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StartseiteSonntagsspaziergangNachhaltigkeit auf 3000 Metern Höhe23.06.2013

Nachhaltigkeit auf 3000 Metern Höhe

Die Neue Monte Rosa-Hütte in den Schweizer Alpen

Die Neue Monte Rosa-Hütte wirkt mit einem achteckigen Grundriss und einer Außenhaut aus Aluminium eher wie eine Raumbasis auf einem fremden Planeten und nicht wie eine Berghütte. Um zum futuristischen Bauwerk mitten in den Alpen zu gelangen, muss man vor allem gut zu Fuß sein.

Von Brigitte Baetz

Die Neue Monte Rosa-Hütte soll an ein Bergkristall erinnern. (picture alliance / dpa / Bernard van Dierendonck)
Die Neue Monte Rosa-Hütte soll an ein Bergkristall erinnern. (picture alliance / dpa / Bernard van Dierendonck)

Zermatt im Oberwallis. Am Bergsteigerfriedhof mahnt der Glockenschlag der Mauritiuskirche den Besucher, die Gefahren der Berge nicht auf die leichte Schulter zu nehmen. Das Matterhorn, mit seiner charakteristischen Pyramidenform ohne Zweifel einer der schönsten Viertausender der Welt, hat schon mehr als 500 Tote gefordert. Doch man muss keine spektakulären Gipfel besteigen, um als Wanderer in dieser Gegend auf seine Kosten zu kommen.

Seit 1898 fährt die Gornergratbahn aus Zermatts Innenstadt direkt hinauf auf den berühmtesten Aussichtspunkt der Schweizer Alpen, den 3090 Meter hohen Gornergrat. Die mehrsprachigen Ansagen in der höchsten frei angelegten Zahnradbahn Europas von Deutsch bis Japanisch sind natürlich eine neuzeitliche Erfindung fürs internationale Publikum.

Die Aussicht ist schon während der Fahrt beeindruckend. Die Reise führt über Brücken, entlang an steilen Hängen, durch Tunnels hindurch, über Alpwiesen und Felsbrüche hinweg, vorbei an Lärchen und Arven – kurz: ein ebenso abwechslungsreiches wie aufregendes Schauspiel zwischen menschlichem Erfindungsreichtum und von der Natur geformter Landschaft. Doch wir wollen uns den spektakulären Ausblick auf die Schweizer Bergwelt nicht erfahren, sondern erlaufen und steigen deshalb an der Station Rotenboden auf 2815 Meter aus.

Mit unserem Zermatter Bergführer wandern wir zur Neuen Monte Rosa Hütte – eine durchaus anspruchsvolle Tour. Zunächst geht es jedoch gemächlich bergab, an satten Bergwiesen entlang, denn wir wollen hinunter zum Gornergletscher, den müssen wir überqueren. Benedikt Perren, Spross einer alten Bergführerdynastie, erklärt eine wenig das Panorama, das mehrere Viertausender umfasst - die Dufourspitze beispielsweise, das Nordend, den Liskamm, Castor und Pollux.

"Dann haben wir hier so einen Kletterberg, das Riffelhorn. Da gehen wir oft hin mit den Gästen, zum Einlaufen auch, und um sie fit zu machen für die Touren dann drum rum gehen wir dahin, dass wir sie klettertechnisch auch ein bisschen weiterbringen."

Tourteilnehmerin Sabine: "Was muss man denn mitbringen, um da meinetwegen anzufangen am Riffelhorn?"

Benedikt Perren : "Ja, da gibt’s ganz verschiedene Routen. Man kann wirklich alle Schwierigkeitsgrade da gehen. Also wirklich vom Anfänger bis zum Crack, kriegt man da alles, alles abgedeckt. Da drüben Matterhorn, da muss ich nicht mehr viel dazu sagen. Dann sehen wir hier den Dame-Blanche, dann das Gabelhorn, das schaut aus den Wolken raus und hier jetzt dann das Weisshorn. Auch ein klassischer Viertausender hier im Gebiet. Ja, das wär mal so die Rundsicht und ich werde Euch da jetzt immer wieder sukzessive so ein paar Erklärungen geben, wenn wir unterwegs sind so zu den Gletschern und so fort."

Sabine: "Wie lange wird’s dauern?"

Perren: "Ich denke, also wir machen es gemütlich. Ich denke: so dreieinhalb Stunden bis zur Hütte. Wir haben ja keinen Stress in dem Sinne."

Sabine: "Aber wir brauchen Steigeisen, oder?"

Perren: "Wir werden jetzt so anderthalb Stunden laufen und dann geht’s über eine Leiter runter und dann montieren wir Steigeisen und dann gehen wir in aller Ruhe dann über den Gletscher rüber und dann zur Hütte."

Das hört sich ganz bequem, ja behaglich, an, doch spätestens mit der schon erwähnten Leiter ergibt sich für den ungeübten Höhenalpinisten die erste Herausforderung: Gut dreißig Meter geht’s da runter, von oben ist das Ende nicht in Sicht, da sie nach innen an den Berg angepasst ist. Wer am Abgrund in die Tiefe blickt, sieht nur den harten Felsboden, der dort unten, viel zu weit unten, auf ihn wartet.

Gut nur, dass unser Bergführer die nicht Schwindelfreien und sonstigen Angsthasen ans Seil nimmt, schon allein, weil auf der Hälfte der Strecke auf eine andere Leiter umgestiegen werden muss.

Heil unten angelangt müssen dann die Steigeisen angelegt werden, denn schon sind wir auf dem Gletscher. Und da ein solches Eisfeld per Definition immer in Bewegung ist, ist beim Überqueren Vorsicht geboten. Manchmal sind blau leuchtende Untiefen auch für Flachländer als Spalten zu erkennen, manchmal aber wissen nur erfahrene Bergsteiger, wann das Eis unter ihren Füßen gefährlich sein könnte.

Das Laufen über den Gletscher erfordert Einiges an Konzentration. Mensch und Landschaft werden eins. Immer wieder werden wir daran erinnert, dass die Gletscherlandschaft ein quasi-lebendes System darstellt, dessen Existenz nicht selbstverständlich ist. Bergführer Benedikt erklärt.

"Der Gornergletscher, der geht im Jahr so ungefähr 150 Meter, geht er schon zurück. Ganz markanter Gletscherrücken, auch hier oben. Es ist vielleicht jetzt fünf Jahre, als dieser Gletscher hier, der untere Gletscher, noch hier unten am Gornergletscher war. Ihr seht, wie der in fünf Jahren, wie der zurückgegangen ist. So ganz, ganz massiv. Man muss aber sagen, dass das eigentlich eine Entwicklung ist, die wir schon einmal hatten. Darum konnten auch die Römer diese Übergänge ganz gut bewältigen, praktisch ohne Probleme.

Es gibt auch eine Sage, dass dieser Gletscher hier zum 12. Jahrhundert komplett weg war und dann sagen wir auch: das verlorene Tal hier. Das ist wirklich eine Sage, die besagt, dass ganz zuhinterst ein großer See gewesen sein soll und hier wirklich alles Wälder und Wiesen, da, wo jetzt der Gletscher ist. Und lustig ists: Man hat auch Nussbaum gefunden hier ganz zuunterst am Gletscher und kann ihn so weit zurückdatieren, dass er aus dieser Zeit stammt. Und Nussbaum ist ja ein Holz, das ganz mildes Klima braucht. Also kann man davon ausgehen, dass hier schon mal klimatisch ganz andere Bedingungen waren. Die Glaziologen haben jetzt auch so Messungen gemacht im hinteren Teil und sie konnten tatsächlich feststellen, dass da ein See ist. Also, die Sage hat eigentlich schon irgendwo recht."

Berghütte ist umweltschonend

Nach eineinhalb Stunden haben wir den Gletscher passiert und machen uns auf den steilen, gut halbstündigen Anstieg zur Monte Rosa-Hütte, gelegen inmitten eines Meeres aus Stein und Felsen. Über fünf Stockwerke hoch, mit einem achteckigen Grundriss und einer Außenhaut aus Aluminium wirkt sie eher wie eine Raumbasis auf einem fremden Planeten und nicht wie eine Berghütte. Und doch ist sie mit ihrer kristallinen Form und ihrem stählernen Glitzern kein Fremdkörper in der Landschaft, sondern sieht vor allem beeindruckend aus.

Ist das noch eine typische Berghütte? Mit ihrer Inneneinrichtung in hellem Kiefernholz, ohne Schlaflager, sondern mit temperierten Zimmern? Mit einem weiten Treppenhaus, das an das Innere einer großen Schnecke erinnert? Die Schweizer Besucher, die auf der Aussichtsterrasse die letzten Sonnenstrahlen des Nachmittags genießen, üben sich in regionalem Understatement.

Zeitgemäß sei sie, die Hütte, meint ein bärtiger Alpenländer, der sich ansonsten eher mikrofonscheu gibt.

"Wann ich fünf Liter Schnaps gehot hab, kann ich schon reden, aber mainen Dialakt verstahst eh noit." - "Doch." - "Noit." - "Ich habs jetzt verstanden." - "Was hab ich geseit?" – "Meinen Dialekt verstehst Du sowieso nicht. Mit fünf Litern Schnaps würds gehen."

Doch auch ohne Alkohol gibt man sich – zurückhaltend – wohlwollend.

"Is scho bissi was Neuzeitlichs. Isch zeitgemaß und ist energiegerichtet. Und isch ein architektisches Wunder."

Im modern eingerichteten Gastraum behält man durch ein breites Fensterband das spektakuläre Bergpanorama im Blick. Und das minimalistische und geschmackvolle Design des Neubaus verhindert auch nicht, dass beim leckeren Abendessen, einem Drei-Gänge-Menü für alle, Hüttenatmosphäre aufkommt. Horst Brantschen, Hogi genannt, hat schon die alte Monte Rosa-Hütte bewirtschaftet und seine hochgepriesene Kochkunst in die neuen Zeiten hinüber gerettet.

"Also, ich bin der Hogi." – "Und was machen Sie hier oben?" – "Blödsinn! Ich war zehn Jahre in der alten Hütte." – "Und wie fühlen Sie sich mit der neuen?" – "Ja, Du kannst es vergleichen, wie wenn Du einen VW hast oder einen Rolls-Royce. Wenn der VW der erste Wagen ist, dann liebst Du den auch und den Rolls-Royce liebst Du auch. Sind zwei Paar Schuhe."

Was vor allem anders ist bei der Neuen Monte Rosa-Hütte, dem Rolls-Royce unter den Bergunterkünften: Durch all die Technik ist ein klassischer Hüttenwirt nicht mehr so autonom wie früher, kann nicht mehr alles selbst reparieren, wenn die Technik versagt. Hogi erklärt uns das Konzept:

"Wir haben hier die Südfassade. Die ist eigentlich fast neu bestückt mit Fotovoltaik, das liefert den Strom. Auf der Westseite haben wir eine Solaranlage, die liefert das Warmwasser für die Waschmaschine, die Küche, die Duschen. Und vor allem auch für die Heizung, für die Lüftung. Also, mit dem Warmwasser wird die Luft erwärmt und so wird die Hütte geheizt."

Sie besitzt darüber hinaus eine eigene Kläranlage. Das Frischwasser wird aus einer Kaverne gewonnen, die oberhalb der Hütte in den Fels gesprengt wurde, und in der sich das Schmelzwasser des Gletschers sammelt. Der ganze Rummel um die "Berghütte der Zukunft", wie manche das Gebäude nennen, hat allerdings auch seine Schattenseiten, meint Hogi. Die Monte Rosa-Hütte, früher vor allem Ausgangspunkt für Höhenbergsteiger, zieht nun auch ein Publikum an, das von den Anforderungen des Weges überfordert sein könnte.

"Wir haben früher ungefähr zwei Drittel Alpinisten gehabt und ein Drittel Hüttenbesucher und das hat sich jetzt grad gewendet. Jetzt haben wir im Sommer vor allem Hüttenbesucher und ein Drittel Alpinisten, die auf die Dufour gehen oder so. Wir haben jetzt ein Reservationssystem, das mit Internet funktioniert. Das hat auch wieder seine Nachteile, weil dann viele Leute, die dann irgendwas von der Hütte im Fernsehen sehen, dann hochwollen. Die stellen sich vor, man kann hier mit dem Auto hochfahren oder mit der letzten Gondel und so. Und die sind natürlich am Rotenboden, sind die dann ein bisschen verdutzt und sagen: Ach, da geht ein Ziehweg zur Hütte und dann über den Gletscher, ne, den schaff ich nicht."

So manch einer, meint Hogi, musste dann mit dem Helikopter geholt werden, weil er sich total verausgabt und überfordert hatte. Oder sich unnötig in Gefahr brachte, weil er ohne Kenntnisse und ohne Führer den Gletscher bewältigen wollte. Es gibt daher auch den Plan, einen neuen, längeren Weg um den Gletscher herum zu bauen, auch der Sicherheit wegen. Denn die vom Menschen mitverursachte Schmelze der alpinen Wasservorratskammern führt dazu, dass die Routen über die Gletscher immer gefährlicher werden.

"Die Furchen, die Du da siehst, das ist innert drei Tagen entstanden. Und da kannst Du nachher noch Brücken hinlegen. Das nützt alles nicht. Das sind gewaltige Kräfte. Der Gletscher, der sich bewegt, der wirft jede Brücke ab wie ein Stier, der nicht beritten werden will."

Aber vielleicht ist es auch so, denken wir uns mit dem Blick aufs Matterhorn und die anderen erhabenen Viertausender des Wallis, dass der Mensch nicht überall hinkommen können muss, wo er hinkommen kann und will, auch wenn wir uns in der Zeit des Massentourismus daran gewöhnt haben, alles, was machbar ist, auch durchzuführen.

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