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StartseiteKultur heuteDie potente Frau14.06.2019

Nancy Spero im FolkwangDie potente Frau

Erst als die amerikanische Malerin Nancy Spero ihre eigene Galeristin wird, nimmt auch eine größere Öffentlichkeit sie wahr - und sie wird zum Beispiel documenta-Teilnehmerin. Das Folkwang Museum in Essen widmet der 2009 gestorbenen Malerin von Figuren nun die erste große Retrospektive in Deutschland.

Von Anja Reinhardt

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Nancy Spero in ihrem Studio in New York im Jahr 1973. (Museum Folkwang)
Nancy Spero 1973 in ihrem Studio in New York (Museum Folkwang)
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Viele Figuren in den Bildern von Nancy Spero sind winzig klein, kaum daumengroß. Wer sie erkennen will, muss sehr nah an das Bild herangehen, um die tanzenden, stehenden, sich drehenden Körper zu betrachten. Oft sind es dunkle Tusche- oder Gouache-Zeichnungen auf langen Papierbahnen, die sich an der bemalten Stelle vom Wasser aufgewellt haben. Zwischen den Figuren aus Speros Bildern und dem Betrachter entwickelt sich eine eigentümliche Beziehung, nah und distanziert, fremd und vertraut.

Männer bringen Tod

"Nancy Spero hat sich schon als Außenseiterin gesehen, viele Jahre lang, und hat dadurch auch sehr analytisch ein bisschen auch von außen auf die Kunstwelt geschaut." Kurator Tobias Burg verweist auf Speros eigenen Blick auf die Welt. Während nach dem Zweiten Weltkrieg die Abstraktion die Kunstwelt dominiert, malt und zeichnet sie figürlich - und findet keinen Platz. Weder in New York, noch in Paris, wo sie einige Jahre mit ihrem Mann, dem Maler Leon Golub, und den Kindern lebt. Eine Außenseiterin, sowohl stilistisch als auch thematisch. Sie engagiert sich gegen den Vietnam Krieg und thematisiert das Sterben und die Bomben in einer ganzen Bilderserie, den War Series. Wässrig hingestrichene Hubschrauber über toten Körpern am Boden, männliche Monster, deren Penisse wie Hubschrauberflügel rotieren, phallische Explosionspilze, Hakenkreuze über Weißkopfseeadlern - die Männer bringen den Tod. Einige wenige Bilder zeigen Frauengestalten, daneben die Worte "Peace" und "Love".

"Sie hört 1974 auf, Männer darzustellen, die Darstellungen von Menschen sind immer Darstellungen von Frauen, das soll nicht heißen, dass sie nur Frauen meint, sondern Frauen stehen dann für die Menschheit insgesamt."

Die Lust ist bei Spero weiblich

Es ist dieser Bruch, der das Werk von Nancy Spero interessant macht. In diese Zeit fällt ihre Beschäftigung mit dem französischen Maler, Schriftsteller und Multitalent Antonin Artaud, dem Erfinder des "Theaters der Grausamkeiten" - ebenfalls ein Außenseiter. Aber es gibt auch einen Neubeginn: Sie wird Mitbegründerin der A.I.R. Gallery, die ausschließlich Frauen ausstellt. Ihre Kunst arbeitet sich nun nicht mehr am Mann aus der Perspektive der Frau ab. Spero denkt darüber nach, was Emanzipation eigentlich bedeutet. Sie sucht eine unabhängige Position.

"Das realisiert sie dann, indem sie ganz verschiedenen Motive verwendet, wo sie gerne auch auf überkommene Bilddarstellungen zurückgreift, aus ganz verschiedenen Kulturen, aus ganz verschiedenen Epochen. Also es gibt Motive, die kommen aus der griechischen Kunst, es gibt Motive, die kommen aus der Kunst der Aborigines, es gibt Werke, die kommen aus der altmexikanischen Skulptur."

Nancy Spero schafft ein ganzes Universum an Frauen: Tanzende, lustvolle Wesen, prall und verführerisch, wie in den "Black and Red"-Bildern, in denen die Frauen mit Dildos tanzen. Die dunklen Seiten interessieren sie allerdings immer noch.

Von der Gewalt zum Widerstand

1991 entsteht das Bild "Ballade von der Judenhure Marie Sanders" nach dem von Hanns Eisler vertonten Brecht-Gedicht, das die Auswirkungen der Nürnberger Gesetze durch die Nationalsozialisten thematisiert. Gewalt an Frauen wird ihr Thema: "Torture of Women". Auf meterlange Papierbahnen klebt sie kleine Ausschnitte aus Folterberichten, die sich auf der weißen Fläche fast verlieren:

"Sema Ogurs Martyrium beinhaltete, an Deckenrohre gefesselt zu werden, so dass sie in einer Kreuzigungspose hing. 'Es war, als ob meine Arme sich ablösen würden', sagte sie Vertretern von Amnesty International. 'Der Schmerz wurde so schlimm, dass meine Schreie die Stimmen der Folterer erstickten'."

Der russisch-jüdischen Widerstandskämpferin Masha Bruskina, von der Wehrmacht hingerichtet, widmet Spero mehrere Bilder. Der männlichen Gewalt setzt sie weiblichen Widerstand entgegen. Sie entwirft eine Geschichte der Frau.

Es gibt bisweilen eine Tendenz zum Kitsch oder zur Phrasenhaftigkeit in Nancys Speros Werk, wenn auf den Folterbildern "Fascist Pig" steht oder ein Peace-Schriftzug über einem Vietnam-Helikopter prangt. Das schmälert ihre Kunst kaum, denn mit ihr befreit sie die Frau aus der Opferposition - sie öffnet ihr die postmortale Erinnerungstür. Der dominierende weiße Raum auf vielen ihrer Werke kann vielleicht auch als ein Raum der Möglichkeiten der Selbstbestimmung gesehen werden.

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