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StartseiteCorso„Wir sind wie Bäume, nur komplizierter“08.02.2020

Nada Surfs „Never Not Together“„Wir sind wie Bäume, nur komplizierter“

Nada Surf aus New York spielen auch auf ihrem neuen Album einen unverwechselbaren Power-Pop, der vor allem durch seinen Optimismus auffällt. Mit 50 schreibe man nicht mehr vom Suchen und Sehnen, sagt Sänger Matthew Caws. Das Mantra laute vielmehr: „Sei gut zu dir. Atme tief. Schlaf dich aus.“

Von Bernd Lechler

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Sänger Matthew Caws der US-amerikanischen Band Nada Surf bei einem Auftritt in Paris  (Imago / Unimedia Images)
Sänger Matthew Caws der US-amerikanischen Band Nada Surf (Imago / Unimedia Images)
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Diese liebliche Melodie! Diese Dur-Akkorde! Dieser Titel! "So Much Love", über das Über­maß Liebe in der Welt und in uns, auf das wir alle Zugriff haben. Das ist schon arg viel Idylle, selbst für Fans von Nada Surf. Ande­rerseits war das Tröstliche, Positive, Umarmende immer schon typisch für Matthew Caws und seine Band, genau wie die Be­geisterung für viele Schichten Gitarre. Womit sie derzeit ja komplett neben dem Trend liegen.

"Ist Ihnen das schon mal aufgefallen, bei Anzeigen für Immobilien oder Airbnb: Da ist immer ei­ne akustische Gitarre im Bild! Früher stand das für: Ju­gend! Aber heute gibt’s kaum noch Gitarren - mehr Laptops! Jetzt ist das offenbar eher ein Symbol für Stabilität: Diese Leute kümmern sich, die sind solide - sie haben ja eine Gitarre!"

Er sei glück­lich verhei­ra­tet, sagt Matthew Caws, seine Zeit der "suchenden" Liebeslie­der sei vorbei. Was macht man als Rocksongwriter? Man macht sich nütz­lich, schlägt er vor - ein ge­reifter Mann, der sich übrigens gerade viel um sein zweiein­halb­jähriges Kind kümmert.

"Als kleines Kind braucht man ein großes Ego. Denn das sagt deinen Eltern, dass du frierst oder müde bist. Später brauchen wir diesen Fürsprecher nicht mehr: ‚Danke für deine Hilfe, aber du musst jetzt nicht mehr ausflippen. Das wird schon.‘ Ich bin heute glücklicher als früher, ich habe weniger Ängste, und vielleicht will ich das ja teilen. Darum geht es auch im Song ‚Just Wait‘: ‚Die meisten dieser Wolken wer­den vorüber­ziehen. Sei gut zu dir. Atme tief. Schlaf dich aus.‘"

Mitreißende instrumentale Wucht

Aus derlei Ideen könnte betulich-harmloser Ratgeber-Rock ent­stehen, aber Nada Surf sind nicht umsonst seit 20 Jahren In­die-Lieb­linge. Sie geben den Songs eine mitreißende in­stru­mentale Wucht; denken sich Überraschungen aus wie einen Kinderchor -

- oder zwischen den wohligen Melodien einen ungereimten Mono­log über eine Welt im rasenden Wandel -

- und der Wille zum Positiven schließt einen Text über toxi­sche Männlichkeit ja nicht aus, wie im Song "Mathilda".

"Darüber müsste man mehr reden. Ich hatte als Junge eine hohe Sprechstim­me, lange Haare, wirkte feminin. Und dann wurde ich eben veräppelt. Es hat mich nicht nachhaltig beschädigt oder zu einem zornigen Menschen gemacht, aber ich hatte eben einen sanften Vater. Wäre er in seiner Männlichkeit un­sicher gewesen und hätte mich zu mehr Härte erziehen wollen - wer wäre ich dann wohl geworden?"

Musik als Atemübung

Es wäre etwas kühn zu mutmaßen, dass er deshalb zur Musik fand - aber Trost und Hilfe ist sie ihm bis heute.

"Der Zaubertrick war: Man konnte über etwas, was einen plagte, einen Song schreiben und es damit quasi woanders hin­packen. Schreiben hilft sehr. Und Singen übrigens auch. Ich war früher ein sehr nervöser Typ. Warum ging ich trotzdem so gern auf die Bühne? Heute denke ich: Weil anderthalb Stunden zu singen wie eine Atem­übung ist. Ich atme diese langen Sätze aus und dann wieder tief ein - es ist wohltuend."

Wohlfühlmusik, aber im guten Sinne: "Never Not Together" klingt vertraut, ohne zu langweilen; zu­versichtlich, ohne zu banalisie­ren; und der Albumtitel - "Niemals nicht gemeinsam" - be­schreibt zwar kaum die aktuelle Realität - als Utopie taugt er allemal.

"Das Klischee stimmt einfach. Schau dir tausend Bäume an - aus nächster Nähe sind sie alle verschieden, von weiter weg sind sie alle gleich. Und so sind wir auch. Nur halt sehr kompli­ziert. Es ist immer gut, die Ähnlich­keit zu betonen."

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