (AP)
Besonders für Senioren oder Geschwächte war die Hitzewelle 2003 in Europa lebensgefährlich (AP)

Im vorletzten Sommer war eine Metropole wie Paris mehr als nur städtische Hitzeinsel. Sie geriet zur tödlichen Hitzefalle. Mehrere tausend, vor allem alte Menschen starben, weil ihr Körper den anhaltenden Wärmestress nicht verkraftete. Und weil sie nicht adäquat medizinisch versorgt wurden. Die Katastrophe von 2003 soll sich nicht wiederholen. Länder wie Frankreich, Spanien und England haben aus diesem Grund neue Frühwarnsysteme für Hitzewellen etabliert. Doch das allein genüge nicht, meint Tanja Wolf, bis vor kurzem Geographin an der Universität Bonn:

"Also jetzt eine große Stadt wie Rom oder London. Ich kann da zwar über die ganze Stadt Warnungen geben: Passt auf, Leute, es ist heiß! Aber vielleicht erreiche ich genau die, die am allerempfindlichsten sind, genau damit nicht."

Das läßt sich vielleicht ändern, glaubt die Forscherin. Wenn man herausfindet, wo genau der Hitzestress in den Mega-Citys am größten wird. Denn inmitten der städtischen Hitzeinseln gibt es noch einmal besondere Hot Spots. Deshalb, so Wolf, sei es wichtig, ...

"... die wirklich besonders anfälligen, die sehr vulnerablen Zonen in Städten zu erkennen. Das ist einmal, wo vielleicht besonders große Hitze auftritt, weil's vielleicht keinen Schatten gibt oder keine Belüftung in den Straßen; andererseits wo vielleicht gehäuft alte, empfindliche Menschen wohnen und vielleicht auch gerade Leute, die keine sozialen Kontakte großartig haben, die also nicht Nachbarn oder Kinder haben, die sie versorgen. Solche einfachen Dinge."

Es geht also darum, verschiedene Daten zur Deckung zu bringen. Meteorologische. Stadtklimatologische. Und bevölkerungsstatistische. Damit hat Tanja Wolf nun exemplarisch begonnen, und zwar in London. Dort, am King's College, schreibt die Geographin inzwischen ihre Doktorarbeit. Dort, sagt sie, sei die Arbeit aber auch am leichtesten. Denn in London stünden genügend Daten für ein solches Projekt zur Verfügung, anders als in den übrigen europäischen Metropolen. Sie stammten aus der Volkszählung von 2001. Wolf:

"Zensusdaten, räumliche Muster von diesen Zensusdaten, die in Verbindung mit Risikofaktoren zu Hitze stehen. Also wo wohnen die Leute über 65? Wo wohnen alleinstehende Pensionäre? Und hab' das im Prinzip übereinander gelegt. Wo treten also besonders viele dieser Ungunstfaktoren gehäuft auf? Steht das in Verbindung zu Hot Spots von Mortalität? Gibt's da wirklich 'ne Verbindung? Wenn man zeigen könnte, dass das funktioniert, würde man das in anderen Städten auch anwenden können."

Nach diesem Konzept würde sich die Soforthilfe auf bestimmte städtische Hochrisikozonen konzentrieren. Gerade für diese Viertel oder Straßenzüge könnten im Fall neuer Hitzewellen Gesundheitswarnungen ausgegeben werden. Die sollten dann nicht nur bei Ärzten, Sanitätern und Senioren ankommen, sondern auch bei Angehörigen und Nachbarn gefährdeter Personen. Das empfiehlt jedenfalls Bettina Menne. Die deutsche Medizinerin arbeitet im europäischen Regionalbüro der Weltgesundheitsorganisation in Rom. Dort leitet sie das Programm "Globale Umweltveränderungen und Gesundheit":

"Ganz wichtig ist natürlich, dass gerade Leute, die chronische Krankheiten haben wie Diabetes, dass dort natürlich Verwandte oder Bekannte oder Assistenten oder irgend jemand da ist, der das dann auch weiß. Denn das sind Leute, die noch mehr unter der Hitze leiden. Es ist auch eine Bevölkerungserziehung, dass eben gerade, wenn es heißer wird, dass eben gerade die Leute, die chronische Krankheiten haben, jemanden haben, der ihnen sagt, dass sie jede Stunde 'was trinken sollten. Und dass sie den Menschen helfen, ein Bad zu nehmen, ein kühles Bad zu nehmen, zum Beispiel."

Das klingt simpel. Doch so einfach kann wirksame Hitzestress-Vorsorge sein. Das zeigte sich zum Beispiel in Philadelphia. In den 90er Jahren erlebte die US-Stadt mehrere Hitzewellen hintereinander. Doch sie war auf das Extrem vorbereitet. Philadelphias Stadtväter riefen die Bevölkerung schon damals dazu auf, Nachbarschaftshilfe für ältere Mitbürger zu leisten und sich um sie zu kümmern. Wie eine Studie inzwischen ergab, wurden unter anderem dadurch über hundert Menschenleben gerettet.

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