Dienstag, 10.12.2019
 
Seit 05:05 Uhr Informationen am Morgen
StartseiteInterview"Kinder leiden am meisten"11.07.2014

Nahost-Konflikt"Kinder leiden am meisten"

Der Gazastreifen würde derzeit im Minutentakt von Israel angegriffen, kein Mensch wage sich mehr auf die Straße, berichtet der palästinensische Arzt Ahmet Younis. Am meisten litten die Kinder. Zudem sei die medizinische Versorgung nicht optimal, sagte Younis im DLF.

Ahmet Younis im Gespräch mit Sandra Schulz

Palästinenser fahren mit einem Motorrad entlang einer ausgestorbenen Straße im Gaza-Streifen. (AFP / THOMAS COEX)
Gewalt und ständige Bedrohnung bestimmen den Alltag im Gaza-Streifen. (AFP / THOMAS COEX)
Weiterführende Information

Ban warnt vor neuem Krieg (Deutschlandfunk, Aktuell, 10.07.2014)

"Massenmord an unserem Volk in Gaza" (Deutschlandfunk, Interview mit Khouloud Daibes, Leiterin der palästinensischen Mission in Berlin, 10.07.2014)

"Eine Besetzung wäre ein fataler Fehler" (Deutschlandfunk, Interview mit Shimon Stein, ehemaliger israelischer Botschafter in Berlin, 09.07.2014)

Die Zahl der Verwundeten sei "unheimlich groß, grenzt fast an die tausend", sagte Younis. Es gebe auch Schwerverletzte. Gleichzeitig seien die Apotheken geschlossen und es komme kein Nachschub an Medikamenten. Der Gazastreifen habe immer unter Blockade gestanden und die Versorgung sei mangelhaft gewesen. Die israelischen Luftangriffe und ihre Folgen seien jetzt eine zusätzliche Belastung für den Gesundheitssektor. "Es ist sehr schwer, das alles zu schaffen", so Younis.

Der israelische Militärsprecher Arye Sharuz Shalicar gab im Deutschlandfunk der Hamas die alleinige Schuld an dem erneuten Konflikt. 


Das Interview mit Ahmet Younis in voller Länge:

Sandra Schulz: Seit der Nacht zu Dienstag läuft der israelische Militäreinsatz gegen die Raketenangriffe aus dem palästinensischen Gazastreifen. Mehr als 80 Palästinenser sind dabei bisher ums Leben gekommen und derzeit zeichnet sich eine aussichtsreiche Vermittlung auch nicht ab bezüglich einer Waffenruhe, auch wenn jetzt das Angebot von US-Präsident Barack Obama im Raum steht.

Aber noch gestern wurde der israelische Regierungschef Netanjahu mit den Worten zitiert, derzeit spreche er mit niemandem über eine Waffenruhe, das stehe nicht auf der Tagesordnung.

Wir wollen jetzt über den Alltag sprechen, über das Leben in ständiger Bedrohung und mit Angriffen im Gazastreifen, über die Situation im Gazastreifen. Dort haben wir den Arzt Ahmet Younis erreicht. Guten Morgen.

Ahmet Younis: Guten Morgen, Frau Schulz.

Schulz: Herr Younis, wie erleben Sie die Situation in diesen Tagen?

"Die Leute sperren sich zuhause ein"

Younis: Die Tage sind absolut spannend, stressig, mit Angst vermischt, denn im Rhythmus von drei bis vier bis fünf Minuten, manchmal einer Minute wird angegriffen, entweder von Düsenflugzeugen oder Hubschraubern oder Drohnen, aber auch vom Meer aus. Die Leute sperren sich zuhause ein, es wagt sich kein Mensch, auf die Straße zu gehen, denn sie haben einfach Angst. Wenn ihre Nachbarn betroffen werden, kriegen sie auch Kollateralschäden, zumindest auch psychisch.

Die meisten, die darunter leiden, sind Kinder. Ich habe mich mit Bekannten und Freunden unterhalten, wie gehen sie mit ihren Kindern um. Sie sagten, die Kinder klammern sich an die Eltern und haben Angst und schreien in der Nacht, und die Kinder fangen an, auch die etwas größeren, das Bett nass zu machen, in der Nacht zu urinieren aus psychischen Störungen.

Schulz: Was ist Ihre größte Angst?

Younis: Die größte Angst, meine größte Angst, dass ich von einer Granate getroffen werde, denn das ist mir auch passiert vor fünf Jahren.

Schulz: Können Sie uns darüber erzählen?

Younis: Mein Haus liegt direkt am Strand. Es wurde von einem Marineschiff angegriffen. Gott sei Dank blieb es damals bei Sachschaden. Wir hatten uns in einen Schutzraum so ein bisschen abgeseilt, so dass uns nichts passiert ist. Das war aber reines Glück.

"Zahl der Verwundeten ist unheimlich groß"

Schulz: Sie sind Arzt. Was können Sie uns über die medizinische Versorgung sagen?

Younis: Die medizinische Versorgung ist nicht optimal und die Zahl der Verwundeten ist unheimlich groß, grenzt fast an die tausend. Wir haben Schwerverletzte. Die Apotheken sind geschlossen, es gibt auch keinen Nachschub. Gaza war immer unter der Blockade, die Versorgung war mangelhaft, und jetzt kommt diese große Belastung auf das Gesundheitspersonal. Es ist sehr schwer, das alles zu schaffen.

Schulz: Sie haben jetzt in erster Linie über das israelische Bombardement, über die Luftangriffe gesprochen. Aber gibt es auch eine Wut auf die Hamas?

Younis: Von wem?

Schulz: Von Ihnen, von Ihren Nachbarn, bei den Menschen, mit denen Sie sprechen.

"Hamas-Leute suchen Schutz und die Zivilbevölkerung muss bezahlen"

Younis: Manche Leute sind unzufrieden. Die Hamas hat uns mit ungleichmäßigen Kräften, nicht gleichgestellten Kräften zu einem Krieg mit Israel hineingeschleudert und deshalb müssen die Leute bezahlen. Die Hamas-Leute haben sich irgendwo in Schutz genommen, unter der Erde oder irgendwo, aber diejenigen, die bezahlen müssen, sind die Zivilbevölkerung.

Schulz: Vielen Dank bis hierhin. – Eindrücke waren das aus dem Gazastreifen von Ahmet Younis. Er ist Arzt dort.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk