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StartseiteKalenderblattNationalheld der Grande Nation18.06.2010

Nationalheld der Grande Nation

Vor 70 Jahren rief Charles de Gaulle zum französischen Widerstand auf

Als Quasi-Unbekannter rief General de Gaulle die Franzosen am 18. Juni 1940 zum Widerstand gegen Nazi-Deutschland auf. Einen Tag nach der vollständigen Niederlage der französischen Armee schien dieser Aufruf über den britischen Rundfunk ein aussichtsloses Unterfangen. Und doch gilt de Gaulles Appell als die Geburtsstunde der Résistance.

Von Peter Hölzle

Charles de Gaulle, Militär und Politiker, undatiertes Foto.  (AP Archiv)
Charles de Gaulle, Militär und Politiker, undatiertes Foto. (AP Archiv)

"Ist die Niederlage endgültig? Nein! ... Denn Frankreich steht nicht allein. ... Es hat ein ganzes Weltreich hinter sich. Es kann sich mit dem britischen Empire, das die Meere beherrscht und den Kampf fortsetzt, zusammentun. Es kann wie England die immense Wirtschaftskraft der Vereinigten Staaten uneingeschränkt nutzen. ... Dieser Krieg ist durch die Schlacht in Frankreich nicht entschieden. Dieser Krieg ist ein Weltkrieg. ... Was auch immer passiert, die Flamme des französischen Widerstands darf nicht erlöschen, und sie wird nicht erlöschen. ..."

Mit diesen Worten rief General de Gaulle am 18. Juni 1940 die Franzosen zum Widerstand gegen Hitler-Deutschland auf. Das Datum war bewusst gewählt. Ein Tag, nachdem Frankreichs Niederlage besiegelt war und die französische Regierung unter Marschall Pétain bei den deutschen Siegern um Waffenstillstand nachgesucht hatte, eröffnete der standhafte Militär seinen eigenen Krieg - sowohl gegen den deutschen Aggressor als auch die kriegsmüde französische Staatsführung. De Gaulle führte ihn aus seinem Londoner Exil. Seine einzige Waffe war zunächst der britische Rundfunk. Über die BBC richtete er seinen Widerstandsappell vom 18. Juni 1940, der im Originalton nicht überliefert ist, an seine Landsleute. Ihm folgten weitere Appelle, so der vom 22. Juni 1940:

" ... Ich, General de Gaulle, rufe Kommandeure, Soldaten, Matrosen, Flieger, französische Land-, See- und Luftstreitkräfte auf, wo immer sie derzeit stehen, mit mir in Verbindung zu treten. Ich rufe alle freiheitswilligen Franzosen auf, mir zuzuhören und zu folgen. Es lebe das freie Frankreich in Ehre und Unabhängigkeit."

Große Worte, mit denen de Gaulle die Franzosen aus der Verzweiflung der Niederlage reißen wollte, in die sie der deutsche Blitzkriegssieg gestürzt hatte. Aber eben diese großen Worte entfalteten zunächst nur eine kleine Wirkung. Der General war nämlich im Gegensatz zum Regierungschef, Marschall Pétain, dem aus dem Ersten Weltkrieg verehrten Sieger von Verdun, der sich erneut als Retter Frankreichs - diesmal am Verhandlungstisch - anbot, kaum bekannt, und überdies war die BBC in Mittel- und Südfrankreich nur schlecht zu empfangen.

Dieses Dilemma bringt ein späterer Kampfgefährte auf den Punkt. Pierre Bertaux, Widerstandskämpfer der ersten Stunde, nach dem Krieg Kommissar der Republik in Toulouse, dann Kabinettsdirektor des Innenministers, Präfekt in Lyon, Geheimdienstchef, schließlich Germanistikprofessor und Hölderlinforscher von Rang, schreibt in seinen Memoiren:

"Im August 1940 war ich nach der Niederlage der französischen Armee nach Toulouse zurückgekehrt. Ich litt unter Schockzuständen des Körpers und des Bewusstseins. ... Mein Zustand besserte sich erst, ... als ich am 9. Dezember 1940 entschied, auf eigene Rechnung den Kampf fortzusetzen. ... Ich hatte weder den Aufruf des 18. Juni gehört noch irgend jemanden getroffen, der ihn gehört hatte. Der General de Gaulle war für mich nichts als ein Name. Es gab noch keinen Widerstand, weder den Namen noch die Sache noch die Personen noch die
Idee."


Das schwache Echo auf seine wortmächtigen Aufrufe im Ätherkrieg blieb Frankreichs erstem Widerstandskämpfer nicht verborgen. Selbst unter den in England befindlichen französischen Truppen schlossen sich ihm zunächst nur wenige an. Umso erstaunlicher die Beharrlichkeit und Leidenschaft, mit der de Gaulle trotz vieler Rückschläge, Enttäuschungen und Demütigungen an seinem Ziel, der Befreiung Frankreichs, festhielt und es schließlich nach vier Jahren verlustreicher Kämpfe mithilfe mächtiger Verbündeter erreichte. Dabei hatte der Unbeugsame und Sendungsbewusste auch unfreiwillige Helfer.

Ohnmacht und Komplizenschaft der Kollaborationsregierung Pétain mit der deutschen Besatzungsmacht, deren rigorose Ausbeutung Frankreichs und das schwindende Kriegsglück der deutschen Wehrmacht auf den Schlachtfeldern Nordafrikas und Russlands gaben dem französischen Widerstand Auftrieb. Als General de Gaulle am 25. August 1944 ins befreite Paris einzog, war die Ehre Frankreichs wiederhergestellt, dem Land sogar ein etwas schmeichelhafter Platz unter den Siegermächten reserviert und die grande nation um einen Nationalhelden reicher.

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