Dienstag, 29. November 2022

Kommentar zum Nationalteam
DFB-Spieler sollten den Mund aufmachen

Nach der Debatte über das Tragen der One-Love-Kapitänsbinde entschied sich das DFB-Team bei der Fußball-WM für ein Foto mit zugehaltenem Mund. Zu 100 Prozent überzeugt dieses Zeichen nicht, kommentiert Matthias Friebe. Das Team solle Klartext reden.

Ein Kommentar von Matthias Friebe | 23.11.2022

Die deutsche Mannschaft beim Teamfoto vor dem ersten Vorrundenspiel gegen Japan
Die deutsche Mannschaft beim Teamfoto vor dem ersten Vorrundenspiel gegen Japan (picture alliance / dpa / Robert Michael)
Würde sie oder würde sie nicht? Würde die deutsche Fußball-Nationalmannschaft nach dem Verbot der One-Love-Kapitänsbinde zum WM-Auftakt doch noch ein Statement setzen? Diese Frage war für viele in den letzten 24 Stunden interessanter als die eigentliche Aufstellung gegen Japan.
Die Antwort dann vor dem Anpfiff. Beim Mannschaftsfoto hält sich das Team geschlossen die Hand vor den Mund. Verbunden mit dem Satz: „Auch ohne Binde, unsere Haltung steht“ verbreitet über die sozialen Medien. Damit hat das Team ein Foto geschaffen, das unzählige Spielberichte bebildern und stärker hängen bleiben wird als die erneute Auftaktniederlage bei einer WM.
Dass die FIFA den stummen Protest natürlich nicht im Weltbild gezeigt hat, ist zwar nicht mehr überraschend. Normal oder zu ignorieren ist diese Zensur unliebsamer Botschaften bei den Übertragungen aber deshalb trotzdem nicht. Und damit sind wir auch schon beim Kern der Sache: beim Weltfußballverband. Die Verkommenheit der FIFA ist bei dieser WM im Brennglas zu beobachten. Dort ist sie stärker als die sehr heiße Sonne über Doha.
Was die FIFA in den letzten Tagen veranstaltet hat ist nichts anderes als Erpressung. Mit Mafia-Methoden, mit massivem Druck und dem bewussten Unklar-Lassen über konkrete Sanktionen hat sie einmal mehr unter Beweis gestellt, was ihr am Ende einzig und allein wirklich wichtig ist: Das Geld und dafür möglichst jubelnde Hochglanz-Bilder der „größten Show der Erde“, wie der Weltverband selbst das Turnier nennt.

Wer die Musik bezahlt, bestimmt, was sie spielt

Die erpresserischen Methoden wegen einer Armbinde, wenige Quadratzentimeter groß, in der Fernsehübertragung selten zu sehen, beweisen zudem einmal mehr, dass die FIFA vor Gastgeber Katar kuscht. Schon bei der Entscheidung kurz vor Turnierbeginn, im Stadion kein Bier zu verkaufen, war eine entsprechende Anordnung offenbar aus dem Palast in Doha gekommen. Wer die Musik bezahlt, der bestimmt auch, was sie spielt.
Dieses kleine Stück Stoff mit dem Herz, das einen Regenbogen gerade einmal andeutet, hat dadurch aber auch die Debatten mehr bestimmt, als wenn die FIFA die Binde einfach zugelassen hätte. Beim Spiel gegen Japan saß Bundesinnenministerin Nancy Faeser direkt neben FIFA-Präsident Gianni Infantino. Auf der Ehrentribüne zog sie ihre Jacke aus und präsentierte am Arm die One-Love-Binde. Das ist nicht nur mutig. So verhindert sie auch, dass Bilder von ihrem Aufenthalt im Stadion nicht für Sportswashing benutzt werden können. Mit diesen Bildern können sich weder FIFA noch Katar schmücken. So kann niemand vermeintlich beweisen, dass die Bundesregierung dieses Turnier gutheißt.

Mund aufmachen

Solche Bilder gibt es nur mit Armbinde. Kapitän Manuel Neuer durfte sie nicht tragen. Stattdessen heute also der zugehaltene, der verbotene Mund. Zu 100 Prozent überzeugt dieses Zeichen am Ende aber nicht. Denn den Mund verboten hat dem deutschen Team niemand. Es steht den Spielern frei, in jeder Pressekonferenz, in jedem Interview, in Postings in den sozialen Medien oder in sonstigen Aktionen während der WM die Haltung deutlich zu zeigen, sie laut auszusprechen. Der zugehaltene Mund ist aber besser als nichts, ist mehr als alle anderen europäischen Teams in der gleichen Lage gezeigt haben. Dänemark, England, die Niederlande – sie alle blieben wirklich stumm, ohne Gesten.
Das Zeichen des DFB-Teams würde jetzt noch umso stärker werden, wenn die deutsche Mannschaft im Rest des Turniers eben den Mund nicht zuhält, sondern ihn aufmacht, Klartext redet. Dann dürfte der Respekt größer sein als bei jedem sportlichen Erfolg, so es den überhaupt geben wird.
Matthias Friebe (Deutschlandfunk – Aktuelles, freier Mitarbeiter)
Matthias Friebe (Deutschlandfunk – Aktuelles, freier Mitarbeiter)
Matthias Friebe, Jahrgang 1987, Journalist, studierte Neuere und Neueste Geschichte, Politikwissenschaft und Katholische Theologie in Münster und Duisburg-Essen. Volontariat bei domradio.de und Ausbildung an der Journalistenschule ifp in München. Danach arbeitete er als Moderator und Redakteur für WDR, Deutschlandfunk und domradio.de. Heute ist er Redakteur in der Sportredaktion des Deutschlandfunks.