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StartseiteBüchermarktFluide Identitäten06.09.2021

Nella Larsen: "Seitenwechsel"Fluide Identitäten

Nella Larsen schrieb zwei Romane, die vom schwarzen Leben in Amerika in den Zwanzigern handeln. Sie gehören heute beide zu den Klassikern der schwarzen Emanzipationsliteratur. Beim Dörlemann Verlag wird die afroamerikanische Autorin mit einer dänischen Mutter jetzt wiederentdeckt.

Von Katharina Teutsch

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Ein Portrait der Autorin Nella Larsen und das Cover ihres Romans "Seitenwechsel" (Cover Dörlemann Verlag /Autorenportrait  © Yale Collection of American Literature, Beinecke Rare Book and Manuscript Library“, )
Nella Larsen und und ihr wiederentdeckter Roman "Seitenwechsel" (Cover Dörlemann Verlag /Autorenportrait © Yale Collection of American Literature, Beinecke Rare Book and Manuscript Library“, )
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Clare Kendry heißt die Heldin in Nella Larsens zweitem Roman aus dem Jahr 1929. Man saugt sich gleich an ihrem Namen fest. "Klar" beziehungsweise "hell" ist zu hören. Und "candy" natürlich – das ist das Assoziationsspektrum, das der Name dieser Figur auslöst. Und tatsächlich wird sie bald eingeführt als eine Art Lichtgestalt, von strahlender Schönheit und süßem Glanz.

Nella Larsen, eine der im Moment wiederentdeckten Frauen aus dem Umfeld der Harlem Renaissance, einer afro-amerikanischen Künstlerbewegung seit den Zwanzigern, hat mit ihrer weiblichen Hauptfigur einen Magnet geschaffen. Einen Magnet für die damals wie heute virulenten Fragen von Hautfarbe und Geschlecht in den USA. Die Geschichte dabei ist schnell erzählt: Clare Kendry begegnet einer Freundin aus Harlemer Kindertagen in einem Hotel in Chicago. Doch das weiß sie nicht gleich. Denn was sie wahrnimmt, ist eine Frau mit elfenbeinweißer Haut, die sie unablässig anstarrt. So durchdringend, als würde sie jeden Augenblick das Geheimnis der anderen lüften können. Dass hier nämlich eine sehr hellhäutige Schwarze auf einer Hotelterrasse für die weiße Upperclass sitzt.

"Und jetzt hatte Irene das Gefühl, dass auch sie kurz davor stand, sich an sie zu erinnern. Denn diese Frau hatte ein gewisses Fluidum, ein nicht greifbares Etwas, zu vage, um es zu bestimmen, zu unnahbar, um es zu fassen, aber für Irene Redfield war es sehr vertraut."

Er nennt sie liebevoll "Nig"

Und nun wird klar, was das magische Band zwischen den beiden Frauen gewesen ist: zwei hellhäutige Afroamerikanerinnen, die sich in der Sphäre der Weißen bewegen, jedoch jederzeit auffliegen könnten. Während Irene weiterhin in Harlem lebt, hat Clare Kendry die Seiten gewechselt. Mehr noch: Sie ist mit einem weißen Rassisten verheiratet.  Er nennt seine Frau liebevoll "Nig", da diese in den letzten Jahren etwas Teint entwickelt habe, wie er findet.

"Du kannst von mir aus so schwarz werden, wie du willst, ich weiß ja, dass du kein Nigger bist. Da ziehe ich die Grenze. Keine Nigger in meiner Familie. Gab nie welche und wird auch nie welche geben."

Clare beginnt, nun wieder in Harlem zu verkehren. Sie besucht die Cocktailpartys der schwarzen Mittelschicht. Etwa die Benefizveranstaltung der "Negro Welfare League", die im Jahr 1927 auch von Schaulustigen der weißen Mittelschicht besucht wird.

"Einige wollen sich schlicht und einfach amüsieren. Andere wollen sich Anschauungsmaterial beschaffen, um es zu Kohle zu machen. Andere wieder wollen die Großen und beinah Großen anstaunen, wie sie die Schwarzen anstaunen."

Betrug an der weißen Rasse

Der Preis, den Clare für ihren Seitenwechsel bezahlt ist ihre Einsamkeit.

"Keiner Menschenseele nahe sein. Nie jemanden haben, mit dem man offen reden kann."
Der Preis der Ehrlichkeit wiederum würde sehr wahrscheinlich dazu führen, dass sie ihr Kind verliert. Vielleicht sogar gelyncht wird. Denn ein Seitenwechsel, so wird in den Gesprächen des Romans deutlich, ist Betrug an der weißen Rasse. Und er ist ein One-Way-Ticket.
Interessant an diesem Roman ist aus heutiger Sicht aber nicht nur der Konflikt von damals, sondern die Perspektive auf Rasse und Geschlecht im progressiven schwarzen Milieu der zwanziger Jahre. Rassismus ist das entscheidende Thema des Romans. Aber Rasse ist eben auch unter den Progressiven nicht als Fluidum denkbar. Ein bisschen schwarz zu sein, heißt im Harlem der Zwanziger automatisch ganz schwarz zu sein – und das für immer. So lautet allerorten die Devise – auf Seiten der Rassisten und auf Seiten der Schwarzen. Auf einer Party sagt eine hellhäutige schwarze Freundin: 

"Ich hätte um nichts in der Welt Fred geheiratet, ohne ihn aufzuklären. Man kann nie sagen, was auf einen zukommt."

Homosexuelle Unterströmungen

Das ist also auch die Perspektive hellhäutigerer Schwarzer, die im Roman zu den gesellschaftlichen Aufsteigern innerhalb der schwarzen Community gehören. Und doch gibt es überall die Sehnsucht nach Vermischung, ob es die Weißen sind, die aus Neugier oder Ressentiment nach Harlem reisen. Oder die Schwarzen, die nach einem Leben in den bürgerlichen weißen Wohnorten der Stadt streben.

Zwischen den beiden Freundinnen Irene und Clare wird es noch aufschlussreiche Spannungen im Roman geben, auf die Fridtjof Küchemann in seinem Nachwort aufmerksam macht. Die homosexuellen Unterströmungen im Roman weiten das heute wieder so virulente Thema eines Lebens jenseits binärer ethnischen Zuschreibungen von Schwarz und Weiß auch auf das Thema Geschlecht aus. Im Harlem der Zwanziger aber, so lehrt dieses Buch, gereicht einem das Streben nach Grenzgängen nicht zum Vorteil:
"Aber Clare – Clare war beinah ganz so geblieben wie immer, ein anziehendes, etwas einsames Kind – egoistisch, eigensinnig und beunruhigend."

Nella Larsen: "Seitenwechsel"
Aus dem Englischen von Adelheid Dormagen
Dörlemann, Zürich, 219 Seiten, 20 Euro.

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