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StartseiteInterview"Nachdem wir die Antworten wissen, werden wir auch die Konsequenzen ziehen"16.08.2010

"Nachdem wir die Antworten wissen, werden wir auch die Konsequenzen ziehen"

Duisburgs Oberbürgermeister Adolf Sauerland über die Loveparade-Katastrophe

Er steht seit Wochen im medialen Kreuzfeuer. Duisburgs OB Sauerland sieht im Interview mit dem Deutschlandfunk seine Aufgabe vorrangig darin, Antworten zu finden, statt Schuld zuzuweisen. Danach werde er auch persönlich Konsequenzen ziehen.

Duisburgs Oberbürgermeister Adolf Sauerland (AP)
Duisburgs Oberbürgermeister Adolf Sauerland (AP)

Stefan Heinlein: Knapp drei Wochen nach der Loveparade-Katastrophe von Duisburg mit 21 Toten sind die Fragen nach Schuld und Verantwortung noch immer nicht hinreichend beantwortet. Eine der Schlüsselfiguren ist der Oberbürgermeister der Stadt, Adolf Sauerland. Am Tag nach der Katastrophe hatte der CDU-Politiker sich der Presse gestellt, seither war er abgetaucht. Nun hat er sein Schweigen beendet und meinem Kollegen Jürgen Zurheide ein Interview gegeben.

Jürgen Zurheide: Herr Sauerland, erinnern Sie sich noch mal an die ersten Anfänge, als jemand sagte, Loveparade im Ruhrgebiet, möglicherweise dann auch in Duisburg. Was haben Sie gedacht? Da kommen dann lauter junge, möglicherweise auch nicht ganz bekleidete Menschen nach Duisburg, oder was ging Ihnen so durch den Kopf?

Adolf Sauerland: Da ich von den Loveparades in Berlin schon einige Kenntnisse hatte, wusste ich, dass es ein Ereignis ist für junge Menschen, die Spaß haben wollen, die Musik hören wollen, und viele, viele Menschen, die sich diese Musik anhören und die Jugendlichen beobachten wollen. Es war von Anfang an immer ein lebendiges, ein fröhliches Ereignis und ein Ereignis, was ein neues Zuhause suchte, und da hatte sich und hat sich das Ruhrgebiet als möglicher Partner angeboten.

Zurheide: Jetzt kommen wir mal zu den konkreten Planungen nach Duisburg. Dann gab es irgendwann mal die Sorge, vielleicht ist das eine Nummer zu groß, vielleicht schaffen wir das in der Stadt nicht, haben nicht die geeigneten Räumlichkeiten. Warum haben Sie dann dennoch irgendwann gesagt, wir machen das und wir schaffen das?

Sauerland: Wir haben gesucht. Wir haben gesucht nach entsprechenden Flächen. Bis 2009 hatten wir keine. Wir haben alle öffentlichen Flächen, alle Straßen und Plätze, die wir zur Verfügung stellen konnten, überprüft und sind zu der Erkenntnis gekommen, das geht in Duisburg nicht. Erst als dem Veranstalter die Fläche am Bahnhof vom Besitzer dieser Fläche angeboten wurde als mögliche Austragungsfläche für die Loveparade, gab es wieder Schwung in die Diskussion. Ab dann ist diese Fläche geprüft und überprüft worden, ob sie geeignet ist und wie sie aufbereitet werden muss, damit sie überhaupt so viele Menschen vertragen kann.

Zurheide: Und dann gab es natürlich in diesem längeren Diskussionsprozess in der Verwaltung, mit dem Veranstalter und mit den Behörden auch immer mal wieder kritische Stimmen. Das ging dann bis hin in die letzten Tage vor der Veranstaltung selbst. Was ist bei Ihnen von diesen kritischen Fragen, so will ich es mal vorsichtig nennen, angekommen?

Sauerland: Es gab immer wieder Punkte, wo das Verfahren zwischen Antragsteller und Genehmigungsbehörde stockte. Der Antragsteller wollte bestimmte Dinge unter Umständen nicht bringen, beziehungsweise sah nicht ein, dass es wichtig ist für einen Abwägungsprozess, Gutachten und entsprechende Unterlagen einzureichen. Davon habe ich Kenntnis bekommen und ich habe dann auch immer wieder nachgefragt, ob man diesen Prozess auflösen konnte, ob der Veranstalter in diesem Fall den Vorgaben der Stadt nachkommt. Das ist dann auch im Endeffekt immer passiert und wir haben dann, auch mit zeitlicher Verzögerung, die Unterlagen bekommen, die wir brauchten, um abschließend darüber werten zu können, über die Bewertung der Unterlagen, die dann auch extern vergeben wurde, ob und wie diese Veranstaltung überhaupt stattfinden kann.

Zurheide: Zum Schluss gab es dann auch Briefe des Veranstalters durchaus kräftigeren Tonfalles, die da lauten, wenn wir es jetzt noch absagen, ist der Image-Schaden für die Stadt Duisburg groß. Sind Sie da auch ein Stück unter Druck gesetzt worden?

Sauerland: Nein! So was passiert immer, bei jedem Projekt. Das ist etwas, wo man mit droht, aber mit diesen Drohungen muss man umgehen können, und ich denke, wir sind damit sehr verantwortlich umgegangen, denn wir haben uns davon nicht einschüchtern lassen.

Zurheide: Jetzt ist das Ergebnis so, wie es ist: 21 Tote sind zu beklagen, viele Verletzte. Das trifft Sie, das ist gar keine Frage. Welchen Teil an Verantwortung übernehmen Sie jetzt im Moment?

Sauerland: Ich habe eine ganz große Verantwortung, nämlich dafür zu sorgen, dass die Fragen, die wir alle haben, ganz besonders die Angehörigen der Opfer, aber auch wir, beantwortet werden, und das vordringlich. Und aus der Position eines Oberbürgermeisters kann ich mitarbeiten, dass diese Fragen möglichst zügig beantwortet werden und die Ergebnisse dieser Beantwortung auch der Öffentlichkeit zugänglich werden. Und wir sollten diese Antworten ohne Schuldzuweisungen erst mal suchen.

Zurheide: Wenn dann selbst der Bundespräsident politische Verantwortung ins Spiel bringt und damit auch Sie meint und natürlich damit auch zum Ausdruck bringt, dass Sie die übernehmen müssten, wie wirkt das auf Sie?

Sauerland: Aus der Situation, aus der dieses gesagt wurde, völlig verständlich. Aber ich bin der Ansicht, jetzt ist die Zeit, dieses aufzuarbeiten, und wenn die Antworten da sind, ist die Zeit zu bewerten, was als Konsequenz sich daraus ergibt. Und ich habe sofort nach diesem Ereignis gesagt, nachdem wir die Antworten wissen, werden wir auch die Konsequenzen ziehen.

Zurheide: Wir oder Sie persönlich?

Sauerland: Wir heißt in dem Fall auch ich, ich als Oberbürgermeister der Stadt Duisburg, ja.

Heinlein: Der Duisburger Oberbürgermeister Adolf Sauerland im Gespräch mit meinem Kollegen Jürgen Zurheide.

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