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StartseiteUmwelt und VerbraucherNachrechnen beim Biogas13.03.2008

Nachrechnen beim Biogas

Steigende Getreidepreise trüben Bilanzen

Viele Landwirte haben in den vergangenen Jahren Biogasanlagen gebaut. Doch wenn der Betreiber seinen Rohstoff nicht selbst erzeugt, rechnet sich die Energieerzeugung oft nicht. Und auch am Umweltnutzen sind bisweilen Zweifel angebracht.

Von Annette Eversberg

Mais auf einem Acker. (Universität Halle)
Mais auf einem Acker. (Universität Halle)

Biogasanlagen dienen dem Klimaschutz. Als solche werden sie von NABU-Sprecher Dr. Georg Nehls ausdrücklich befürwortet:

"Das ist eine gute Möglichkeit, um Reststoffe energetisch zu nutzen. Das können Abfallstoffe aus der Gastronomie sein oder sonstige Abfallstoffe, vielfach aber auch einfach Tierdung, der, wenn man ihn in der Biogasanlage vergären lässt, nicht nur nutzbares Methan erzeugt, sondern wir machen auch diese Gase, die ansonsten frei in die Atmosphäre aufsteigen würden, schadlos und haben damit letztendlich einen doppelten Effekt."

Auch das Umweltbundesamt ist vor allem für die Verwertung von Reststoffen unter der Voraussetzung, dass gleichzeitig Energie eingespart wird. Der Biolandwirt Dirk Ketelsen aus Nordfriesland ist Geschäftsführer zweier Biogasanlagen. Eigentlich sind sie so platziert, dass die Rohstoffe in unmittelbarer Nähe produziert werden von Landwirten, die Schweine und Kühe halten, und bei denen deshalb viel Gülle anfällt:

"Die Ausrichtung war so, dass wir theoretisch mit der Gülle den Betrieb sicherstellen konnten. Es hat sich jedoch gezeigt, dass das nicht der Fall ist und wir umstellen mussten und dann nachwachsende Rohstoffe einsetzen, die dann auch die Leistung erbringen, die wir kalkuliert hatten."

Der Einsatz nachwachsender Rohstoffe, in erster Linie Mais, hat, so der NABU, den Flächenbedarf deutlich erhöht. Für die Energieausbeute einer Windkraftanlage von zwei Megawatt braucht man zur Biogasverstromung aus nachwachsenden Rohstoffen 1000 Hektar. Seit die bisher stillgelegten Flächen in der EU wieder bestellt werden dürfen, erwarten Fachleute, dass in Deutschland sogar auf einem Viertel aller landwirtschaftlichen Flächen nachwachsende Rohstoffe angebaut werden. Dafür wird Grünland umgebrochen - und sogar Naturschutzflächen. Mit Folgen für den Klimaschutz, betont Georg Nehls:

"Wir haben große Flächen mit Niedermoorböden. Durch intensive Landwirtschaft, durch Ackernutzung wird sehr viel organische Substanz umgesetzt, es wird Methan und Lachgas freigesetzt. Und das ist klimatisch sehr problematisch."

In der Ökobilanz schneiden die nachwachsenden Rohstoffe nach Auffassung des NABU, aber auch vieler Landwirte ebenfalls schlecht ab. Auch das Umweltbundesamt ist dabei, die Ökobilanz noch einmal durchzurechnen. Bedenken gibt es auch deshalb, weil nur 40 Prozent der Energie aus nachwachsenden Rohstoffen verstromt werden kann. 60 Prozent sind Wärme, die überwiegend ungenutzt bleibt, weil die Infrastruktur fehlt. Georg Nehls:

"Generell muss man sagen, dass der intensivlandwirtschaftliche Anbau nachwachsender Rohstoffe mit einer geringen Energieeffizienz verbunden ist. Das heißt, wir stecken zunächst einmal eine Menge Energie in den Anbau, in den Trecker. Ein wesentlicher Teil nachwachsender Rohstoffe ist, dass dort Diesel in Biogas umgesetzt wird."

Aus der Sicht des Sachverständigenrates für Umweltfragen ist, so wörtlich, die Nutzung der Biomasse nicht per se nachhaltig. Eine Intensivierung der Landwirtschaft belaste Böden und Grundwasser noch mehr als bisher. Dirk Ketelsen steht mit seinen Biogasanlagen noch vor ganz anderen Schwierigkeiten:

"Wir haben derzeit das Problem, dass die Preise steigen für Getreide. Wir setzen Mais ein. Und da ist die Verteuerung jetzt eingetreten."

Die Lieferanten der Biogasanlagen springen ab, weil sie anderswo mehr verdienen können. Wenn die Rohstoffkosten steigen, rechnet sich die Verwertung der Biomasse nicht mehr. Denn die Einspeisevergütung ist festgelegt und nicht den Gesetzen des Marktes unterworfen. Wenn die Rohstoffe also knapp werden, bleibt nach Auffassung des Sachverständigenrates für Umweltfragen nur der Import aus dem Ausland. Biolandwirt Dirk Ketelsen:

"Das wäre ja schizophren, wenn wir Palmöl einsetzen würden. Wir könnten auch Körnermais aus Afrika importieren, um Biogasanlagen zu betreiben. Das kann man irgendwann nicht mehr mit dem Gewissen vereinbaren. Und insofern überlegen wir ständig, wie geht es denn nun weiter"

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