Donnerstag, 09. Dezember 2021

U12Schutz.deGroße Nachfrage nach "off label"-Corona-Impfungen für Kinder

Corona-Impfungen für 5- bis 11-Jährige sind in Deutschland bisher nur bedingt möglich, denn die offizielle Zulassung eines Impfstoffs steht noch aus. Viele Eltern wünschen die Impfung aber schon jetzt - und finden keine Praxis. Ein Internet-Portal schafft Abhilfe - und ist "überwältigt" von der Nachfrage.

22.11.2021

Ein fünf Jahre alter Junge wird in Israel gegen das Coronavirus geimpft.
In anderen Ländern ist eine Impfung für Kinder gegen das Coronavirus schon offiziell möglich - so wie in Israel. (AFP / JACK GUEZ /)
Am Sonntagabend ging die Webseite "U12Schutz.de" online. Binnen weniger Stunden verzeichnete das Portal nach Angaben der Betreiber mehrere Tausend Anfragen von Eltern, die ihre Kinder "off label" gegen Covid-19 impfen lassen wollen und nach einem Arzt suchen, der bereit ist zu impfen. Für sie kam U12Schutz.de offenbar wie gerufen.

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Ins Leben gerufen wurde die Plattform von einem Bündnis von Eltern, die selbst nicht mehr auf die offizielle Zulassung eines Corona-Impfstoffs für ihre eigenen Kinder warten wollten und zum Teil ähnliche Probleme hatten, einen Arzt oder eine Ärztin zu finden. Auf der Webseite berichtet etwa ein Vater, er sei für die beiden Impfungen seines Kindes jeweils 500 Kilometer pro Strecke gefahren.
Die Initiatoren haben nach eigenen Angaben mit hoher Nachfrage gerechnet - aber "nicht binnen so kurzer Zeit", sagte eine am Projekt beteiligte Mutter, deren Identität der Redaktion bekannt ist, dem Deutschlandfunk. Sie sei überwältigt.
Allerdings befürchten die Projektbeteiligten auch militante Reaktionen von Impfgegnern. Sie haben deshalb Sicherheitsvorkehrungen getroffen. So steht im Impressum der Webseite eine eigens dafür gegründete GmbH, die darin angegebene Berliner Adresse führt in einen Coworking-Space. Eltern, die ihre Kinder impfen wollen, müssen vorerst nur Name, Mailadresse, Postleitzahl sowie die Zahl der Kinder in den Altersgruppen 0 bis 4 Jahre sowie 5 bis 11 Jahre angeben. Anhand der Postleitzahl werden sie von Freiwilligen dann mit Ärzten in Wohnortnähe in Verbindung gebracht. Diese können ihrerseits die Eltern um verifizierende Angaben bitten, bevor sie ihre Identität preisgeben und einen Termin unterbreiten.
Wie viele Kinder zwischen 5 und 11 Jahren bisher "off label" geimpft wurden, ist nicht bekannt. U12Schutz.de schätzt ihre Zahl auf 20.000. In den vergangenen Monaten gab es unter anderem auf Twitter Erfahrungsberichte von Eltern, die ihre unter 12-jährigen Kinder haben immunisieren lassen oder einander Ärzte unter der Hand empfohlen haben. Das Portal "U12Schutz.de" will nach eigener Darstellung derartige Anfragen künftig bündeln und vernetzen.

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Der Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte hält die Zahl der Mediziner, die bislang unter 12-Jährige geimpft haben, für klein. Erst nach einer Zulassung durch die Europäische Arzneimittelagentur EMA werde sich das wohl ändern, sagte der Verbandssprecher Maske. Aber auch ohne offizielle Zulassung des Impfstoffs für diese Altersgruppe ist es aktuell nicht illegal, kleinere Kinder zu impfen.

"Off label"-Behandlung: keine neue Erscheinung

Unter "off label" versteht man, dass Medikamente oder Impfstoffe verabreicht werden, obwohl es dafür noch keine Zulassung gibt. Das kommt nicht erst in der Corona-Pandemie vor, sondern beispielsweise bei chronisch kranken Kindern oder in der Krebs-Therapie immer wieder zum Einsatz. Gegenüber einer normalen Nutzung existieren erweiterte Aufklärungs- und Dokumentationspflichten. Grundsätzlich ist es Ärztinnen und Ärzten aber nach sorgfältiger Aufklärung der Patientin oder des Patienten erlaubt, Arzneimittel außerhalb der jeweiligen Zulassung zu verordnen. 
Die Risikoabwägung obliegt - auch im Fall der Corona-Impfung - am Ende den Ärztinnen und Ärzten. Kinder haben in aller Regel keine oder nur milde Covid-Symptome, Studien zu Long Covid bei Kindern gibt es bisher kaum, dafür aber Berichte über lang anhaltende Erschöpfungszustände auch bei Minderjährigen. Aus dieser Abwägung heraus haben sich einige Ärzte zu "off label"-Impfungen entschieden - teilweise explizit nur bei Kindern mit gewissen Vorerkrankungen.

Wann kommt der Kinder-Impfstoff in Deutschland regulär?

In anderen Ländern werden 5- bis 11-Jährige bereits gegen Covid-19 geimpft. In den USA sind bereits mehr als zwei Millionen Kinder in der Altersgruppe immunisiert worden. Die Europäische Arzneimittelagentur EMA wird voraussichtlich in dieser Woche eine Entscheidung verkünden. Bundesgesundheitsminister Spahn stellte eine erste Lieferung von Biontech-Impfstoff für Kinder für den 20. Dezember in Aussicht.
Doch auch nach der EMA-Entscheidung dürfte eine Empfehlung der Ständigen Impfkommission noch auf sich warten lassen. Stiko-Chef Mertens sagte dem Redaktionsnetzwerk Deutschland, eine Empfehlung sofort nach der EMA-Verkündigung sei nicht zu leisten. Man werde "so schnell wie möglich nach Datenlage" entscheiden.

Berufsverband rät dazu, auf Stiko-Empfehlung zu warten

Mertens stellt sich bezüglich einer Impfung von Unter-12-Jährigen noch Fragen: "Wie ist es bei diesen kleinen Kindern unter Umständen mit den bekannten, von älteren Kindern und Jugendlichen und jungen Erwachsenen bekannten Myokarditiden?“ Herzmuskelentzündungen treten sehr selten auf, sind aber möglich. Zudem befänden sich Kinder noch im Wachstum, gibt Mertens zu bedenken. "Ob es da Dinge gibt, die man besonders noch berücksichtigen muss, also in der Kombination von noch wachsendem Organismus und möglichen Nebenwirkungen der Impfung, das wird zu prüfen sein.“
Der Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte rät seinen Mitgliedern, auf eine Stiko-Empfehlung zu warten. Das sagte Sprecher Maske der Deutschen Presse-Agentur. Er rechne mit einer Entscheidung erst im nächsten Jahr. "Wir wollen eine sichere Impfung und das wollen ja auch die Eltern." Kinder infizierten sich, dass sie schwer erkranken, sei aber die absolute Ausnahme. Die Nutzen-Risiken-Abwägung müsse bei Kindern daher eine andere sein als bei Erwachsenen. Auch unabhängig von einer Stiko-Empfehlung dürften Kinderärzte nach einer EMA-Zulassung aber impfen, betonte Maske. Allerdings hat das Folgen für die Haftung und Entschädigungen, falls es zu einem Impfschaden kommt. Denn die Landesgesundheitsbehörden zahlen nur dann Versorgungsanspüche, wenn es sich um eine öffentlich empfohlene Impfung gehandelt hat.

In Wien werden Kinder offiziell "off label" geimpft

An einzelnen Orten unterstützen inzwischen auch öffentliche Stellen "off label"-Impfungen für Kinder. So werden in der österreichischen Hauptstadt Wien bereits Kinder zwischen 5 und 11 Jahren offiziell geimpft, auch andere österreichische Bundesländer denken darüber nach. In Deutschland stehen offenbar mehrere Städte kurz vor einer ähnlichen Entscheidung, zum Beispiel München. Das Impfzentrum der bayerischen Stadt Fürstenfeldbruck nennt auf seiner Webseite eine Hotline, über die Eltern für Impfwillige in diesem Alter einen Termin vereinbaren können.
Befürworter einer Impfung von unter 12-Jährigen verweisen unter anderem auf eine Studie von Biontech/Pfizer. Die Autoren kommen darin zu dem Schluss, die Impfung sei sicher und effektiv. Sie argumentieren zudem mit einem direkten und einem indirekten Nutzen der Impfung: Diese schütze Kinder vor einem - wenn auch seltenen - schweren Verlauf oder Spätfolgen einer Covid-Erkrankung. Indem man sie schütze, schütze man auch Menschen in ihrem Umfeld, die ein Risiko für einen schwereren Krankheitsverlauf hätten. Ungeimpft könne diese Altersgruppe Überträger werden auch für neu entstehende Varianten des Virus.
Pro und Contra: Impfung von Kindern und Jugendlichen
Das Stiko-Mitglied Zepp stellt im Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur aber klar: "Ein großer Teil unseres Problems sind ungeimpfte Erwachsene. Wir müssen aufpassen, dass wir nicht wieder eine Stellvertreter-Diskussion zum Nachteil von Kindern haben." Die wichtigste Maßnahme zur Überwindung der Pandemie bleibe unverändert alle Erwachsenen durch Impfung zu schützen.