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StartseiteKommentare und Themen der WocheWir brauchen Differenzierung, Kontext und Empathie17.05.2021

NahostkonfliktWir brauchen Differenzierung, Kontext und Empathie

Die Gewalt im Nahen Osten geht ohne Unterbrechung weiter. In einem Konflikt, der seit über 100 Jahren währt, gebe es keine einfachen Wahrheiten, kommentiert Benjamin Hammer. Wenn Außenstehende in diesen Tagen also irgendetwas tun könnten, dann sei es, genau das zu akzeptieren.

Ein Kommentar von Benjamin Hammer

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May 17, 2021, Gaza city, Gaza Strip, Palestinian Territory: Smoke billows from a fire following an Israeli airstrike in Gaza City on May 17, 2021. Israel carried out early on Monday new heavy airstrikes in the Gaza Strip. At least 200 people in the besieged Palestinian enclave were killed, including 59 children and 35 women Gaza city Palestinian Territory - ZUMAap3_ 20210517_zaf_ap3_235 Copyright: xBasharxTalebx (IMAGO / ZUMA Wire)
Der Konflikt zwischen Israelis und Palästinensern polarisiere wie kein anderer, kommentiert Benjamin Hammer. Wenn es zu einer kriegerischen Auseinandersetzung kommt, verstärke sich das noch. (IMAGO / ZUMA Wire)
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Gar nicht so einfach, so ein Kommentar in dieser angespannten Zeit. Finde ich die richtigen Worte? Darf ich das sagen? Kann das missverstanden werden? Fragen, die auch mich als Nahost-Korrespondenten umtreiben.

Der Konflikt zwischen Israelis und Palästinensern polarisiert wie kein anderer. Wenn es, wie jetzt, zu einer kriegerischen Auseinandersetzung kommt, verstärkt sich das noch. In dieser Lage haben es gerade jene, die differenziert auf die Ereignisse schauen wollen, nicht leicht.

Pro-israelische Medien – auch in Deutschland - schreiben ganze Artikel, welche Journalistinnen und Journalisten aus ihrer Sicht falsch berichten. Ein Pro-palästinensischer Aktivist schrieb kürzlich, man beobachte genau, welche Reporterinnen und Reporter sich nun nicht auf die richtige Seite stellten. Man führe Listen.

Eine Rakete schlägt während eines Luftangriffs in ein Hochhaus in Gaza ein. (dpa/AP/Mahmud Hams) (dpa/AP/Mahmud Hams)Berichterstattung aus Gaza - "Schwieriger wird es auf jeden Fall"
Im Konflikt zwischen Israel und der radikalislamischen Hamas geraten auch Journalisten zunehmend in die Schusslinie. In Gaza-Stadt wurde ein Hochhaus zerstört, in dem internationale Medien ihre Büros hatten. Damit könnte es noch schwieriger werden, an unabhängige und verlässliche Informationen zu kommen.

Keine einfachen Wahrheiten

In einem Konflikt, der seit über 100 Jahren währt, gibt es aber keine einfachen Wahrheiten. Und wenn es eine Sache gibt, die wir Außenstehenden in diesen Tagen tun können, dann ist es: keine einfachen Wahrheiten zu akzeptieren.

Wir brauchen Differenzierung. Die Hamas hat die jüngste Eskalation zwischen Israel und Gaza ausgelöst, in dem sie – nach Zusammenstößen auf dem Tempelberg – Raketen auf den Großraum Jerusalem geschossen hat. Sie positioniert ihre Kämpfer und Waffen in der Nähe der Zivilbevölkerung, um Israel Angriffe zu erschweren. Sie hat tausende Raketen auf die israelische Zivilbevölkerung abgefeuert und Zivilisten getötet.

Israel beteuert, zivile Opfer vermeiden zu wollen. All das entlässt Israel jedoch nicht aus einer Mitverantwortung, wenn Dutzende Kinder durch israelische Luftangriffe sterben. Eine dichte Besiedlung und die Taktik einer Terror-Organisation entbinden Israel nicht von dieser Verantwortung. Die deutsche Politik sollte das ansprechen.

"Keine Seite trägt die alleinige Verantwortung"

Wir brauchen Kontextualisierung. Das Westjordanland und Ost-Jerusalem sind seit 1967 besetzt. Der Gazastreifen ist durch Israel und Ägypten seit etwa 15 Jahren weitgehend abgeriegelt. In Ost-Jerusalem kommt es seit Wochen zu schweren Zusammenstößen zwischen Palästinensern und israelischen Sicherheitskräften. Nichts rechtfertigt Gewalt militanter palästinensischer Organisationen. Keine Seite trägt die alleinige Verantwortung für den ungelösten Konflikt. Die jahrzehntelange Besatzung und Entrechtung von Palästinensern gehört aber zum Kontext, der in diesen Tagen mitgedacht werden muss.

Palästinenser beten in Sheik Jarrah, rechts sind Teile von Häusern der israelischen Siedlern zu sehen. (Deutschlandradio/Benjamin Hammer) (Deutschlandradio/Benjamin Hammer)Eskalation in Jerusalem - Die Hintergründe der Gewalt
Israel und der Gazastreifen sind Schauplatz der schwersten Zusammenstöße seit Jahren. Akute Auslöser sind angedrohte Zwangsräumungen palästinensischer Familien oder auch jüdische Feierlichkeiten am Tempelberg. Aber auch Jahrzehnte zurückliegende Ereignisse spielen eine zentrale Rolle.

Und schließlich brauchen wir Empathie: Kinder sterben. Auf beiden Seiten. Doch wenn ein israelischer Junge durch eine Rakete militanter Palästinenser getötet wird, taucht das im Twitter-Feed pro-palästinensischer Nutzer gar nicht auf. Die zahlreichen getöteten palästinensischen Kinder wiederum werden auf der pro-Israel-Seite teilweise kühl als unvermeidbarer Kollateralschaden hingenommen.

Wir Außenstehenden, die wir nicht Teil des Konfliktes sind, können in der aktuellen Lage nicht viel tun. Die Menschen in der Region brauchen jetzt auch nicht ungebetene Ratschläge auf Twitter und Facebook, wie man den jahrzehntealten Konflikt angeblich lösen kann.

Was wir leisten können: Differenzierung, Kontextualisierung und Empathie. Über die aktuelle Gewaltrunde hinaus. Die hoffentlich bald endet.

Benjamin Hammer, ARD-Korrespondent in Tel Aviv (BR)Benjamin Hammer, ARD-Korrespondent in Tel Aviv (BR) Benjamin Hammer wurde 1983 in Köln geboren. Er studierte Volkswirtschaftslehre und Politikwissenschaft in Köln und Dublin. Während des Studiums plante und begleitete er Studienreisen nach Israel und in die palästinensischen Gebiete. Benjamin Hammer ist Absolvent der Kölner Journalistenschule für Politik und Wirtschaft. Anschließend volontierte er bei der Deutschen Welle. Von 2011 bis 2017 war Benjamin Hammer Redakteur in der Wirtschaftsredaktion des Deutschlandfunks. Im Sommer 2015 arbeitete er für das Hauptstadtstudio von Deutschlandradio. Ein Jahr später folgten Vertretungen im ARD-Hörfunkstudio Tel Aviv. Dort arbeitet Benjamin Hammer seit dem Sommer 2017 als Korrespondent. 

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