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StartseiteKalenderblattNapoleons Rache für das freie Wort26.08.2006

Napoleons Rache für das freie Wort

1806 starb der Buchhändler Johann Philipp Palm

"Die Buchdruckerkunst ist ein mit gefährlichen Waffen gefülltes Zeughaus", pflegte Napoleon zu sagen. Und er hat mit seiner Meinung bis heute eine Menge Anhänger unter den Despoten in aller Welt. Vor 200 Jahren ließ Napoleon den Buchhändler Johann Philipp Palm erschießen, weil dieser eine Schrift gegen den französischen Herrscher verbreitet hatte.

Von Christoph Schmitz-Scholemann

Napoleon Bonaparte auf einem Gemälde des französischen Malers Paul Delaroche.
Napoleon Bonaparte auf einem Gemälde des französischen Malers Paul Delaroche.

26. August 1806, 11 Uhr, Braunau am Inn, Festungskerker. Ein Häftling tritt aus seiner Zelle auf den Gefängnishof. 14 Soldaten haben sich im Carré aufgepflanzt. In ihrer Mitte der Präsident des französischen Militärgerichts, vor dem sich der Gefangene in den Tagen zuvor zu verantworten hatte. Ein Kanzleibeamter verkündet:

"Urtheil (…) im Namen seiner Majestät des Kaisers der Franzosen."

Einige Formalien, dann der Name des Häftlings:

"Johann Philipp Palm, 40 Jahre alt, gebohren zu Schorndorf, ansässig in Nürnberg, wo er einen Buchhandel (...) betreibt (...)."

Und einen Verlag. Was wurde dem Verlagsbuchhändler Palm vorgeworfen? Kurz gesagt: Er hatte seinen Beruf ausgeübt, er hatte Handel mit Büchern getrieben. In diesem Fall mit einem ganz besonderen Buch: "Deutschland in seiner tiefen Erniedrigung" hieß das Werk. 144 Seiten Abrechnung mit Napoleon, der damals Europa in den Griff nahm. Napoleon sei, so der Tenor der Kampfschrift, ein größenwahnsinniger Emporkömmling, der das Freiheitsideal der französischen Revolution verrate. Sein Ziel sei, Deutschland zu demütigen. Deshalb gestatte er seiner Armee eine Kriegsführung nach der Devise:

"Fressen, Saufen, Raub und Weiberschänden"

Das Volk in Franken und Bayern, dem die Soldaten das Brot aus den Schränken stahlen und das Vieh aus den Ställen, liebte diese klare Sprache. Und der Buchhändler Palm teilte die Gefühle seiner Kundschaft. Da außerdem die Geschäfte der Nürnberger Verlagsbuchhandlung, in die er eingeheiratet hatte, schleppend gingen, lag er auch kaufmännisch gut im Trend, als er das Buch im Juni 1806 drucken ließ und an Kollegen in Süddeutschland zum Weiterverkauf schickte. Die Lieferscheine vermerkten als Absender "Anonymus", und auch den Namen des Autors behielt Palm für sich.

Die Sache war riskant. Napoleon hatte keine Angst vor Gewehren, aber das freie Wort fürchtete er. Und er hatte einen langen Arm, der weit in die kooperationsbereite deutsche Verwaltung hineinreichte. Ein Augsburger Finanzbeamter namens Grauvogel war es schließlich, dessen Spitzeldienste der Polizei auf die Spur halfen. Sechs Personen wurden als Verbreiter des Buchs ausgemacht, unter ihnen Palm. Am 5. August 1806 wandte sich Napoleon persönlich an seinen Kriegsminister Berthier:

"Cher cousin, ich denke, dass Sie die Buchhändler (...) verhaften lassen. Es ist mein Wille, dass sie vor ein Kriegsgericht gezogen und in 24 Stunden erschossen werden."

Fünf der sechs Beschuldigten entkamen dem Verdikt. Auch für Palm sah es anfangs gut aus. Er wurde gewarnt und floh zu Verwandten nach Erlangen. Ein Angestellter hatte die verbliebenen Exemplare beiseite geschafft und der Drucker die auslieferungsfertige zweite Auflage in einen Brunnen gestopft. Die vier schwarzgewandeten Herren, die Palms Haus durchsuchten, fanden nichts. Die Luft schien rein, und schon am 9. August ist Palm wieder zu Hause. Vorsichtshalber hält er sich im Obergeschoss der Buchhandlung auf.

Nach wenigen Tagen erscheint ein erbärmlich gekleideter und halbverhungerter junger Mensch im Laden, der Palm persönlich sprechen will, wegen eins Almosens. Palm ist ein frommer Lutheraner, sein Wahlspruch lautet "Alles ist in Gottes Segen". Folglich empfängt er den armen Teufel und drückt ihm 24 Kreuzer in die Hand. Der verschwindet und kehrt kurz darauf mit zwei Gendarmen zurück. Palm ist verloren, verraten und verkauft. Die Gendarmen verschleppen ihn gegen alles Recht in die französische Festung Braunau am Inn. Dort hört er nach einem Prozess, der nichts als eine pompöse Farce war, den Urteilsspruch:

"Zufolge diesem verurtheilt die (...) Kommission (...) Johann Philipp Palm zur Todesstrafe."

Die Erschießung wird auf 14 Uhr angesetzt, mit Marschmusik a la turque. Vielleicht hätte Palm die Vollstreckung abwenden können, wenn er den Verfasser der von ihm verlegten Schmähschrift verraten hätte. Aber dazu war er nicht bereit. Wir kennen den Namen bis heute nicht. Bevor die Soldaten Palm fesselten und ein Priester ihm die Augen verband, schrieb er noch einen Brief nach Hause:

"Dir Herzens-Frau sage 1000 Dank für Deine Liebe (...) Dein herzlicher Gatte und meiner Kinder Vater (...) Johann Philipp Palm (...) am 26. August 1806, eine halbe Stunde vor meinem Ende."

An der Stelle in Braunau, wo Palm wenig später unter den Gewehrsalven der Füsiliere zusammensackte und starb, steht heute ein Obelisk, errichtet vom Börsenverein des bayerischen Buchhandels zu Ehren eines Verlegers und Buchhändlers, der seinen Lesern diente, indem er sich selbst treu blieb und seinen Autor nicht verriet.

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