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StartseiteKommentare und Themen der WocheTrotz Unruhen ein souveräner Macron14.07.2019

Nationalfeiertag 14. Juli in ParisTrotz Unruhen ein souveräner Macron

Obwohl Frankreichs Staatspräsident Emmanuel Macron bei der Parade am Nationalfeiertag von einigen „Gelbwesten“ ausgebuht wurde, ist es unwahrscheinlich, dass die Stimmung im Land wieder kippt, kommentiert Jürgen König. Das liegt aber nicht nur daran, dass Macron an Statur dazugewonnen hat.

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Macron steht in einem offenen Militärjeep neben Generalstabschef Francois Lecontre. Hinter ihnen Soldaten zu Pferd. (AFP/Lionel BONAVENTURE)
Frankreichs Staatspräsident Emmanuel Macron hat diplomatisches Geschick bewiesen (AFP/Lionel BONAVENTURE)
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Der heutige Nationalfeiertag  war der erste nach der mehrmonatigen Staatskrise, welche die sogenannten "gilets jaunes", die "Gelbwesten", im November ausgelöst hatten. Den sozialen Unruhen begegnete Staatspräsident Emmanuel Macron nach anfänglicher Unsicherheit mit wachsender Souveränität und klugem Entgegenkommen  – ohne dabei den eingeschlagenen Reformkurs zu ändern.

Staatspräsident ausgebuht

So entstand in den letzten Monaten mehr und mehr der Eindruck, das Land, das monatelang unter extremer Dauerspannung gestanden hatte, würde langsam zur Ruhe kommen. Doch eine gesicherte Ruhe ist das nicht, zumal in Paris nicht. Beim Defilee auf den Champs-Élysées wurde der im offenen Jeep vorbeifahrende Staatspräsdent von  "Gelbwesten" am Straßenrand lautstark ausgebuht, am Nachmittag kam es am selben Ort zu Ausschreitungen von Vermummten des "Schwarzen Blocks".

Aussenpolitisch hat Macron hinzugewonnen

Dass die Stimmung im ganzen Lande wieder kippen könnte, ist eher unwahrscheinlich. Denn Emmanuel Macron hat in seine Rolle als Staatspräsident immer besser hineingefunden; seine Auftritte als oberster Garant der öffentlichen Ordnung im Land strahlen eine mehr und mehr gelassene Autorität aus, auch in seinen Bürgergesprächen, etwa im Rahmen der "Großen Nationalen Debatte" konnte er eine Mehrheit der Franzosen überzeugen, seine Beliebtheitswerte in den Umfragen steigen seit Monaten wieder kontinuierlich an. 

Auch außenpolitisch hat Präsident Macron allen Widerständen zum Trotz an Souveränität hinzugewonnen. Heute zeigte er sich einmal mehr als Mann mit einem enormen Sinn fürs Symbolische: in dem er in den Mittelpunkt von Frankreichs Nationalfeiertag die Idee einer "europäischen Verteidigungspolitik" stellte. So wurde es eine französische Militärparade europäischen Charakters: Einheiten unter anderem aus Großbritannien, Spanien, Portugal und Deutschland marschierten mit auf den Champs-Élysées, darunter gleich 500 Soldaten der Deutsch-Französischen Brigade - ein besonderes Zeichen.

Feinste diplomatische Kunst

2017 hatte Macron seine "Europäische Interventionsinitiative" vorgestellt, letztes Jahr wurde sie beschlossen. Mit ihr soll in Krisenfällen eine wesentlich engere Zusammenarbeit der Generalstäbe ermöglicht werden – dass heute in Paris die Staats- und Regierungschefs oder andere hochrangige Vertreter aller zehn inzwischen beteiligten Länder zusammenkamen: auch das ist von großer Symbolkraft. Und wie nebenbei konnte Macron mit seiner diplomatischen Charmeoffensive auch gleich noch dezent zu verstehen geben, welches Land doch am besten die Führungsrolle einer solchen Militärkooperation übernehmen sollte. Oder gleich der ganzen EU?

Im Anschluss an die Parade bat Emmanuel Macron die geladenen Gäste im Élysée-Palast zu Tisch. Zu den Geladenen gehörten auch EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker, der als EU-Ratspräsident nominierte Charles Michel sowie  NATO-Generalsekretär Jens Stoltenberg: eine Art kleiner EU-Gipfel kam so zustande, ohne Protokoll, ohne Entscheidungsdruck, ohne das mühsame Ringen um eine gemeinsame Abschlusserklärung:  einfach ein gemeinsames Essen, ein Austausch in prächtigem Rahmen - unter Führung des Gastgebers, versteht sich: Emmanuel Macron. Das ist feinste diplomatische Kunst. Auch wenn man Emmanuel Macron nicht in allen europapolitischen Zielen folgen mag, bleibt doch anzuerkennen, dass er sich tatsächlich um ein gemeinsames Vorankommen innerhalb der EU bemüht wie derzeit kein anderer Spitzenpolitiker in Europa.

(©Deutschlandradio / Bettina Straub)Jürgen König (©Deutschlandradio / Bettina Straub)Jürgen König, geb. 1959, Journalist, Autor, Moderator. Studierte Musikwissenschaft und Neue deutsche Literatur in Hamburg und Berlin. Von 1991 bis 1996 freier Kulturkorrespondent in Paris, seither für Deutschlandradio tätig als Redakteur und Moderator, Kulturkorrespondent im Hauptstadtstudio von 2010 bis 2013, im Anschluss Redaktionsleiter von "Studio 9 - Kultur und Politik". Seit Januar 2016 Korrespondent in Paris.

  

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