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StartseiteKalenderblattVor 70 Jahren startete „Der Dritte Mann“ in westdeutschen Kinos06.01.2020

Nachkriegszeit in WienVor 70 Jahren startete „Der Dritte Mann“ in westdeutschen Kinos

Er gehört zu den erfolgreichsten Filmen der unmittelbaren Nachkriegszeit: Carol Reeds „Der Dritte Mann“ ist mit der eingängigen Heurigen-Musik des Zither-Spielers Anton Karas zu einem untrennbaren Stück Wiener Kulturgeschichte geworden. Vor 70 Jahren lief der Film erstmals in den Kinosälen der Bundesrepublik.

Von Hartmut Goege

Szene aus dem Film "Der Dritte Mann": Harry Lime (Orson Welles) versucht, durch die Abwassertunnel im Wiener Untergrund zu fliehen. (Imago / Entertainment Pictures)
Filmszene aus "Der Dritte Mann": Harry Limes (Orson Welles) versucht, durch die Abwassertunnel im Wiener Untergrund zu fliehen. (Imago / Entertainment Pictures)
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"Schlangen an den Kinos in New York, London, Paris und Berlin. Und nun auch in den Städten Westdeutschlands."

Feierlich kündigte ein Sprecher des Südwestfunks die deutsche Erstaufführung von Carol Reeds "Der Dritte Mann" an. Als der britisch-amerikanische Thriller nach den sensationell erfolgreichen Aufführungen in Großbritannien und Frankreich am 6. Januar 1950 auch in deutschen Kinos anlief, war ihm der Ruf vorausgeeilt, ein filmisches Meisterwerk zu sein.

"Wir stehen alle unter dem tiefen Eindruck des erregenden Films 'The Third Man - Der Dritte Mann', der in der Vier-Sektoren-Stadt Wien spielt."

Überzeugende Darstellung der Wiener Nachkriegsstimmung

Die von den Siegermächten geteilte Stadt ist Tummelplatz von Ost-West-Geheimdiensten, der Schwarzmarkt blüht. Reeds Filmklassiker besticht durch seine getreue Milieu-Darstellung der Wiener Nachkriegszeit, die gezeichnet ist von Not und Kriminalität. Innerhalb von sechs Wochen Drehzeit hatte Carol Reed die perfekte Stimmung eingefangen:

"Es war ein Glück, dass ich vorher nie in Wien war. So konnte ich als Fremder die Dinge in dieser Stadt mit neuen Augen sehen und die Atmosphäre schneller erfassen, als wenn ich die Stadt gekannt hätte."

In diese vom Krieg zerstörte Donau-Metropole reist der amerikanische Trivial-Autor Holly Martins, gespielt von Joseph Cotton, um seinen alten Freund Harry Lime zu treffen. Dort aber erfährt er, dass Harry angeblich von einem Auto überfahren wurde.

"Was he still alive?"
"Aber woher denn. Der war gleich tot. Da brauchen's keine Angst zu haben."
"No, I mean ..."
"Er war gleich tot. Fräulein Schmitt, bitte, wie sagt man auf Englisch, er war gleich tot?"
"He was quite dead!"

Bei der Recherche zu den Hintergründen des Unfalls kommen Holly Zweifel, ob Harry nicht vielleicht doch lebt und der mysteriöse dritte Mann ist, der vom Unfallort wegging, wie ihm ein Augenzeuge berichtet.

Englisch, Wienerisch und Zither-Musik

"You only saw a dead man with three men carrying him."
"Der Ami macht mich noch ganz deppert. I should have listened to my wife."
"Suppose I take your evidence to the police."
"Von mir aus geht's zur Gasanstalt, aber mi lasst's aus mit der Polizei."
"Now hold on."
"Das hat man davon, wenn ma freundlich ist zu die Ausländer. You must go at once please, sonst vergess i mei wienerischen Charme."

Auch dank seiner konsequent gedrehten Zweisprachigkeit wirkt der Film authentisch. Ein Aspekt, der dem britisch-ungarischen Produzenten Alexander Korda wichtig war. Korda hatte während der Weimarer Zeit in Wien und Berlin gearbeitet:

"Ich bin speziell sehr froh, dass in diesem Film Carol Reed hat mit amerikanischen und englischen Schauspielern, auch deutsche Schauspieler genutzt, und dass Paul Hörbiger, Hedwig Bleibtreu und Erich Ponto an diesem großen Erfolg des Films teilnehmen können."

Die lebendige Zweisprachigkeit geht zwar in der deutschen Synchronfassung verloren, trotzdem bleibt der Schwarz-Weiß-Film atmosphärisch dicht, was neben den düsteren Schatten-Effekten vor allem der intensiven Zither-Musik von Anton Karas geschuldet ist. Carol Reed hatte ihn während der Dreharbeiten in einem typisch Wiener Heurigen-Lokal entdeckt:

"I heard Anton Karas playing in a little wine-garden in Vienna. And I'd never seen or heard a zither-player in my life and it fascinated me."

Die eingängige Melodie trägt den Film über die gesamte Länge. Harry Lime, gespielt von Orson Welles, hat seinen Tod inszeniert, um unerkannt bei Schwarzmarkt-Schiebereien mit unreinem Penicillin große Kasse zu machen. In der Schlüsselszene treffen beide in einer Gondel im Wiener Prater aufeinander.

"Hast du schon mal eins von deinen unschuldigen Opfern gesehen?"
"Zugegeben, das Ganze ist nicht sehr schön, aber Opfer?"
"Du möchtest mich loswerden, was?"
"Vielleicht."
"Das kann ich verstehen."
"Eine Pistole habe ich. Wenn du da unten liegst, würden sie kaum nach Schusswunden bei dir suchen."

Der Showdown zwischen den ehemaligen Freunden findet schließlich in einer dramatischen Verfolgungsjagd in der Wiener Kanalisation statt.

Am Ende wird Harry, der sich an hilflosen Kranken bereichert hat, von Holly erschossen.

Der Film ist das gelungene Ergebnis der Zusammenarbeit zwischen Carol Reed und Graham Greene, der das Drehbuch lieferte. Greene hatte seine Spionage-Erlebnisse in Romanen verarbeitet, Reed für das britische Militär gedreht. Kenntnisse, die ihnen den Ruf einbrachten, perfekte Arrangeure realistischer Schauplätze zu sein. Anton Karas Heurigen-Musik und Carol Reeds "Der Dritte Mann": Sie sind zu einem Stück Wiener Kulturgeschichte geworden.

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