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StartseiteKultur heute"Nackt" und "schwul" auf dem Index18.07.2011

"Nackt" und "schwul" auf dem Index

Internet: Türkei veröffentlicht Liste unerwünschter Wörter

Die türkischen Behörden haben Wörterverbotslisten für Webadressen und Internetportale erlassen. Vordergründig sollen so Kinder vor pornografischen Inhalten geschützt werden. Doch Journalisten und Webdesigner vermuten statt Jugendschutz Zensur hinter den Maßnahmen.

Von Sabine Küper-Büsch

Türkei: Jugendschutz oder Internetzensur?  (AP)
Türkei: Jugendschutz oder Internetzensur? (AP)

Mit einer Liste unerwünschter Wörter beginnt die türkische Telekom-Aufsichtsbehörde ihren Feldzug gegen Unsittlichkeiten im weltweiten Netz. Internetprovidern sind ab August 138 Wörter verboten. Die türkischen Ausdrücke für nackt oder heiß etwa dürfen nicht mehr in Adressen von Webseiten auftauchen, da sie häufig von Porno-Portalen verwendet werden. Das Wort homosexuell wird sowohl in der englischen als auch in der türkischen Schreibweise zum Unwort im türkischen Internet. Welche Auswirkungen das auf die Kommunikation haben wird, können nicht einmal Profis, wie Cemil Türün, Webdesigner und Chef einer Istanbuler Multimediafirma, momentan einschätzen:

"Die Regierung hat nicht wirklich transparent gemacht, wie die Kontrollmechanismen eingesetzt werden. Auch heute gibt es im türkischen Netzt schon zu viele Sperren."

Die türkischen Aufsichtsbehörden haben in der Vergangenheit mehr als 5000 Webseiten blockieren lassen. Zweieinhalb Jahre lang wurde das Videoportal Youtube gesperrt, weil dort Schmähvideos von Staatsgründer Atatürk kursierten. Seit Oktober ist Youtube wieder zu erreichen. Im Vorfeld mussten jedoch alle Anti-Atatürk-Videos verschwinden. Wie sieht es mit Zensur auf anderen Seiten aus? Cemil Türün arbeitet an der Entwicklung einer türkischen 3D-Welt. Internetbenutzer sollen sich dort mit grafischen Figuren in einer virtuellen Welt namens Joghurtland bewegen. Sie sollen dort miteinander kommunizieren, einkaufen und Spaß haben:

"Dieser Sektor boomt gerade bei uns. Internationale Plattformen wie Second Life können viele Türken aus mangelnden Englischkenntnissen nicht nutzen. Unsere Plattform soll das ändern."

Ein Unsicherheitsfaktor bleibt jedoch der türkische Zensor im Internet. Wird es zu Störungen im System kommen, wenn verbotene Wörter auf einer Plattform benutzt werden? Hinzu kommt ab dem 22. August ein Filtersystem. Jeder Nutzer muss sich in der Türkei für ein Internetzugangspaket entscheiden. Es gibt eins für Kinder, eins für die Familie, Standardzugänge und das Internationale Internet-Paket. Gefiltert werden grundsätzlich Seiten mit pornografischen und gewaltverherrlichenden Inhalten gab die türkische Telekom-Aufsichtsbehörde bekannt. Nach welchen Gesichtspunkten aber darüber hinaus gehend gefiltert wird, weiß niemand. Das bietet Missbrauchsmöglichkeiten befürchtet Cemil Türün:

"Niemand ist dagegen, dass Kinder von Pornos ferngehalten werden. Aber wenn eine Zentralstelle alles kontrolliert, und das ist bei uns der Fall, kann sie alle möglichen Inhalte als schädlich deklarieren."

Schon heute besteht die Tendenz, unerwünschte Inhalte als gegen die guten Sitten verstoßend zu brandmarken. Nachdem Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan, Facebook und Twitter zu hässlichen Technologien erklärt hatte, publizierte die türkische Satirezeitschrift "Harakiri" in ihrer Juni-Ausgabe eine Zeichnung. Eine Erdogan-Karikatur verkündet dort als Persiflage auf jene Aussage: "Abhöranlagen, und versteckte Kameras sind schöne und nützliche Technologien". In der Zeitschrift erscheinen keine pornografischen, sondern viele gesellschafts- und regierungskritische Zeichnungen.

Das Gremium für Jugendschutz im Amt des Ministerpräsidenten befand wenig später "Harakiri" sei jugendgefährdend. Die Zeitschrift sollte nur noch in einer dunklen Plastiktüte verpackt an über 18-Jährige verkauft werden dürfen. Außerdem drohte eine Geldbuße von 70.000 Euro. Das Verlagshaus LeMan, Herausgeber vieler erfolgreicher Satirehefte, stellte die Produktion von Harakiri Anfang Juli ein. LeMan-Zeichner Mehmet Çağçağ bezeichnet das als erzwungene Selbstzensur in der Türkei:

"Journalisten müssen ständig auf der Hut sein. Sobald jemand diesen Druck auf die Zivilgesellschaft thematisiert, bekommt er Ärger mit den Behörden."

Es gibt eine sehr vielfältige, umtriebige Medienlandschaft in der Türkei. Entpuppen sich die Filter im türkischen Internet nun als Mittel der Zensur, werden bald Reaktionen folgen. Akteure der Zivilgesellschaft wie der Homosexuellenverband und unabhängige Nachrichtenportale bereiten momentan eine Verfassungsklage für den Herbst vor.

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