Montag, 10.05.2021
 
Seit 21:05 Uhr Musik-Panorama
StartseiteInterview"Das Wohlergehen leidet, wenn Berührung fehlt"26.12.2020

Nähe in der Corona-Pandemie"Das Wohlergehen leidet, wenn Berührung fehlt"

In der Corna-Pandemie lautet das Motto: Abstand, Hygiene und Alltagsmasken. An Berührungen unter Freunden und Familienmitgliedern ist kaum zu denken. Dabei sind sie für das Wohlergehen vieler Menschen extrem wichtig, wie die Neurowissenschafterlin Rebecca Böhme im Dlf erklärt.

Rebecca Böhme im Gespräch mit Birgid Becker

Hören Sie unsere Beiträge in der Dlf Audiothek
Eine junge Frau und ein junger Mann umarmen sich. (Unsplash / Priscilla Du Preez)
Berührungen zwischen Freunden und Verwandten sind in der Corona-Pandemie nahezu unmöglich. (Unsplash / Priscilla Du Preez)
Mehr zum Thema

Dossier Überblick zum Coronavirus

Coronavirus in Zahlen Überblick über die wichtigsten Entwicklungen

Immunität gegen SARS-CoV-2 Wie lange sind Infizierte geschützt?

PCR, Antigen, Antikörper Vor- und Nachteile der verschiedenen Coronatests

Nachweis Wie man sich freiwillig testen lassen kann

Corona und Gastronomie Warum die Ansteckungsgefahr in Restaurants schwer zu bewerten ist

Mobilität und COVID-19 Dem Virus Grenzen setzen

COVID-19 Wettlauf um den Corona-Impfstoff

Religiosität der Zukunft "Die Sehnsucht nach dem göttlichen Funken bleibt"

Leben in der Coronakrise "Menschen kommen an psychische Belastungsgrenzen"

Corona-Maßnahmen Wie sich Pandemien auf die Gesellschaft auswirken

Berührungen sind für die meisten Menschen etwas Schönes. In der Corona-Pandemie kommen die allerdings zu kurz. Hier sind Abstand, Hygiene und Alltagsmasken gefragt.

Was Berührungen für Menschen genau bedeuten, hat die Neurowissenschaftlerin Rebecca Böhme untersucht. Dabei spielten viele verschiedene Faktoren eine Rolle, sagte sie im Dlf. Von der Person, die berühre, der jeweiligen Situation bis hin zu der Umgebung, in der man berührt werde.

"Alle diese Situationen kommen zusammen" – und führen letztendlich dazu, ob ein Mensch eine Berührung als angenehm empfindet oder nicht. Böhme plädiert dafür, sich mehr zu berühren. Wichtig dabei sei jedoch zu erkennen, ob das Gegenüber die Berührung wirklich möchte. "Wenn man sich nicht sicher ist, dann lieber einmal zu viel nachfragen".

Veronika Ambach-Gattung (r) spricht mit ihrer Mutter Hannelore Scheuerle in einem Zelt vor dem Seniorenheim Maria Königin. Das Seniorenheim ermöglicht Angehörigen am Muttertag und in Zukunft auch an weiteren Terminen in einem Zelt vor der Einrichtung, geschützt durch eine Trennscheibe, mit ihren Angehörigen zu sprechen. (aufgenommen am 10.05.2020 in Mainz in Rheinland-Pfalz) (picture alliance/Thomas Frey/dpa) (picture alliance/Thomas Frey/dpa)Pflege in Zeiten der Corona-Pandemie - Die Isolation der Alten
Die Pflegeheime sind in einem Dilemma: Sie sollen die Alten schützen, die durch das Coronavirus besonders gefährdet sind. Aber mit welchen Folgen? Telefon oder Video-Konferenzen können Nähe und Berührung nicht ersetzen. 

Wichtig bei vielen seelischen Erkrankungen

Berührung spiele auch bei der Behandlung von seelischen Erkrankungen eine Rolle. Es sei aber schwierig, diesen Zusammenhang zu verallgemeinern. Es gebe auch Menschen, die gerade in diesen Situationen weniger angefasst werden möchten, so Böhme. Auch dabei sei entscheidend, wer die betroffene Person berühre.
 
Unabhängig von seelischen Erkrankungen seien Berührungen auch bei Gefühlen von Einsamkeit und Angst wichtig: "Das Wohlergehen leidet, wenn Berührung fehlt"

Der Fussballspieler Robert Lewandoski vom FC Bayern München liegt nach einem Foul von Łukasz Piszczek (Borussia Dortmund) am Boden.   (imago / firo Sportphoto / Jürgen Fromme ) (imago / firo Sportphoto / Jürgen Fromme )Empathie - Keine Grenze zwischen Ich und Du
Warum sind einige Menschen so empfänglich für den Schmerz, die Wut, die Freude ihrer Mitmenschen? Neurowissenschaftliche Studien zeigen, dass "Mitfühlen" ein komplexes Konstrukt aus kognitiven und emotionalen Prozessen ist.

Nähe zu genießen, ohne sich wirklich gut zu kennen, habe sich in Form von sogenannten Kuschelpartys als sehr spannendes Phänomen entwickelt, so Böhme. Dabei entstehe trotzdem eine Nähe, die von den Teilnehmenden als sehr angenehm empfunden werde. Das Phänomen sei auch vor einem biologischen Hintergrund gut erklärbar: Auch Affen, von denen die Menschen abstammen, lebten in Gruppen zusammen, in denen man sich viel berühre. Es entstehe ein Gefühl der Zugehörigkeit, das durch Berührung vermittelt werde.

Berührungen zwischen Mensch und Tier, zum Beispiel einem Hund, hätten vergleichbare Wirkungen wie Berührungen zwischen Menschen. Dabei werde das Hormon Oxytocin freigesetzt. Dieses Hormon werde auch ausgeschüttet, wenn ein Hundebesitzer mit seinem Hund spielt. "Das zeigt uns, dass es da durchaus Parallelen gibt.

Ältere Menschen brauchen mehr Nähe

Nachholbedarf gebe es jedoch besonders im Bereich Nähe im Alter. Dafür fehle in Pflegeeinrichtungen leider oft die Zeit. Die Hand halten oder eine Umarmung könne älteren Menschen sehr gut tun.

18.11.2020, Baden-Württemberg, Tübingen: Eine Altenpflegerin in Schutzausrüstunghält die Hand eines Bewohners. Foto: Sebastian Gollnow/dpa | Verwendung weltweit (picture alliance / dpa / Sebastian Gollnow) (picture alliance / dpa / Sebastian Gollnow)Senioren und Corona - Heime im Spagat zwischen den Grundrechten ihrer Bewohner 
Heimbewohner brauchen Gesundheitsschutz, aber auch Kontakt zu Angehörigen. Nachdem sich im ersten Lockdown viele Senioren isoliert fühlten, versuchen Einrichtungen nun den Spagat. 

Neurowissenschaftlerin Böhme glaubt nicht, dass nach der Corona-Pandemie Brührungen im Alltag komplett verschwinden – "einfach, weil es etwas Natürliches ist für uns Menschen.

"Ich denke, dass es von selber wieder zurückkommen wird." Sobald die Gefahr vor einer Ansteckung gebannt sei, zum Beispiel durch eine erfolgreiche Impfung, müsse man auch die Angst vor Berührungen wieder überwinden.

Coronavirus (imago / Rob Engelaar / Hollandse Hoogte)Übersicht zum Thema Coronavirus (imago / Rob Engelaar / Hollandse Hoogte)
 

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk