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StartseiteCampus & KarriereNachhilfe für die Besten18.10.2013

Nachhilfe für die Besten

Bertelsmann-Jugendstudie belegt, dass vor allem gute Schüler Zusatzunterricht bekommen

Jeder fünfte Schüler zwischen 10 und 18 Jahren nimmt laut der neuen Jugendstudie aus dem Bertelsmann Verlag Nachhilfe. Das Besondere, so ein Ergebnis der Studie: Nicht die schwachen, sondern vor allem besonders gute Schüler greifen auf den Zusatzunterricht zurück.

Von Katrin Sanders

Gute Noten dank Nachhilfe. (picture alliance / dpa / Christian Charisius)
Gute Noten dank Nachhilfe. (picture alliance / dpa / Christian Charisius)

"Ich hab halt für die Klausur gelernt, Funktionsscharen und Extremwertaufgaben." - "Ja, auf jeden Fall. Weil ich persönlich nicht der Beste in Mathe bin und das von alleine nicht draufkrieg und so. Und natürlich gehört jetzt Mathe auch nicht zu meinen Lieblingsfächern und dann sind die Gedanken auch mal woanders im Unterricht und dann holt man es einfach in der Nachhilfe nach." - "Man muss sich nicht dafür schämen, im Gegenteil, ich sag das sogar ganz stolz, dass ich zur Nachhilfe gehe: Ich zeig damit nur, dass ich auch versuche meine Zukunft damit gewissermaßen zu planen, weil das ist halt alles wichtig fürs Abi und auch fürs Studium."

Jedes Zehntel hinterm Komma zählt mittlerweile beim Schulabschluss – und so ist es kaum verwunderlich, dass mittlerweile jeder fünfte Schüler Nachhilfe bekommt, die meisten im Fach Mathematik. Schon 16 Prozent der Grundschüler bekommen den Zusatzunterricht, laut den Zahlen der jetzt im Bertelsmann Verlag veröffentlichten Jugendstudie. Bei den 13- bis 15-Jährigen gibt jeder vierte an, dass er Nachhilfe nehme und bei den 15- bis 17-Jährigen schließlich ist es jeder fünfte. Die wenigsten sollen allerdings schwach oder gar gefährdet sein. Im Gegenteil. In der Jugendstudie wurde die Durchschnittsnote aus Mathe, Englisch und Deutsch gebildet, demnach sollen die Nachhilfeschüler ganz überwiegend Noten im Bereich 1,5 bis 3,5 vorweisen können. So auch diese beiden, die Nachhilfe nehmen, weil sie der Schule allein nicht trauen:

"Da bleibt halt nicht immer so viel Zeit, um auf die Probleme von anderen einzugehen. Da wird man manchmal vergessen und das muss alles so ein bisschen schneller gehen, wegen G8 vor allem. Und da bleibt halt nicht die Zeit, dass man alles in der Schule bespricht. man hat ja nicht jeden Tag in der Schule Mathe und trotzdem ist der Stoff halt dementsprechend nicht wenig: Man hat richtig viel zu tun. Ist sehr anstrengend da nachzukommen. Und man hat sehr lange Schule, da bleibt sehr wenig Zeit für die Hausaufgaben, und da versucht man über Nachhilfe da ne Absicherung zu bekommen."

Die Schwächen des Schulsystems sichern den wirtschaftlichen Erfolg des Nachhilfemarktes.

Etwa eine Milliarde Euro werden schätzungsweise auf diesem Markt pro Jahr in Deutschland verdient. Rund 70 Prozent in privater Nachhilfe, den Rest teilen sich Lernorte, wie Schülerhilfe oder Studienkreis. Sie gehören zu den größten Franchiseunternehmen in Deutschland. Vor ihnen lagen im letzten Jahr nur noch ein Pauschalreiseanbieter und eine Fast-Food-Kette, so das Magazin Impulse. Der Zusatzunterricht ist keine Ausnahme mehr, sondern Regel für viele. Franz Symes, Leiter des Studienkreises in der Kölner Südstadt, sieht dafür diese Gründe:

"In der Vergangenheit war es immer so: der Schwerpunkt in der Sekundarstufe I, Klasse 7 bis 10. In den letzten zwei Jahren hat sich das doch etwas mehr hin zur Oberstufe verändert. Wir haben jetzt wesentlich mehr Nachfrage aus der Oberstufe, was sicherlich mit G8 zusammenhängt. Aber auch mit anderen Faktoren: mit Druck auf dem Arbeitsmarkt, mit Restriktionen an der Uni, also Numerus clausus Fächer und so."

Aber auch Realschüler haben Ziele, die sich nur über Bestnoten realisieren lassen. Für einen guten Sekundarstufe-I-Abschluss investieren manche Eltern in Nachhilfe. Hans Jürgen Smula, ist Leiter der Mulvany Realschule in Gelsenkirchen.

"Ich kann es in einigen wenigen Fällen auch aktuell insofern bestätigen, als Schüler, die eigentlich auf dem Niveau eines Realschulabschlusses liegen, also eines mittleren Abschlusses unbedingt die Qualifikation haben wollen, also um in die Oberstufe des Gymnasiums gehen zu wollen. Und dazu brauchen sie eine Zwei in Deutsch, Mathe und Englisch. Da weiß ich, dass es dann versucht wird, mit Nachhilfe das so weit zu bringen."

Gegen eine gezielte Lernhilfe für kurze Zeit, wenn Unterricht verpasst - oder in der Pubertät auch mal verschlafen wurde - sei nichts einzuwenden. Längerfristige Nachhilfe aber hält der Schulleiter für bedenklich. Die Schulwoche habe schon gut 36 Schulstunden, wendet er ein, und: Gute Abschlüsse gebe es nun mal nicht zu kaufen:

"Ich denke, dass auch in der Öffentlichkeit der Eindruck erweckt wird, dass immer höhere Schulabschlüsse erreicht werden müssen. Dann kann der Druck von den Eltern kommen, die für ihre Kinder etwas wünschen, dabei aber das Vermögen ihres Kindes aus dem Blick verlieren. Der Druck kann auch von den Kindern selber kommen, die etwas erreichen wollen in ihrem Leben, dafür aber die Fähigkeiten nicht im vollen Umfang haben."

Wer nun den Druck auf die Schüler ausübt - falscher Ehrgeiz oder ein ruinöses System, dass nur noch Höchstnoten gelten lässt - die Antwort auf diese Frage ist Schülern egal. Solange im Schulsystem selbst die Lücken nicht ausgebügelt werden, wird es Eltern geben, die private Nachhilfe einkaufen, sofern sie es finanzieren können. Die Schüler selbst sitzen schon im Hamsterrad und da zählt allein das Ergebnis:

"Ich hab angefangen beim Studienkreis als ich wirklich gar nicht mehr klar kam mit Mathe und das war vom einen Zeugnis aufs nächste zwei Noten besser und da ist das schon ein großer Unterschied, und ja die Freude am Lernen ist wieder da. Wenn man was versteht, macht's auch Spaß automatisch. "

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