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StartseiteHintergrundNachhaltige Chemie31.05.2004

Nachhaltige Chemie

Eine internationale Herausforderung

<em>Die Erde, auf der wir geboren werden, aufwachsen und Kinder groß ziehen, ist wunderschön. Sie ist das Zuhause jeden Mannes, jedes Jungen, jeder Frau und jedes Mädchens.</em>

Von Ralph Ahrens

Eine Chemikerin in einem Labor des BASF-Konzerns (AP Archiv)
Eine Chemikerin in einem Labor des BASF-Konzerns (AP Archiv)
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Chemie kann richtig nützlich sei, Chemie ist auch riskant – für Deine Freunde, Nachbarn und alle Fremden.
Jeden kann es treffen, vom alten Mann bis zum kleinsten Baby


Das sind Zeilen aus dem Rap über 'sichere Chemie in einer verletzlichen Welt’. Er feierte im November letzten Jahres auf einer internationalen Chemikalienkonferenz in Bangkok Premiere.

Der Text zeigt das Janusgesicht der Chemie: Zum einen basiert der Wohlstand gerade der westlichen Welt darauf. Auf der anderen Seite gelten in der EU mehr als 6.000 Chemikalien als gefährlich – einige sind brennbar, andere können Krebs auslösen. Bei solchen Stoffen ist es entscheidend, wo und wie sie eingesetzt werden. Andreas Troge, der Präsident des Umweltbundesamtes, nennt ein Beispiel.

Wenn Sie normale Reinigungsmittel haben, sind die für die Gesundheit nicht gefährlich. Es gab aber vor etwa 15 Jahren Reinigungsmittel, wenn sie die mit einem anderen Mittel zusammen einsetzten, etwa um die Toilette zu reinigen, entwickelte sich Chlorgas. Also, man muss auf die richtige Mischung, die richtige Dosierung achten und die Anwendungsempfehlung auch wirklich beachten.

Mit anderen Worten: Lack ist nicht zum Trinken da. Aber auch, wenn man ihn auf Türrahmen aufträgt, darf er nicht zu Kopfschmerz, Migräne oder Schlimmerem führen. Die sichere Anwendung ist ein Aspekt der "nachhaltigen Chemie”. Ein anderer Aspekt ist, die Grundstoffe für Lacke und andere Produkte sorgsam und effizient einzusetzen, möglichst wenig Energie zu verbrauchen und vielleicht sogar auf nachwachsende Rohstoffe zurückzugreifen. Andreas Troge ergänzt:

Sie müssen auch umweltverträglich sein. Das heißt, diese Chemikalien dürfen falls sie in die Umwelt gelangen und sei es auch nur durch ein unbeabsichtigtes Verkleckern, einen Störfall in der Wirtschaft oder im Haushalt, dann dürfen sie sich dort nicht anreichern in Lebewesen.

Von diesem Idealbild ist die Welt jedoch noch weit entfernt. Insbesondere in Entwicklungs- und Schwellenländern werden Chemikalien eher selten auf nachhaltige Art und Weise hergestellt oder eingesetzt. So geht die rasante Industrialisierung in Südostasien nicht mit entsprechenden Maßnahmen zum Schutz empfindlicher Menschen und der Umwelt einher, wie zum Beispiel die thailändische Prinzessin Chulabhorn im letzten Herbst in Bangkok betonte. Und auch in der Landwirtschaft liegt vieles im Argen, meint Andreas Bernstorff von Greenpeace:

Man sieht Land auf, Land ab, wenn man reist in der Dritten Welt, Leute in offenen Gummistiefeln oder ohne Fußbekleidung überhaupt mit Spritzpumpen herumlaufen in den Plantagen – ohne Mundschutz, ohne Atemschutz mit nackten Unterarmen. Und dadurch werden jährlich mindestens 30.000 Tote erzeugt und ungezählte Verletzungen, die man zum Teil gar nicht messen kann.

Nicht nur in Entwicklungsländern, auch in Europa: Allein in Polen harren rund 60.000 Tonnen alter unbrauchbarer Pestizide auf eine umweltgerechte Entsorgung.

Aber es tut sich was in der Chemikalienpolitik. Im Februar trat die Rotterdam Konvention in Kraft. Mit diesem Abkommen, das bereits 1998 unterzeichnet wurde, wollen die Vereinten Nationen den Handel mit gefährlichen Stoffen in geordnete Bahnen lenken. Es erlaubt Entwicklungsländern zum Beispiel, die Einfuhr von 27 gefährlichen Stoffen – überwiegend hochgiftige Pflanzenschutzmittel – zu verbieten. Klaus Töpfer, Direktor des Umweltprogramms der Vereinten Nationen, hält das für einen Schritt in die richtige Richtung.

Wo wir in vielen Entwicklungsländern diese Pestizide haben, unsachgemäß gelagert mit großer Konsequenz für das Grundwasser, für die Böden, auch für die menschliche Gesundheit. Viele von diesen Stoffe – ja exportiert in solche Länder nicht mit dem Ziel, sie dort zu nutzen, sondern schlicht zu vermeiden, dass man die hohen Abfallbeseitigungskosten in den entwickelten Ländern zahlen muss. Ich nenne das immer und immer wieder als einen Neokolonialismus, eine Verschiebung von Kosten auf die Ärmsten der Armen, die darunter leiden.

Und mit einem zweiten internationalen Abkommen - der Stockholmer Konvention, die Mitte Mai weltweit in Kraft getreten ist - ächten die Vereinten Nationen zwölf langlebige organische Schadstoffe, die auch "POPs” (sprich in einem Wort), das heißt persistent organic pollutants, genannt werden.

Ein Ziel dieses Abkommens ist es, dass künftig möglichst wenig Dioxine und Furane aus Verbrennungsöfen oder Metallschmelzen freigesetzt werden. Außerdem wird die Herstellung von polychlorierten Biphenylen (sprich: Bi-fe-nü-len), die in vielen Ländern als Isolierflüssigkeit in Transformatoren eingesetzt werden, verboten. Und der Einsatz von acht Insektengiften wie Aldrin, Dieldrin (sprich: Di-el-drin) und DDT sowie einem Pilzgift wird verboten beziehungsweise nur noch in Notfällen erlaubt. Klaus Töpfer

Es ist überfällig, dass wir es endlich geschafft haben, diese Stoffe, die in dieser Konvention behandelt werden und von denen erwartet wird, dass sie verschwinden von dieser Welt, werden zu Recht als das "dirty dozen”, als das schmutzige Dutzend der Chemie gekennzeichnet. Sie haben enorm negative Auswirkungen auf die menschliche Gesundheit, auf die Umwelt, auf die Ökosysteme, auf die Nahrungsketten.

Denn einige dieser Chemikalien können Krebs auslösen, andere stören Hormonsysteme oder beeinträchtigen die Entwicklung von jungen Tieren oder Menschen.

Auch den Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland, den BUND, freut es, dass die Vereinten Nationen jetzt die Welt so weit wie möglich von diesem schmutzigen Dutzend befreien wollen, ...

... dennoch ist das nur ein Tropfen auf den heißen Stein, denn es gibt natürlich noch viele andere Probleme. Und von daher ist es besonders wertvoll an dieser POPs-Konvention, dass sie eine Öffnungsklausel hat, und dass weitere Chemikalien ergänzt werden können.

erklärt Patricia Cameron vom BUND.

Es geht zum Beispiel darum, das gefährliche Lindan mit auf die Liste zu setzen, was aufgrund seiner Gefährlichkeit in Deutschland schon verboten ist in der Landwirtschaft, aber zum Beispiel in Kinderhaarshampoos immer noch eingesetzt wird und auch für Flohhalsbänder bei Haustieren.

Und das Insektengift Lindan ist nur einer der so genannten "POPs-Kandidaten”. So werden die Vereinten Nationen künftig die Herstellung und den Einsatz weiterer giftiger Chemikalien eventuell verbieten oder streng regeln. Die erste Vorentscheidung darüber fällt Anfang 2005 auf der ersten Vertragsstaatenkonferenz zum POPs-Abkommen. Denn dort wird ein Komitee einberufen, das dann ganz offiziell Vorschläge ausarbeiten wird, von welchen Giftstoffen die Welt in Zukunft noch befreit werden soll.

Für einige Menschen und Tiere kommt die Konvention aber vielleicht schon zu spät. Denn POPs werden in der Natur nur sehr langsam abgebaut, verteilen sich weltweit – und gelangen bis in die entlegendsten Gegenden, betont Klaus Töpfer:

Es ist nicht zufällig, dass die höchste Konzentration dieser persistent organic pollutants, dieser PCBs, Dioxine, Furane, DDTs und so weiter in der Muttermilch der Inuit, der Eingeborenen von Alaska gefunden werden, die sie, diese Stoffe nie benutzt haben, nie produziert haben.

Die Inuit haben das Pech, dass sich Dioxine aus den Schornsteinen Europas und der USA sowie Pestizide von Feldern Indiens oder Chinas in der Kälte der Arktis sammeln, und sich in Fett und Speck von Robbe und Wal, der traditionellen Nahrung der Inuit, anreichern. Sheila Watt-Cloutier ist Präsidentin der Inuit Circumpolar Conference, der Organisation, die die Inuit Amerikas, Europas und Sibiriens vertritt.

Wir sind nahe an dem Punkt, wo wir eventuell wegen der Schadstoffe unsere Nahrung und auch unsere Kultur aufgeben müssen. Wenn es dazu kommt, wird es furchtbar für uns sein. Daher kämpfen wir so hart, um niemals an diesen Punkt zu kommen. Denn wenn wir unsere Nahrung, unsere Kultur verlieren, dann werden wir alles verlieren.

Die Inuit wissen, es gibt keine schnellen Lösungen.

Lassen Sie es mich als Angehörige der Inuit ausdrücken. Für uns ist es eine Herausforderung, mit Ländern zusammenzuarbeiten, die etwa Pestizide einsetzen, um selber zu überleben. In Mexiko zum Beispiel sterben viele Kinder an Malaria. Deshalb können wir nicht sagen, 'Bitte, schaut auf uns und verbietet diese Stoffe’. Hier müssen alle zusammen helfen, um bezahlbare Alternativen für diese Menschen zu finden, damit sie überleben können.

Doch daran hapert es oftmals. Denn es ist eine traurige Tatsache, dass gerade in Staaten, die wirtschaftliche Probleme haben, der Schutz von Mensch und Umwelt nicht ganz oben auf der politischen Agenda steht. Etwa in Russland, wo die Modernisierung alter maroder Industrieanlagen nur langsam vorangeht. Andreas Bernstorff, Greenpeace

Osteuropa hat eine zum Teil hochgradig antiquierte Industrie. In Kaliningrad und im Bezirk Kaliningrad beispielsweise arbeiten Papierfabriken nach Methoden, wie sie vor dem Zweiten Weltkrieg von den Deutschen eingeführt wurden.

Dort bleichen drei Fabriken Zellstoff und Papier noch immer mit dem giftigen Gas Chlor – eine Technik, die in Deutschland seit Mitte der 80er Jahre nicht mehr angewandt wird. Auch deshalb nicht, weil bei der Chlorbleiche unter anderem krebserzeugende Dioxine entstehen. Weil im Gebiet Kaliningrad jedoch noch mit Chlor gebleicht wird, werden Dioxine über die Flüsse Memel und Pregel in die Ostsee gespült. Die Folgen spüren auch andere Ostseeanrainer.

Wenn man sich die Warnungen der schwedischen Behörden anschaut heute, keine Heringe an schwangere Frauen und Kinder verfüttern, und fragt nach der Quelle von den Dioxinen, die die schwedische Behörde dort im Blick hat, kommt man sehr schnell auf Kaliningrad. Kaliningrad ist die größte Dioxin-Quelle für die Ostsee. Und Heringe werden zum Teil als nicht essbar eingestuft – deswegen.

Aber es tut sich etwas. Denn eine der drei Papierfabriken, das Nemansker (sprich Nje-man-sker) Zellstoff- und Papierkombinat an der Memel, rund 20 Kilometer östlich von Sovjetsk, dem früheren Tilsit, investiert schrittweise in moderne umweltschonende Techniken. So will die Firma auf Chlor verzichten und ausschließlich mit Sauerstoff bleichen. Doch wann genau, ist noch offen, meint Chefingenieur Sergey Udelow


Ich kann noch keine genauen Angaben machen, denn wir warten auf das Ergebnis einer kanadischen Studie. Was ich aber sagen kann: Der Verzicht auf Chloreinsatz in der Bleicherei gehört zu unseren Prioritäten. Und wenn alles gut läuft, kann der Umbau im Jahr 2007 beendet sein.


Einer der Hintergründe für diese Modernisierung ist, dass das Nemansker Zellstoff- und Papierkombinat verstärkt auch Produkte in den Westen liefern und daher auch dortigen Produktionsstandards entsprechen will. Zurzeit sucht die Firma in Ost und West nach günstigen Krediten für den Umbau. Andreas Bernstorff von Greenpeace sieht hier auch Russland in der Pflicht.

Russland braucht Geld, aber Russland hat auch Geld. Wenn sie ein geordneteres Finanzsystem hätten, dann gäbe es in Russland sehr viel mehr Geld, auch sehr viel mehr Steuergelder. Im Prinzip ist das ein politisch-systematisches Problem weniger ein rein wirtschaftliches. Geld ist da. Technik ist da. Diese Firmen können umgerüstet werden und müssen umgerüstet werden. Das kann mit westlicher Hilfe geschehen, aber sicher nicht ausschließlich mit westlichem Geld. Das ist nicht notwendig.

Auch im krisengeschüttelten Argentinien steht der Schutz von Umwelt und Gesundheit nicht obenan auf der Tagesordnung.
Die 53-jährige Friseurin Juana Iermito wohnt in Munro, einer kleinen Stadt im Großraum Buenos Aires:

In diesem Haus wohne ich seit 21 Jahren. Ich war immer gesund, bis sich hier diese kleine Fabrik etabliert hat und es ständig nach Säure riecht. Seitdem verkrampft sich immer wieder meine Brust, ich habe dann das Gefühl, ersticken zu müssen, und muss sogar ab und zu ins Krankenhaus rennen. Außerdem bekommen meine Töchter Allergien, die Bäume gehen ein, Insekten sterben – und keiner tut etwas dagegen.

Der Ärger begann vor sechs Jahren, als eine Fabrik mitten in dem Wohngebiet begann, Pfannen und andere Geräte, die mit dem Kunststoff Teflon beschichtet sind, zu recyceln. Um diese Kunststoffbeschichtung zu entfernen, werden die Pfannen hoch erhitzt. Das Teflon zerfällt – die dabei entstehende Säure, die stark ätzende Fluorwasserstoffsäure, ist es, die die Anwohner belästigt. Und weil sich die Situation seit Jahren nicht verbessert hat, spricht Juana Iermito sogar von Korruption:


Wir haben uns oft bei den Behörden beschwert. Aber die haben sich über uns lustig gemacht. Und ein Inspektor war hier und hat – obwohl es wirklich stank – vor Zeugen gesagt, er würde nichts riechen. Und in der Stadtverwaltung will keiner für uns zuständig sein. Außerdem wurde hier vor zwei Jahren die Luftqualität gemessen, aber erfahren haben wir von den Ergebnissen nichts!

Es reicht also nicht aus, ein, zwei oder drei Dutzend giftige Stoffe zu verbieten. Zum einen gibt es Tausende von giftigen Chemikalien. Zum anderen müssen Regeln und Gesetze auch eingehalten und kontrolliert werden.

Diese Probleme sind auch den Vereinten Nationen bekannt. Sie beraten daher seit Oktober 2003 mit allen interessierten Staaten, Industrievertretern und Umweltschützern über einen umfassenden Ansatz für einen weltweit sicheren Umgang mit Chemikalien.

Es ist dann sehr deutlich geworden, dass die Chemiepolitik sehr viele Querverbindungen hat zu anderen Bereichen der Umwelt. Etwa im Zusammenhang mit Wasser, mit Böden, mit Luftbelastung und anderen Zusammenhängen. Wir sind der Überzeugung, dass wir sehr viel stärker vorsorgende Analysen machen müssen, damit man weiß, wo solche Stoffe hergestellt werden, welche möglichen synergistischen Effekte damit verbunden sind. Eine wirkliche Sisyphusarbeit, wenn man weiß, dass weit mehr als 100.000 chemische Stoffe in dieser Welt vorhanden sind.

Aber diese Arbeit verspricht ein Mehr an Schutz für Mensch und Umwelt. Noch einmal der Rap über Chemikaliensicherheit

Ich lüge nicht: Das muss uns wichtig se
mehr wissen, mit den Behörden sprechen,
die Gesetze ändern, die Politik und unser Verhalten.
Veränderung ist alles, was wir brauchen!
Es liegt an uns, ob wir Sicherheit lehren.
Was für eine wunderbare Welt könnte dies sein!


Und in Deutschland? In der EU? Auch hier wird über eine bessere und nachhaltigere Regulierung von Chemikalien diskutiert. Die Europäische Kommission hat dazu im Oktober letzten Jahres einen umfangreichen Vorschlag zur Neuordnung des europäischen Chemikalienrechts vorgestellt. Kern dieses Vorschlages ist ein neues Anmelde-, Bewertungs- und Zulassungsverfahren, kurz REACH (sprich in einem Wort, englische Aussprache) genannt. Reinhard Schulte-Braucks von der Generaldirektion Unternehmen der Kommission:

Das Konzept der nachhaltigen Entwicklung hat bei Erarbeitung der REACH-Verordnung Pate gestanden. Es ist ein Konzept, das aus drei Säulen besteht: der wirtschaftlichen, der Umweltsäule und der sozialen Komponente. Unserer Auffassung nach sind alle drei Säulen gleichberechtigt und müssen gleichzeitig verwirklicht werden.

Ziel ist, die europäische Industrie mit geprüften Chemikalien für den globalen Wettbewerb konkurrenzfähiger zu machen. Dazu will die Kommission neue Prinzipien einführen. Andreas Ahrens vom Hamburger Institut für Ökologie und Politik

Das eine, was an REACH wirklich neu ist, ist, dass man sagt, man will über jeden Stoff, der auf den europäischen Markt kommt, einen Mindestbestand an Informationen haben.

Denn ohne zu wissen, welche Eigenschaften ein Stoff hat, ist eine nachhaltige Chemie undenkbar. Die Kommission will daher in den nächsten 15 Jahren alle jene rund 30.000 Stoffe auf den Prüfstand stellen, die schon seit mehr als 20 Jahren auf dem Markt sind und von denen eine Firma mehr als eine Tonne herstellt oder einführt.

Zum zweiten: Der Hersteller des Stoffes soll sich darauf festlegen, für welche Zwecke sein Stoff geeignet ist. Und zwar nicht nur in technischer Hinsicht, sondern dass künftig auch unter Umwelt- und Gesundheitsgesichtspunkten die Hersteller von Stoffen schlichtweg sagen müssen, 'für die und die Anwendung glauben wir, dass der Stoff sicher handhabbar ist und bei der und der Anwendung halten wir den Stoff für nicht sicher anwendbar und deshalb vermarkten wir ihn in diese Bereiche auch nicht mehr hinein’.

Die Wirtschaft sieht aber durch diese und andere neue Regelungen unnötige Kosten und Bürokratie auf sich zukommen. Dennoch verteidigt Reinhard Schulte-Braucks von der Kommission den Gesetzesvorschlag. Die Wirtschaft argumentiere oft mit Kostenangaben, die nur zuträfen, weil über jene Stoffe, die in geringen Mengen hergestellt werden, bislang kaum Informationen vorlägen:

Schon bisher sind alle Unternehmen aus Gründen der Arbeitsplatzschutzgesetzgebung und aus Gründen der Gesetzgebung über die Einstufung und Kennzeichnung gezwungen, auch Stoffe in kleinen Tonnagen zu testen, denn andernfalls kann die Einstufung und Kennzeichnung gar nicht erfolgen. Das heißt, wir gehen davon aus, dass ein erheblicher Teil der Daten, die wir fordern, von vernünftig und verantwortungsbewusst arbeitenden Unternehmen ohnehin schon erstellt worden sind.

Andreas Troge vom Umweltbundesamt geht davon aus, dass sich die neue nachhaltigere Chemikalienpolitik rechnen wird.

Die EU-Kommission rechnet insgesamt in Europa über den gesamten Raum der Anmeldung der alten Stoffe mit weniger als fünf Milliarden Kosten insgesamt. Und im Vergleich dazu – und das ist ein wichtiges Argument – allein im Arbeitsschutzbereich lassen sich durch die Europäische Chemikalienpolitik 30 Milliarden Euro bis 2030 sparen, im Gesundheitsschutz etwa 5 Milliarden bis 2020. Zur Umwelt haben wir noch gar keine Angaben. Das heißt, die Rendite der Politik an sich ist deutlich positiv.

Und REACH, also die künftige Chemikalienpolitik Europas, könnte sogar einen Beitrag für einen weltweit besseren Umgang insbesondere mit gefährlichen Stoffen leisten. Klaus Töpfer:

Wir sind froh, dass die Europäische Union mit ihrer Chemiestrategie, die weiß Gott heiß umkämpft ist, ein Stück den Weg geht, von dem wir auch glauben, dass er auch notwendig ist im globalen Zusammenhang.

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