Samstag, 27.02.2021
 
Seit 11:05 Uhr Gesichter Europas
StartseiteDlf-MagazinNachgefragt: Die Lok fährt noch04.02.2010

Nachgefragt: Die Lok fährt noch

Märklin ein Jahr nach der Pleite

Auf der Nürnberger Spielwarenmesse vor einem Jahr schockierte Märklin Modellbaufreunde mit der Nachricht: Das Unternehmen ist insolvent. Jetzt ist wieder Spielwarenmesse in Nürnberg - und Märklin ist wieder dabei. Nicht nur das, der Insolvenzverwalter Michael Pluta wird einen Millionengewinn verkünden.

Von Otmar Degen

Märklins Loks fahren wieder. (AP)
Märklins Loks fahren wieder. (AP)

Märklin gibt es nicht in der Geschenkpackung. Das bekamen zahlreiche Kaufinteressenten zu spüren. Viele schreckte der hohe Kaufpreis ab, andere sortierte Insolvenzverwalter Michael Pluta aus. Wer bei Märklin den Lok-Führerstand übernehmen will, muss 60 Millionen Euro auf den Tisch legen:

"Wir gucken uns das ganz genau an, denn wir wollen auch wissen, wie lange wollen die wirklich dabei bleiben, wir wollen also niemand haben, der nach drei bis sieben Jahren wieder geht, es ist ja nicht nur so, dass wir uns dem an den Hals schmeißen werden, der uns möglichst viel Geld bringt, wir verlangen auch etwas von den Investoren. Wir verlangen von denen, dass die uns präsentieren, wie haben die eigentlich vor, Märklin in die Zukunft zu führen, denn nur Geld alleine kann eine Firma nicht erhalten."

Michael Pluta zeigt damit eine stolze Haltung. Seit dem 4. Februar 2009 hat er die Lokführer-Mütze bei Märklin auf. Er ist verantwortlich für zwei Produktionsstandorte, Warenlager und Tochterfirmen und für 1.400 Mitarbeiter, die diesen für sie schwarzen Tag vor einem Jahr nie vergessen werden:

"Es ist mit Sicherheit eine ganz große nervliche Anspannung - eigentlich ist die Angst immer im Hintergrund - das ist frustrierend eigentlich."

In Göppingen sind die Bürger bestürzt über die Pleite der Traditionsfirma. Es war zwar lange bekannt, dass Märklin aus der Spur geraten war, aber:

"Das ist natürlich eine Katastrophe für die Stadt. Traurig für die Leute. Man kann nur hoffen, dass sich Märklin berappelt und vielleicht wieder aufgebaut werden kann. Vor allem bei so einem Traditionsbetrieb wie Märklin, der schon so lange hier ansässig ist. Das ist natürlich sehr schade drum, ich meine, da ist ziemlich viel Schmu gelaufen, und das ist natürlich keine schöne Sache, nein."

Insolvenzverwalter Pluta arbeitet an einen neuen Fahrplan, der mit dem eben erwähnten Schmu ein Ende machen soll: Aufs Abstellgleis geraten noch am ersten Tag alle externen Berater. Für ihre zweifelhaften Dienste hatten sie jahrelang fast soviel kassiert, wie Märklin Millionenverluste machte:

"Ich brauche die nicht, ich brauch Leute, die handeln und die kämpfen und nicht Leute die Power-Point-Präsentationen vorbereiten und Theorien verbreiten. Wir brauchen Umsetzer, wir brauchen Kämpfer."

Aber nicht alle Beschäftigen dürfen mitkämpfen. Der Insolvenzverwalter streicht vierhundert Stellen, die meisten im Produktionswerk in Ungarn. Aber auch am Stammsitz Göppingen werden viele langjährige Mitarbeiter unsanft aus dem Zug geworfen, wie Produktmanager Wolfgang Stein:

"Ich habe es eigentlich mit der Überbringung der Kündigung erfahren. Einen Tag, bevor sie wirksam wurde. Der Boden wurde einem weggezogen."

Aber die Züge rollen weiter: Märklin-Händler und Kunden werden nach wie vor mit Produkten beliefert. Dies habe oberste Priorität, betont der Insolvenzverwalter. Die Beschäftigten, die den Anschlusszug erreicht haben, müssen länger arbeiten, für weniger Geld. Und so kommt der Modellbahn-Bau auf volle Touren:

"Hier ist die Prüfanlage. Jede Lok wird bei Märklin geprüft. Also äußerlich wird geprüft, ob alles stimmt, und per Computer werden die Funktionen kontrolliert."

Auch in der Produktion stellt der Insolvenzverwalter die Weichen neu, streicht unrentable Modellreihen. Die Angebotspalette wird gestrafft, der Markt nicht mehr mit Neuheiten überschwemmt. Denn viele Märklin-Sammler wie Gottfried Sesle aus dem schwäbischen Heidenheim hatten zuletzt Geduld und Überblick verloren:

"Märklin hat so viele Sondermodelle und Exklusivbedruckungen und Farbvarianten von Lokomotiven gebracht, die selbst einem guten Sammler irgendwann zum Hals rausgehängt haben, weil das gleiche Modell in 20 verschiedenen Variationen muss man nicht unbedingt haben. Und da hat es Märklin schon übertrieben. Die wollten halt einfach richtig Geld verdienen."

Ein Problem kann aber auch der Insolvenzverwalter nicht lösen: Immer weniger Kinder und Jugendliche interessieren sich hierzulande für Modelleisenbahnen. Daher gilt es, neue Absatzmöglichkeiten zu finden, außerhalb Deutschlands und den Nachbarländern. Auch ausländische Investoren wären willkommen, wie der US-Spielzeughersteller Lionel, der an Märklin interessiert sein soll. Aber gibt es überhaupt ausbaufähige Märkte für Modellbahnen? Roland Gaugele, Modellbahn-Experte und langjähriger Märklin-Unternehmenssprecher:

"Also je weiter man von den Bergen wegkommt, um so weniger Interesse, um so weniger Umsatz wird gemacht mit der Modellbahn. Amerika ist auch ein interessanter Markt, aber nur von der Zahl der Leute her. Also in Ländern, in denen die Eisenbahn eine wichtige Rolle spielt, hat die Modellbahn eine Chance."

Und welche Chance hat dabei die Firma Märklin?

"Also ich hoffe sehr, dass die Firma überlebt und die Insolvenz übersteht, gut übersteht."

Darauf hoffen auch die zahlreichen Gläubiger. Märklin schuldet ihnen insgesamt rund 120 Millionen Euro: den Hausbanken oder der Investmentbank Goldman Sachs. Aber auch viele kleine Zulieferer warten auf ihr Geld, sie erwarten:

"Dass wir unsere Außenstände bezahlt bekommen. Hoffentlich, irgendwann in der nächsten Zukunft."

Die Gläubiger müssen sich gedulden, während der Insolvenzverwalter die Signale auf Grün stellt. Auf der Nürnberger Spielwarenmesse wird er einen Millionengewinn für 2009 präsentieren und einen Ausblick auf das laufende Jahr geben. Der Göppinger Oberbürgermeister Guido Till hofft weiter auf einen schwäbischen Unternehmer:

"Ich würde mich wirklich freuen, wenn jemand mit sehr viel Herzblut sich dieses Unternehmens annimmt, ich möchte natürlich auch im positiven Sinne, dass diese Marke auch weiterhin in aller Munde ist."

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk