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Nachwuchs gesucht!

In der kommenden Woche werden in Singapur die ersten Olympischen Jugendspiele eröffnet. Diese Spiele sind ein Projekt des IOC-Präsidenten Jacques Rogge. Sie wurden auf der IOC-Session 2007 in Guatemala beschlossen. Die Jugendspiele sollen den richtigen Olympischen Spielen wieder mehr Schwung verleihen, Nachwuchs generieren und neue TV-Konsumenten. Einige hundert Millionen Dollar wurden in die Jugendspiele investiert. Das IOC schafft Fakten – die Fragen aber bleiben.

Von Jens Weinreich | 08.08.2010

    Philipp Käfer und Lena Gohlisch sind zwei von 70 deutschen Teilnehmern an den Youth Olympic Games in Singapur. Ihre Aussagen sind durchaus typisch für das Team. Kaum jemand wusste vor einem halben Jahr, dass es Jugendspiele gibt. Nun sind sie dabei bei der Premiere, beim großen olympischen Testlauf.

    ""Mein Name ist Philipp Käfer, ich komme aus Waldsee, das liegt bei Ludwigshafen. Ich bin 17 und gehe auf ein normales Gymnasium, und ich bin Sportschütze, Pistole schieße ich. Das ist jetzt bei den allerersten Olympischen Jugendspielen teilnehmen darf, ist eigentlich das größte, was mir bisher passiert ist in meinem Alter. Mehr geht nicht. Das ist ein überwältigendes Gefühl, das macht einfach Spaß. Und die Vorfreude ist riesig.”"

    "”Ich bin Lena Gohlisch, ich bin 16 Jahre alt und spiele Basketball im Verein bei den Berlin Baskets. Für mich ist das natürlich eine Riesen-Möglichkeit, mich mit anderen in meiner Sportart zu messen aus aller Welt. Aber auch neue Kontakte zu knüpfen und andere Leute zu treffen und einfach mal so den olympischen Geist mitzubekommen.”"

    Was man so sagt mit sechzehn oder siebzehn – vor der großen Reise.

    Britta Steffen hat mit sechzehn schon an den Olympischen Spielen teilgenommen. Sie schwamm in Sydney und Athen mit mäßigem Erfolg – in Peking wurde sie 2008 zweimal Olympiasiegerin. Auch sie hat die Jugendspiele zunächst sehr skeptisch betrachtet:

    "”Als ich noch nichts darüber wusste, dachte ich: Oh Gott, jetzt fangen die auch noch damit an. Jetzt werden die jungen Leute verheizt. Hauptsache zu den Olympischen Spielen fahren! Da ist überhaupt kein langfristiger Leistungsaufbau mehr denkbar. Da war ich total negativ eingestellt.”"

    Inzwischen hat sie ihre Meinung revidiert, zumindest teilweise sieht sie positive Aspekte.

    "”Dieser ganzheitliche Ansatz: Es geht eben nicht nur um die Goldmedaille. Das ist nicht die Erfüllung von allem. Und wenn wirklich schon vom Körperlichen her weit entwickelt bist und eben nur in der Jugend die Möglichkeit hast, sportlichen Erfolg zu haben, dann ist das deine Plattform. Während die anderen Richtung große Olympische Spiele streben, eben da ihren Vorteil sehen. Also so ist irgendwie alles abgedeckt, wenn man das positiv sieht. Aber man kann natürlich auch sagen: Ist alles blöd. Das bringt es so mit sich, dass die Medaille immer zwei Seiten hat.”"

    Seminare wird es in Singapur für alle Teilnehmer geben, auch zu ethischen Fragen. Die Jugendspiele sollen laut IOC-Präsident Jacques Rogge ein großes Erziehungs-, Kultur- und Bildungsprogramm sein. Nur: Ist ausgerechnet das IOC dafür die richtige Instanz? Werden Michael Phelps, Usain Bolt und andere, die in Singapur vorgeführt werden, etwas anderes als Botschaften von absoluter Höchstleistung überbringen? Leistung um jeden Preis?

    Und schließlich: Wollen die Teilnehmer der Jugendspiele – auch Trainer und Betreuer - überhaupt beides, oder geht es nicht doch eher um Medaillen? Zumal die Mehrheit im IOC den Präsidenten überstimmte: Es wird Medaillen geben, Hymnen, es gab schon einen Fackellauf – und sicher wird auch jemand Nationenwertungen führen.

    Erfahrene Sportler wie Kathrin Boron, die viermalige Ruder-Olympiasiegerin und heutige Trainerin, haben Bedenken, ob wirklich beides miteinander zu verbinden ist:

    ""Wenn ich jetzt ausgehe von unserem eigenen Sportler, der dabei ist, der Felix Bach im Männer-Einer. Von dem weiß ich, dass er extrem ehrgeizig ist. Und er wird den Wettkampf da sehr ernst nehmen und versuchen, zu gewinnen. Aber ich wünsche ihm auch, dass er die Zeit ringsherum nutzt.”"

    DOSB-Präsident Thomas Bach hat einerseits die Losung ausgegeben, die Nationenwertung sei uninteressant – andererseits ist DOSB-Leistungssportdirektor Ulf Tippelt Chef de Mission. Bach sagt:

    "”Beides ist gleich wichtig. Die sportliche Leistung, das ist das, was die Athleten auch bringen wollen. Aber genauso wichtig sind die inhaltlichen Fragen, sind, dass sie dort sich international verständigen, dass sie Freundschaften schließen, dass sie fremde Kulturen kennenlernen, dass sie andere Sportarten kennenlernen. Sie wollen beides. Und das ist, glaube ich, eine gesunde Mischung. Medaillenspiegel? Der interessiert uns wirklich nicht.”"

    Sie habe die Diskussion aufmerksam verfolgt, sagt Kathrin Boron, und sich an ihre eigenen Olympia-Auftritte erinnert.

    ""Vor den richtigen Olympischen Spielen heißt es immer, wir wollen dort Deutschland vertreten und die Zeit auch genießen. Aber letzten Endes gucken doch alle auf den Medaillenspiegel. Und der Athlet ist derjenige, der zwischen Baum und Borke steht. Wenn es sich dann hinstellt und sagt: Ich will doch hier nur dabei sein, ist es auch nicht die richtige Aussage. Wobei man bei den Jugendspielen das Drumherum bedenken muss. Und da wird ja auch sehr viel gemacht für die Athleten.”"

    Ob sich das umsetzen lässt, ob sich die Postulate mit der Wirklichkeit decken, wird man in Singapur beobachten müssen. Diese Jugendspiele sind in vielerlei Hinsicht ein Testlauf für die Olympischen Spiele – vor allem in den seit Jahrzehnten erbittert diskutierten Fragen des olympischen Programms, das in großen Teilen nicht mehr zeitgemäß ist. Die Jugendspiele werden die großen Spiele nachhaltig beeinflussen. Nichts anderes hatte Rogge im Sinn, als er im Frühjahr 2007 in Windeseile sein Projekt durchsetzte.