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StartseiteTag für TagDer Einfluss von Trollen und Elfen auf das Leben der Isländer30.06.2016

Naturreligion auf IslandDer Einfluss von Trollen und Elfen auf das Leben der Isländer

Der Glaube an Naturgeister ist in der isländischen Gesellschaft tief verwurzelt. Die Isländer sprechen vom versteckten Volk, vom Huldufólk. Damit sind unter anderem Elfen und Trolle gemeint. Sie beeinflussen manchmal sogar das tägliche Leben. Vielleicht auch das von erfolgreichen Fußballern?

Von Dorothea Brummerloh

Elfenwald, der Haus vor Steinwürfen der Trolle schützen soll. (Deutschlandradio / Dorothea Brummerloh)
Der Elfenwald soll das Haus vor Steinwürfen der Trolle schützen (Deutschlandradio / Dorothea Brummerloh)
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Unterwegs mit Renata Vilhjálmsdóttir. Die gebürtige Deutsche ist Reiseführerin.

"Hier haben wir also einen der Trolle; und zwar siehst du hier von dem das ganze Gesicht: die Stirn, die Nase, dann kommt der Mund hier und zum Schluss kommt dann so der Bart und da hinten, das sind die Haare."

In dem schwarzen, zerklüfteten Lavafelsen lässt sich mit etwas Phantasie tatsächlich ein faltiges, Gesicht erkennen. Trolle sollen Nachtgestalten sein, heißt es in alten Sagen. Schaffen sie es nicht vor Sonnenaufgang zurück in ihre Bergbehausungen, versteinern sie an Ort und Stelle. Renata kennt Orte, wo kein Isländer je einen Fuß hinsetzen, geschweige denn ein Bauer sein Vieh weiden lassen würde. Denn dort soll das Huldufólk, das "versteckte Volk", leben – und sie zu stören bringe Unglück.

An der University of Iceland in Reykjavik lehrt Terry Gunnell Volkskunde. Er sagt: Der alte Volksglaube präge bis heute viele Isländer. Ja, es gebe auch im 21. Jahrhundert wirklich Menschen, die um solche Orte einen Bogen machen:

"Fakt ist, dass einige Bauern daran glauben und es beeinflusst ihren Alltag. Auf ihren Höfen gibt es Stellen, wo sie kein Gras mähen, wo sie nichts verändern, wo sie keinen Stein versetzen. Fragst du sie, was dort passiert ist, antworten sie: Nichts, denn es geht niemand dahin."

Jeder Zehnte glaubt an Trolle – mindestens

Eigentlich können es sich die Bauern nicht leisten, Land brach liegen zu lassen: Die Vegetationsperiode ist kurz. Es muss Futter für die Viehwirtschaft erzeugt werden. Hinzu kommt: Land ist begrenzt und teuer. Professor Gunnell hat untersucht, wie viele seine Landsleute wirklich an übernatürliche Nachbarn – an Elfen, Feen, Trolle  und Gespenster – glauben.

"Unsere Umfrage hat gezeigt: Unter 10 Prozent glauben daran - und weniger als 50% glauben nicht daran. Der Rest denkt, es kann sein, ist vielleicht möglich, aber unwahrscheinlich. Trotzdem würden sie niemals nie sagen. Ein Beispiel: Jemand hat in seinem Garten einen großen Stein und will ihn wegräumen, um einen "Hot-Pot", einen heißen Swimming-Pool zu bauen. Ein Freund sagt dann zu ihm: Das ist ein Elfenstein. Das Ergebnis: Er wird den Stein nicht wegrücken."

Der Elfenhügel, auf isländisch Àlfahóll rechts unterhalb vom Péturseyr, dem Peterstein (Deutschlandradio / Dorothea Brummerloh) (Deutschlandradio / Dorothea Brummerloh)Péturseyr (Petersetin) und Àlfahóll (Elfenhügel) (Deutschlandradio / Dorothea Brummerloh)

Und so würden sich die meisten Isländer verhalten, sagt der Volkskundler.  Auf den ersten Blick reiner Aberglaube, der aber konkrete Folge haben kann. In Hafnarfjörður, einer kleinen Stadt in der Nähe von Reykjavik, lebt Ragnhildur Jónsdóttir, ihr Beruf: Seherin. Die 56-Jährige sagt, sie könne das versteckte Volk sehen, sogar mit dem Huldufólk sprechen. In einem Lavafeld, durch das eine neue Straße gebaut werden sollte, hätten Elfen der Seherin gezeigt, dass dort ihre Elfenkirche sei:

"Ich fand in dieser Angelegenheit eine Umweltschutzgruppe, der ich mich anschloss. Wir haben dann in dem Lavafeld protestiert, damit die Straße die Elfenkirche nicht zerstört."

Rücksicht auf die Elfenkirchen

Die Umweltschutzgruppe "Friends of Lava" und Jonsdottir arbeiteten in dieser Sache Hand in Hand und aktivierten Hunderte Isländer, die Baustelle zu blockieren. Mit Erfolg, das Bauprojekt wurde eingestellt. Nicht unüblich in Island: Die Straßenverwaltung geht mittlerweile routiniert mit den Elfenprotesten um und findet Kompromisse: Straßen werden verlegt oder machen ungewöhnliche Schlenker, um vorhandene Elfenhäuser nicht zu zerstören.

Björnsson: "Hallo, ich grüße sie." 

Der Kulturhistoriker Àrni Björnsson war Leiter der volkskundlichen Abteilung des Nationalmuseums und hat als Gastdozent an deutschen Universitäten gearbeitet. Der 84-Jährige hat sich viele Gedanken gemacht über die Volkssagen rund ums Huldufólk, ums versteckte Volk:

"In Island gab es keine Städte, nicht einmal Ortschaften bis Mitte des 19.Jahrhunderts. Die Menschen lebten in verstreuten Bauernhöfen. Man musste irgendwelche Unterhaltung haben, man musste die Natur irgendwie lebendiger machen. Und das einfachste ist wohl, zu singen und Geschichten zu erzählen, Geschichten zu erfinden."

Geld verdienen mit versteckten Wesen

Obwohl das Christentum vor mehr als 1.000 Jahren Staatsreligion in Island wurde, scheinen die Isländer den Glauben an Naturgeister, Elfen und andere unsichtbare Wesen nie ganz verloren zu haben, meint Àrni Björnsson und verweist auf die Volksagen. In den Sagensammlungen hat er nach Geistern, Feen und Wiedergängern gefahndet und eine Art "Who ist Who" der Sagengestalten Islands verfasst. 600 solcher übernatürlicher Wesen hat der Kulturhistoriker in seinem Buch aufgelistet. Geht man davon aus, dass es nur 330.000 Isländern gibt, muss "Pi mal Daumen" jeder 500. ein Geist sein, meint Árni Björnsson lachend.

Dreki, der Drachentroll (Deutschlandradio / Dorothea Brummerloh)Dreki, der Drachentroll (Deutschlandradio / Dorothea Brummerloh)

Früher verschreckte man mit den Geschichten und Sagen über das versteckte Volk die Kinder, damit sie nicht zu nah ans tosende Meer oder an eine tiefe Felsspalte gingen. Aus Angst vor dem Troll, der dort hauste oder der Elfe, die keinen Lärm vertrug, gingen die Kinder dort nicht hin, waren so vor der rauen, manchmal sehr gefährlichen Natur geschützt. Heute verdient man mit dem versteckten Volk einfach Geld: Neben einer Elfenschule gibt es Elfenwanderungen, eine Elfenhauptstadt und vieles andere mehr. Ein regelrechtes Elfen-Business ist entstanden, sagt Terry Gunell von der Univercity of Iceland:

"Die Touristen fragen danach und was sie wollen, bekommen sie … Und warum damit kein Geld verdienen? Isländer haben Humor und sie sind wirklich glücklich, wenn sie anders sind als andere Leute. Es macht sie stolz. Und es ist auch schöner, über verstecktes Volk zu sprechen, als über Banker."

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