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StartseiteTag für TagVorgeschmack aufs Jenseits?22.07.2021

NahtoderfahrungenVorgeschmack aufs Jenseits?

Nahtoderlebnisse sind tiefgreifende Erfahrungen von Menschen, die sich in einer lebensbedrohlichen Situation befanden. Studien zufolge hatten vier Prozent der Menschen bereits Erlebnisse dieser Art. Aber was sind Nahtoderfahrungen - und vor allem: Wie lassen sie sich erklären?

Von Michael Hollenbach

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Futuristischer Tunnel - am Ende scheint Licht durch eine Öffnung. Es ist eine Computergrafik.  (Imago / Science Photo Library)
Menschen mit einer Nahtoderfahrung berichten oft von einem Tunnel und einem hellen Licht (Imago / Science Photo Library)
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Jana Hermann erzählt von ihrer Fehlgeburt. Ihr Kind sei damals viel zu früh zur Welt gekommen, es konnte nicht überleben. Sie habe bei dieser Fehlgeburt im Kreißsaal sehr viel Blut verloren und sei in einer lebensbedrohlichen Situation gewesen:

"Aus einer Höhe von ungefähr sechs Metern habe ich diese Frau, die da lag, beobachtet. Die Krankenschwester hat ihre rechte Hand gestreichelt, der Arzt hat alles versucht, diese Frau zu retten. Für mich war das total unwichtig, die ganze Szene. Neben der Frau stand ein Tisch, und da lag der Fötus, und von diesem Tisch hat sich eine kleine Wolke gelöst, und schwebend ist diese Wolke nach oben geschwebt, und ich habe diese Wolke verfolgt, rechts nach oben, und dann sind dort zwei Wände gewesen, durch die sind wir durchgeschlüpft, und ab diesem Moment war ich im Himmel."

Auch der Architekt Wolfgang Hermann Moissl hat eine ähnliche Erfahrung gemacht, als er einen Kreislaufkollaps hatte:

"Und zwar schwebend über meinem Körper, über der ganzen Szenerie habe ich meinen eigenen Körper da unten im Esszimmer am Boden liegen sehen. Das war erst einmal eine sehr befremdliche Situation für mich." 

Den eigenen Körper von oben beobachten

Die außerkörperliche Erfahrung, seinen eigenen Körper von oben beobachten zu können – davon berichten viele Menschen mit einer Nahtoderfahrung. Ein Phänomen, das der Neuropsychologe und Theologe Christian Hoppe als eine bestimmte Reizung des Gehirns einordnet:

"Die Grundthese ist, dass alle psychischen Phänomene, Fähigkeiten abhängig sind von Hirnfunktionen."

  (imago stock&people / agsandrew) (imago stock&people / agsandrew)Religion und Hirnforschung 
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Christian Hoppe akzeptiert die Erfahrungen derjenigen, die so gut wie tot waren. Ihre Berichte sind ihm wichtig. Und doch verweist er auf Untersuchungen bei Epilepsiepatienten in Bern: 

"Da sind außerkörperliche Erlebnisse aufgetreten beim Stimulieren einer ganz bestimmten Hirnregion, und zwar liegt die im rechten Gehirn, und wenn Sie diesen Bereich reizen, erleben die Personen, dass sie außerhalb von sich selbst sind, nur noch einen Teil von ihrem Körper wahrnehmen: praktisch an, aus, an aus, mit der Stimulation."

"Keinen Anker mehr im Körper"

Dieser Punkt in der rechten Gehirnhälfte sei eine Integrationsstelle - verantwortlich für Körperwahrnehmung, für die visuelle Wahrnehmung sowie das Gleichgewicht. Was passiert nun, wenn diese Funktionen außer Kraft gesetzt werden?

"Das visuelle System hat durch die Desintegration dieser Hirnregion keinen Anker mehr im Körpererleben. Das Körpererleben ist nicht mehr verfügbar. Was macht das visuelle System? Es kann das nicht mehr im Körper verankern, weil der nicht mehr existiert im Körpererleben. Also sucht es eine übergeordnete abstrakte Position eines außenstehenden Beobachters. Ich habe keinerlei Schmerzen, ich habe kein Schwerkraftgefühl, ich bin völlig frei von einem belastenden Gefühl, ist bin völlig leicht, sodass dieses Floating-Gefühl entsteht. Als würde man schweben."

Darstellung von mehreren übereinanderliegenden Gehirnwellen im Elektroenzephalogramm (EEG), vor einem bunten Hintergrund. (imago images / agefotostock)Wo ist hier die Seele? Gehirnwellen im Elektroenzephalogramm (EEG) bei Epilepsie. (imago images / agefotostock)

Und der Bonner Wissenschaftler weist darauf hin, dass von dieser außerkörperlichen Erfahrung, von diesem Floating-Gefühl auch einige Meditationsmeister zu berichten wissen.

"Wenn Sie den Körper völlig immobilisieren, es gibt keine Bewegung mehr im Körper, und gleichzeitig vermeiden Sie es, einzuschlafen, Sie bleiben hellwach. Das scheint die Wahrscheinlichkeit für außerkörperliche Erlebnisse zu erhöhen. Sie lassen den Körper komplett einschlafen, dann haben Sie genau das Problem, dass das visuelle System nicht mehr weiß, wo es das hintun soll, was es da gerade sieht. Und dann geht das los. In der Esoterik hat man das Astralreisen genannt."

Hören trotz Narkose

Christian Hoppe spricht von Hypothesen zur Erklärung bestimmter Phänomene wie der Nahtoderfahrung. Dass Menschen, die sich in Narkose befinden, später berichten, sie hätten gesehen, wie die Chirurgen und Intensivpflegerinnen am OP-Tisch gestanden hätten, erklärt sich der Neuropsychologe so: Trotz Narkose würden einige wenige Patienten noch Geräusche wahrnehmen. 

"Was man sich immer vorstellen kann, wenn ich jetzt so was mache (Klopfen), dann haben Sie ein Bild davon, was das sein könnte, obwohl Sie das gar nicht gesehen haben. Da kann man sich so Ergänzungsmechanismen des visuellen Systems vorstellen."

Das heißt: Das Gehirn macht sich – auch unbewusst - seine Bilder von dem, was es hört.

"Lebensrückblick und Lichtwesen"

Zu einer Nahtoderfahrung gehört aber noch mehr. Vor allem Licht, so wie es Wolfgang Hermann Moissl nach dem Kreislaufkollaps und Jana Hermann nach ihrer Fehlgeburt erlebt haben.

Eine Patientin unter Narkose (picture alliance / dpa - Uwe Anspach)Eine Patientin unter Narkose - manche Menschen können trotzdem Geräusche wahrnehmen (picture alliance / dpa - Uwe Anspach)

Moissl: "Lebensrückblick und dann Begegnungen mit dem Lichtwesen, und die Einladung, dann ins Jenseits zu folgen. Und der entscheidende Satz dieses Lichtwesen war: Wenn du es willst, hast du es jetzt überstanden."

Hermann: "Es war so ein riesiger Raum mit goldenem Gras, es war Licht ohne Schatten. Dieses Licht kam von innen, von außen, von überall. Und vor mir auf dem Weg mit dem goldenen Sand ist ein circa dreijähriges Mädchen nach vorne gehüpft, und ich wusste, das ist meine Tochter, die das alles nicht überlebt hatte. Und wir sind zu einem Zaun gekommen, mit einem Steg, und das Mädchen ist auf den Steg gestiegen, und dort stand meine zehn Jahre zuvor gestorbene Oma und hat das Kind begrüßt. Und dann sind die zwei gegangen, und ab dem Moment war ich wieder zurück. Das war das Letzte, an was ich mich von meiner Nahtoderfahrung erinnere."

"Wie eine Neugeburt"

Menschen mit einer Nahtoderfahrung berichten oft von einem Tunnel und einem hellen Licht, das viele auch religiös deuten. Christian Hoppe, obwohl auch katholischer Theologe, interpretiert es eher als Reaktion des Gehirns. Für Wolfgang Hermann Moissl ist die Antwort klar:

"Ich war auf dem Weg in eine andere Dimension und zwar fast so was Ähnliches wie eine Neugeburt, in eine andere Sphäre hinein, und die entscheidende Erkenntnis, die ich mitgebracht habe, war, dass diese jenseitige Dimension eine nicht-materielle Dimension darstellt. Das war das Faszinierendste an der Geschichte, körperlos zu sein und frei von materiellen Dingen."

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Auch Jana Hermann hatte das Gefühl, in einer jenseitigen Welt zu sein. Wie lange dieser Zustand anhielt, weiß sie nicht:

"Es war unwichtig, weil da oben, oder jenseits oder wie wir das nennen wollen, da ist keine Zeit. Es hat mich auch keine Zeit interessiert. Da war nur dieser Moment - und gleichzeitig die Ewigkeit." 

"Ich habe dort keinen Gott gesehen"

Jana Hermann, die in einer atheistischen Familie in der damaligen Tschechoslowakei aufwuchs, will ihre Erlebnisse nicht religiös überhöhen:

"Ich habe dort keinen Gott, keinen Jesus oder etwas Religiöses gesehen, aber da war etwas. Man kann das Bewusstsein nennen oder Gott. Es war dieses tiefe Vertrauen, dass alles in Ordnung ist, dass wir wirklich beschützt sind, wir getragen sind."

Wolfgang Hermann Moissl geht noch einen Schritt weiter:

"Es ist für mich ein Beweis dafür, dass es eine jenseitige Dimension gibt. Es ist für mich auch in gewisser Weise ein Gottesbeweis, wobei ich klar sagen muss, dass ich die Vorstellung von Gott, die so landläufig existiert, so nicht vorgefunden habe. Sondern ich habe diese göttliche Instanz als unglaubliche Macht von Liebe empfunden und erfahren."

"Das Bewusstsein ist immer da"

Pim van Lommel ist ein niederländischer Kardiologe. Er beschäftigt sich seit rund 30 Jahren mit Nahtoderfahrungen. Vor kurzem ist eine Neuauflage seine Buches "Endloses Bewusstsein" erschienen. Van Lommel steht den Berichten über Nahtoderfahrungen sehr aufgeschlossen gegenüber, sieht darin aber keinen Hinweis auf ein Leben nach dem Tod:

"Ich sage nie: Leben nach dem Tod, weil das Leben ist ein logisches Prinzip - das Leben in dem Körper. Aber für mich ist das eine Kontinuität des Bewusstseins, wenn der Körper stirbt. Der Tod ist das Ende des physischen Aspektes, aber die Kontinuität des Bewusstseins ist ohne Ende, es ist immer da."

Illustration eines Gehirns auf einem Computerchip vor bläulichem Hintergrund. (imago / fStop Images / Malte Müller)"Das Bewusstsein kann man nicht beweisen", meint der Kardiologe Pim van Lommel (imago / fStop Images / Malte Müller)

Der Kardiologe misstraut beispielsweise den Neurologen, die jede psychische Funktion aus dem Hirn ableiten. Da bleibe kein Platz für einen Begriff wie die Seele:

"Das Problem mit den heutigen materialistischen Wissenschaften ist, dass nur real ist, was man messen kann, was man reproduzieren kann. Aber Bewusstsein, die inneren Gefühle und Gedanken, die kann man nicht beweisen." 

"Vorgeschmack einer jenseitigen Welt"

Der Bonner Neuropsychologe Christian Hoppe wirft Pim van Lommel dagegen vor, die moderne Hirnforschung nicht zur Kenntnis zu nehmen:

"Bisher können wir die These aufrecht erhalten: Psyche hängt von der Hirnfunktion ab."

Nahtoderfahrungen: Sind sie ein Hinweis, ein Beleg für das Weiterleben der Seele? Für ein endloses Bewusstsein? Oder sind sie nur ein Reflex auf bestimmte Hirnfunktonen?

Joachim Nicolai ist Theologe und Psychologe. Er begleitet seit Jahren einen Kreis von Menschen mit Nahtoderfahrungen und ist fasziniert von deren Erzählungen. Für ihn sind diese Berichte allerdings kein Beweis für ein Leben nach dem Tod:

"Von Beweisen würde ich nicht sprechen, sondern mir ist es wichtig zu sagen: Die Deutung ist offen. Nahtoderfahrungen sind Grenzerfahrungen, Nahtoderfahrungen gewähren einen Blick über den Zaun, sie geben einen Vorgeschmack einer jenseitigen Welt."

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