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StartseiteKulturfragen"Ein Prozess, den die Museen als offene Häuser begleiten können"05.07.2020

Nanette Snoep über Dekolonisierung der Museen"Ein Prozess, den die Museen als offene Häuser begleiten können"

An vielleicht keinem anderen Ort ist die Kolonialzeit noch so präsent wie in den ethnologischen Museen. Ihre Sammlungen entstanden mit klaren politischen Zielen, sagt Nanette Snoep, Direktorin des Rautenstrauch-Joest-Museums in Köln. Inzwischen werde nach neuen Konzepten gesucht.

Nanette Snoep im Gespräch mit Stefan Koldehoff

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Nanette Snoep, Direktorin des Rautenstrauch-Joest-Museums (Foto: Vera Marusic)
"Kolonisieren ist systematische Unterdrückung": Nanette Snoep, Direktorin des Rautenstrauch-Joest-Museums in Köln (Foto: Vera Marusic)
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Übersicht: Postkoloniale Denkerinnen im Gespräch

27.06. Westliche "Ignoranz gegenüber der eigenen Ignoranz"
05.07. "Völkerkundliche Museen und rassistische Gedanken"
19.07. Die Geschichte der Philosophie muss neu gedacht werden

26.07. Was hat die Kolonialideologie bedeutet?
02.08. Sind Objekte aus kolonialen Kontexten Raubgut? 
22.08. 
"In rassistischen Wörtern steckt sehr viel Gewalt"

Die so genannten "Völkerkundemuseen" seien in Deutschland und vielen anderen europäischen Staaten vor allem aus politischen und wirtschaftlichen Motiven gegründet worden, sagte Snoep im Deutschlandfunk. Es sei im letzten Viertel des 19. Jahrhunderts darum gegangen, um für die Bevölkerung in Europa die Expansion nach Europa zu legitimieren. Kulturelle Ziele hätten nicht im Vordergrund gestanden. Ohne die imperialistische Weltordnung, ohne die Bestrebung, andere Länder zu unterwerfen, hätte es diese Museen nicht gegeben.

Und es sei darum gegangen, Kenntnisse über die Völker und Kulturen Afrikas zu gewinnen – auch dies aber zielgerichtet:

"Wie funktionieren die Menschen da? Wie kann man sie am besten kolonisieren und ausbeuten? Die neue Disziplin ‚Völkerkunde‘ begründete auch den Bedarf, materielle Zeugnisse mit nach Europa zu nehmen. Um dieser Sammlungen Herr zu werden, wurden dann die Museen gegründet."

Einseitige Darstellung

Wiedergegeben sei noch bis vor nicht allzu langer Zeit aber allein die europäische Sicht auf diese Völker und Kulturen worden, so die niederländische Anthropologin. Sie wurden in der Regel als wild, primitiv, kriegerisch und exotisch dargestellt. Damit sei indirekt der angebliche Grund dafür benannt worden, die entsprechenden Länder zu kolonisieren:

"Es ging darum, die Menschen hier davon zu überzeugen. Die Museen sollten die angebliche Minderwertigkeit von Menschen rechtfertigen. Kolonisieren ist systematische Unterdrückung."

Weiß gekleidete Kolonialbeamte im damaligen Deutsch-Ostafrika sitzen um einen Tisch herum. Das Foto enstand im Jahr 1893. (Saalam 1893, Sammlung F. Stuhlmann_copyright MARKK)Kolonialbeamte im damaligen Deutsch-Ostafrika. (Saalam 1893, Sammlung F. Stuhlmann_copyright MARKK)Weltbilder in der Wissenschaft - Museum reflektiert eigene koloniale Geschichte
Seit einiger Zeit wird das Wirken und die Exponate von Völkerkundemuseen hinterfragt. Dies gilt auch für den Vorläufer der Hamburger Uni, das Kolonialinstitut, 1908 gegründet, um die Welt zu erkunden und auszubeuten. Aktuelle Forschungen werfen einen neuen Blick auf die eigene koloniale Vergangenheit.

Restitution nur eine Option

Inzwischen habe ein Umdenken eingesetzt, das sich nicht nur in der Umbenennung vieler Häuser zum Beispiel in "Weltmuseen" zeige. Und es gibt eine Debatte darüber, welche in der Kolonialzeit geraubten Kulturgüter in ihre Herkunftsländer zurückgegeben werden sollten. Nanette Snoep sieht in dieser Frage eine Vielzahl von Möglichkeiten:

"Nur materielle Restitution ist für mich eigentlich zu einfach. Ich finde die Haltung von holländischen Museen sehr pragmatisch und humanistisch. Sie sagen: Wenn es einen Bedarf gibt und ein Objekt wirklich fehlt in dem Land, aus dem das Objekt kommt, sollte das Museum das Objekt restituieren.

Manchmal können die Objekte in deutschen Museen aber auch eine Art Botschafterinnen sein – denn sie erzählen etwas. Auch hier gibt es Diaspora-Gemeinschaften, die sich vielleicht auch sehr gern in den ethnologischen Museen zu Hause fühlen und ihre Rituale weiter erleben können. Objekte könnten zirkulieren. Wir können gemeinsame Projekte mit den Herkunftsländern veranstalten. Wir sollten das viel fluider betrachten. Wir haben ja nicht nur sakrale Objekte."

"Spannende Zeit"

Solche Überlegungen stünden aber noch am Anfang - nicht nur in Deutschland:

"Es kommt eine sehr spannende Zeit. Dekolonisieren ist ein Prozess, den die Museen als offene Häuser begleiten können: wo Gespräche stattfinden, wo sich Communities zurückfinden können. Wir müssen uns neu denken."

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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