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StartseiteUmwelt und VerbraucherNatürlich süßen ohne Kalorien10.03.2010

Natürlich süßen ohne Kalorien

Südamerika weitet den Anbau von Stevia aus

Keine Kalorien und frei von Chemikalien - Stevia scheint der perfekte Zuckerersatz zu sein. Er wird aus der südamerikanischen Süßpflanze Stevia gewonnen und konnte 2011 in der EU zugelassen werden. Südamerika will den Stevia-Anbau ausweiten, um für die große Nachfrage aus den USA und Europa gewappnet zu sein.

Von Victoria Eglau

Süßes naschen - ohne Reue?  (Stock.XCHNG / Dustin Ortiz)
Süßes naschen - ohne Reue? (Stock.XCHNG / Dustin Ortiz)

Ein kleiner Naturkostladen in der argentinischen Hauptstadt Buenos Aires: Lucila heißt die Besitzerin. Ob sie Steviaprodukte führe? Aber natürlich, die ältere Dame nickt, dann holt sie ein kleines Tütchen mit einem grünlichen Pulver aus dem Regal.

"Das sind gemahlene Steviablätter. Für Leute, die Mate-Tee trinken. Man tut das Pulver in den Kräuteraufguss und süßt ihn damit. Ich persönlich benutze Stevia für meinen Mate."

Lucila führt in ihrem Laden auch industriell aufbereiteten Stevia-Süßstoff als Pulver und als Flüssigkeit, außerdem mit Stevia gesüßtes Puddingpulver und sogar Dulce de Leche. Das ist die klebrig-süße Karamellcreme, die die Argentinier so gerne essen - normalerweise eine Kalorienbombe, aber mit Stevia können sie sogar Diabetiker genießen. Produkte, die den natürlichen und kalorienarmen Süßstoff enthalten, sind in mehreren südamerikanischen Ländern zugelassen.

Vor Kurzem brachte Coca-Cola in Argentinien Epika auf den Markt, ein mit Stevia gesüßtes Lifestylegetränk. In seiner Wohnung in Buenos Aires reicht Roberto Campos, argentinischer Chemiker, Stevia-Süßstoff zum Kaffee.

"Stevia zu benutzen, um Kaffee zu süßen, ist an und für sich das am wenigsten angebrachte. Stevia verstärkt gewisse Geschmäcker, bei Kaffee schmeckt es dann manchmal bitterer, als der Kaffee schon schmeckt. Ideal ist es in Fruchtsäften, in Nachspeisen, in Speiseeis, in Marmeladen und so zu verwenden."

Roberto Campos ist Steviaexperte. Für das deutsche Unternehmen Merck, bei dem er mehr als drei Jahrzehnte beschäftigt war, erprobte er in den letzten Jahren in Brasilien den großflächigen Anbau der Pflanze. Ursprünglich wächst das unscheinbare Kraut mit dem botanischen Namen Stevia Rebaudiana im subtropischen Klima Paraguays, Brasiliens und Nordost-Argentiniens.

"Stevia ist eine Pflanze, die im Urwald wächst. Bei den Stevia gibt's mehr als 100 verschiedene Arten, die Paraguayer sagen, es sind 200. Nicht alle sind eben so süß. Die Pflanze, die heutzutage kommerziell genutzt wird, ist eine, wo der Süßstoff, den man aus den Blättern entnimmt, zwischen 200 bis 300 mal so süß ist wie Zucker."

Die enorme Süßkraft der etwa 70 Zentimeter hohen, grünblättrigen Pflanze entdeckten Indiovölker in Paraguay.

"Andererseits hatten die Indianer auch gewisse pharmakologische Eigenschaften der Stevia festgestellt","

... sagt Chemiker Roberto Campos.

""Also, sie ist bakterizid, tötet Bakterien. Die bakterizide Qualität der Stevia kann gleichgesetzt werden der von heutzutage geläufigen Mundwassern, die man dafür benutzt. Eine andere Sache ist, dass sie für die Verdauung gut sein soll. Es ist blutzuckersenkend, also ideal für Diabetiker. Bei Leuten mit Hypertension, also hohem Blutdruck, senkt es den Blutdruck."

Ist Stevia also eine Art Wundermittel, das einerseits Naschen ohne böse Folgen wie Karies oder Übergewicht erlaubt und andererseits verschiedenste Beschwerden lindert? Experte Campos plädiert dafür, Stevia erst einmal als Süßstoff zu vermarkten, denn für eine Verwendung als Arzneimittel seien noch viele Studien nötig. In Argentinien gehört Campos zu denen, die den Anbau des süßen Krauts in Gang bringen wollen. Angesichts der zu erwartenden steigenden Nachfrage, vor allem aus den USA und Europa, setzen immer mehr südamerikanische Landwirte auf Stevia.

"Man muss sehen, dass auch genügend produziert wird, um diesen Bedarf zu decken. Und das ist eine Gelegenheit für Südamerika, bisher wurde ja fast alles in Asien produziert, und hier wurde an und für sich geschlafen."

Vor allem in Paraguay wird der Anbau von Ka'a He'e, wie die Pflanze in der Guaraní-Sprache heißt, vorangetrieben - eine Chance für Zehntausende armer Campesinos. Dort und in Brasilien wurden in den letzten Jahren Fabriken zur industriellen Aufbereitung der Stevia-Blätter gebaut. Paraguay will China Konkurrenz machen, dem bisher noch größten Produzenten von Stevia-Süßstoff in der Welt.

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