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StartseiteSonntagsspaziergangParadies für Kletterer05.01.2020

Natursteinbruch Löbejün Paradies für Kletterer

In einigen Teilen Sachsen-Anhalts prägen stillgelegte Porphyr-Steinbrüche die Landschaft. An den Steilwänden klettern Sportler auf den erkalteten Lavaströmen eines Vulkans. In anderen Steinbrüchen tauchen sie in klarem Grundwasser.

Von Mirko Heinemann

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Eine junge Frau klettert in einem Steinbruch bei Löbejün (Sachsen-Anhalt). Die Porphyrsteinbrüche der Region sind ein beliebtes Ziel für Sportkletterer (picture alliance / ZB / Jan Woitas)
Die Porphyrsteinbrüche bei Löbejün (Sachsen-Anhalt) sind ein beliebtes Ziel für Sportkletterer (picture alliance / ZB / Jan Woitas)
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Es sind nur wenige Schritte vom Parkplatz – und wir betreten eine andere Welt. Vor uns öffnet sich ein Abgrund, 30, 40 Meter tief. Gegenüber ragt eine Steilwand empor, sie leuchtet tiefrot im Schein der Sonne. Oben von der Klippe pendeln lange Seile tief hinunter zu winzigen Gestalten, die sich in Zeitlupe die Wand hinauf bewegen.

Dies ist der sogenannte Aktienbruch. Der stillgelegte Steinbruch im Süden Sachsen-Anhalts ist ein Geheimtipp unter Kletterern. Am Fuß der Steilwand stehen drei junge Frauen in voller Klettermontur.

Anna: "Es sind zwei Stunden Fahrt von Berlin, das ist machbar. Ab und zu auch unter der Woche."

Anna heißt die aschblonde, muskulöse Frau, deren Körper an allen sichtbaren Stellen mit geometrischen Mustern tätowiert ist. "Dadurch, dass es so rund geschnitten ist, kann man einfach überall mal klettern. Außerdem ist es vielfältig, es gibt kleine Leisten, Kanten, an denen man sich festhalten kann. Es ist ein schönes, vielfältiges Klettern."

Früher wurde hier noch wild gezeltet

Die meisten Besucher übernachten im Feriencamp von Michael Silbereisen im nahegelegenen Dorf Löbejün. Der sportliche Endvierziger mit den hellblauen Augen zog vor über zehn Jahren mit seiner Familie aus Leipzig hierher. Die Steinbrüche haben den passionierten Kletterer nicht mehr losgelassen.

"In den 60er-Jahren war es eine Nische, da haben sich ein paar Freaks hier getroffen. Die ersten Routen entstanden, also von Routen spricht man, wenn Haken in die Wand gebohrt werden zur eigenen Sicherung. Und wenn angefangen wird, frei, also ohne Hilfsmittel, den Fels zu erklettern".

Die Steinbrüche befinden sich nahe dem Dorf Löbejün. Die gleichnamige Ausfahrt liegt an der Autobahn A 14 zwischen Magdeburg und Halle an der Saale. Mit dem Zug fährt man nach Halle an der Saale oder nach Nauendorf. Von dort weiter mit dem Bus nach Löbejün.

Bis vor einigen Jahren wurde im Aktienbruch noch wild gezeltet. An den Wochenenden kamen Hunderte und hinterließen Müll und Fäkalien. Bis der Deutsche Alpenverein den Steinbruch pachtete. Jetzt ist Zelten hier verboten. Klettern dürfen offiziell nur Mitglieder des Alpenvereins und des Verbands IG Klettern.

"So schön wie es ist, die wilde Kletterei im Yosemite und sonst wo in allen möglichen Klettergebieten der Welt: Hier in Deutschland ist es eben nicht möglich. Weil niemand stellt das Dixiklo um oder keiner baut ein Kompostklo oder, oder, oder. Wenn viele Leute kommen, wollen es alle nutzen, aber keiner macht was."

Der Porphyr von Löbejün ist bekannt für seine Schönheit 

Was aber macht diese Steinbrüche so besonders? Sie wurden in uralte Lavaströme gesprengt, die hier vor 300 Millionen Jahren entlangflossen. Das erkaltete vulkanische Gestein wird Porphyr genannt. Und der Porphyr rund um das Dorf Löbejün ist bekannt für seine Schönheit und seine Härte, die dem Granit gleichkommt. Viele Gebäude in der Region wurden damit errichtet. Dazu kommt:

"Wir haben sehr schöne Flächen, die positiv geneigt sind, da ist ein sogenanntes Reibungsklettern möglich. Das bringt viele Frauen hierher, weil es eben nicht so eine hohe Athletik ist. Es ist sehr viel Technik, gutes Balancegefühl und Koordinationsvermögen, was man hier braucht, um sowas zu klettern."

Ein paar Kilometer weiter zeigt der Porphyr sein zweites Gesicht. Warnschilder stehen am Weg: "Stopp. Zugang nur für Taucher." Am Eingang steht Klaus Diersch, der Betreiber, mit zwei Schäferhunden. Er will eine Bescheinigung sehen, dass wir im Tauchen ausgebildet sind. Und zehn Euro Gebühr. Dann dürfen wir rein.

Nicht nur Klettern, auch Tauchen

Vor uns öffnet sich eine Kulisse wie aus einem Wildwestfilm: Die stille Wasserfläche, die in dunklem Blau leuchtet, wird von einer Steilwand überragt. Sie strahlt in tiefem Rot. Auch dies ist Porphyr-Gestein. Nachdem der Steinbruch in den 70er-Jahren verlassen wurde, bauten die Arbeiter die Pumpen ab, die das Grundwasser absaugten, erzählt Klaus Diersch. So lief die Grube langsam voll.

"Zu der Zeit war das noch nicht so mit dem Schrott und man hat alles drin liegenlassen. Und da stehen noch Loren auf dem Gleis, man hat ein Pumpenhaus und einen Drehteller. Es ist eigentlich so, als hätte man kurz aufgehört zu arbeiten und das Wasser ist dann rein. Da ist halt alles noch so, wie man es verlassen hat."

Fachmagazine zählen die drei gefluteten Steinbrüche von Löbejün zu den besten Tauchrevieren Deutschlands. Wir tauchen aber nicht mit Pressluft, sondern mit Schnorchel, Anzug, Maske und Flossen.

Schon der erste Blick unter die Wasseroberfläche verursacht Gänsehaut: Das Wasser ist klar wie in einem Bergsee, dabei längst nicht so kalt. Wir gleiten an der Steilwand entlang. Dann: Dreimal tief Luft holen, und es geht hinab in die Tiefe. Im blaugrünen Zwielicht sehen wir rostige Maschinen auf dem Grund stehen, umkreist von Fischen. Geisterhaft ragen Baumstümpfe in einen türkisfarbenen Himmel. Wir sind keine Taucher, sondern Astronauten, gelandet auf einem fremden Planeten.

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